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Feuilleton

Sand im Getriebe

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die meisten EU-Bürger sind in Sachen Sicherheit verwöhnt - und leicht zu irritieren. Allerdings sind ihre Sorgen nicht unbegründet.

Habe das Gefühl, dass wir ziemlich schwierige Zeiten durchmachen": Dieser Aussage stimmten laut einer IMAS-Umfrage 56 Prozent der Österreicher im Juni 2003 zu, als man sie fragte, ob wir in einer glücklichen oder schwierigen Zeit lebten (übrigens die düsterste Einschätzung der letzten 30 Jahre). Ein ähnliches Bild in Deutschland: "Ängste der Deutschen groß wie nie" so der Titel eines FAZ-Artikels vom 9. September 2003, der die Ergebnisse einer Umfrage im Nachbarland zusammenfasste.

Zunächst wirkt diese Tatsache überraschend in Ländern, die mehr als 50 Jahre Frieden und wirtschaftlichen Aufschwung erlebt haben. Was wurde in diesem Zeitraum nicht an Anstrengungen zur Absicherung des Bürgers unternommen: für das Alter, bei Krankheit, Unfällen oder Arbeitslosigkeit! Die Versicherungen überbieten sich mit Angeboten, die das finanzielle Risiko bei Unglücksfällen (Brand, Kfz-Unfall, Diebstahl, usw.) mildern oder beseitigen. Die Absicherung gegen alle Unbill des Lebens und eine zuverlässige Versorgung mit Gütern ist genau genommen die Verheißung heutiger Politik.

Technik - fast perfekt

Und sie hat auf diesem Gebiet Beachtliches erreicht. In Österreich sind heute rund 500.000 Menschen mehr beschäftigt als vor 50 Jahren. Im selben Zeitraum hat sich das Brutto-Inlandsprodukt fast versechsfacht. Die Wirtschaft versorgt uns erstaunlich reibungslos mit einer Vielfalt von Leistungen. Beeindruckend ist vor allem, wie zuverlässig technische Geräte und Systeme trotz ihrer hohen Komplexität arbeiten. Wieso dann diese Verunsicherung?

Der in Sachen Sicherheit verwöhnte Bürger ist eben leicht zu irritieren. Tatsächlich gibt es ja auch eine Reihe von guten Gründen für Verunsicherung. Da ist zunächst die Globalisierung, die ein bisher weitgehend auf die Versorgung von Ländern ausgerichtetes Wirtschaftssystem aufgebrochen und damit einen unerbittlichen internationalen Wettbewerb in Gang gesetzt hat (Seite 27). Die eigene Sicherheit wird so von immer mehr unbeeinflussbaren Faktoren abhängig.

Verunsichernd wirkt auch die rasante Entwicklung von Forschung und Entwicklung. Sie verändert den Lebensraum in einer für viele schwer nachvollziehbaren Geschwindigkeit. Dabei entstehen immer perfektere und mächtigere Instrumente zur Beherrschung der Natur und zur Steuerung verschiedenster Prozesse. Alles wird rationalisiert. Wirtschaftliche und soziale Systeme werden als durchgeplante Gebilde gestaltet, in denen die Menschen oft nur mehr zu Trägern vorgegebener Funktionen, zu Rädchen im Getriebe werden, austauschbar. Und das verunsichert ebenfalls.

Rädchen im Getriebe

Bemerkenswert ist, dass dieses Konzept bislang insgesamt so gut funktioniert. Allerdings kommt es immer wieder zu Pannen, ja sogar zu katastrophalen Fehlleistungen wie den Unfällen von Tschernobyl, Bhopal, Seveso oder der Bergbahn-Katastrophe von Kaprun. Solche Ereignisse machen dann deutlich, dass es die perfekte Technik nicht gibt (Seite 26). Im normalen, reibungslos ablaufenden Alltag verliert man diese Einsicht nur allzu leicht aus den Augen und wiegt sich in der Illusion der Sicherheit.

Signifikanter für die eigentliche Gefährdung heute sind jedoch Ereignisse wie die Hochwasser-Katastrophe des Vorjahres in Europa. Die "Münchener Rück", einer der größten Rückversicherer, weist in ihrer Studie topics Naturkatastrophen 2002 darauf hin, dass die Klimaveränderung uns in Zukunft vermehrt solche Extrem-Ereignisse bescheren werde. Die Entwicklung der letzten 50 Jahren sei eindeutig: starke Zunahme der Häufigkeit großer Naturkatastrophen. Ihr weltweit angerichteter Schaden liege in den neunziger Jahren 16 Mal über dem Wert der Dekade 1950 bis 1959.

Katastrophen nehmen zu

Beobachtungen wie diese rufen in Erinnerung: Der wirtschaftlich-technische Fortschritt spielt sich in einem nicht durchschaubaren Umfeld ab. Die Vielfalt und das Ausmaß der Eingriffe in die Schöpfung sowie ihre Großräumigkeit haben oft erst spät erkennbare und daher schwer zu korrigierende negative Folgen. Dass 1,2 Millionen Österreicher das Gentechnik-Volksbegehren unterschrieben haben, war Ausdruck dafür, dass der fortgesetzte Umbau der Welt in den Augen vieler ein Weg in die Unsicherheit ist.

Dass die Vorstellung vom rundum abgesicherten Leben eine Illusion ist, wird an einer weiteren Entwicklung deutlich: der wachsenden Lebensfeindlichkeit von Großstädten. Immer mehr Menschen leben in unüberschaubaren Ballungsräumen. Waren 1950 nur knapp 30 Prozent der Weltbevölkerung Städter, so sind es heute über 50 Prozent.

Nährboden für Kriminalität

Diese Räume sind trotz vieler Vorteile ein ideales Umfeld für Fehlentwicklungen, Vereinsamung, Ausgrenzung, ein Nährboden für Kriminalität, ein geeignetes Betätigungsfeld für Terroristen. Die Anschläge seit dem 11. September 2001, zuletzt die in Istanbul, haben die große Verwundbarkeit der Gesellschaft bewusst gemacht. Dank der Technik ist die Handhabung bedrohlicher Mittel sehr vereinfacht worden. Via Internet hat heute jedermann Zugang zu todbringendem Know-how. So sind internationaler Terrorismus und organisierte Kriminalität bestens gerüstet, um das Funktionieren der auf technische Einrichtungen angewiesenen und daher verwundbaren Gesellschaft zu gefährden.

Dezentralisierung, die Schaffung überschaubarer Räume, der Abbau von Anonymität wären aller Voraussicht nach ein wichtiger Beitrag zu mehr Sicherheit. Das zeigen alle Stadt-Land-Vergleiche der Kriminalstatistik - auch die österreichischen Daten für 2003: Sie zeigen, dass rund 40 Prozent der Delikte hierzulande in Wien stattfanden. Dort wurde auch der stärkste Anstieg der Kriminalität und die geringste Aufklärungsquote verzeichnet.

Wo die Überschaubarkeit verloren geht, fühlt sich der Mensch verunsichert, weil in ihm das Gefühl wächst, nicht mehr selbst mit Problemen zurecht kommen zu können. Daher ist die Begünstigung einer Tendenz zu mehr Überschaubarkeit ein dem Menschen entsprechendes Konzept, das außerdem zwischenmenschliche Beziehungen begünstigt und dem Einzelnen den Eindruck vermittelt, in seinem Umfeld geborgen zu sein.

Der von US-Präsident George W. Bush ausgerufene und konsequent voran getriebene Krieg gegen den Terrorismus erscheint hingegen eher als Versuch, die Illusion von der Sicherung durch perfekte Systeme weiter am Leben zu erhalten.

Die meisten EU-Bürger sind in Sachen Sicherheit verwöhnt - und leicht zu irritieren. Allerdings sind ihre Sorgen nicht unbegründet.

Habe das Gefühl, dass wir ziemlich schwierige Zeiten durchmachen": Dieser Aussage stimmten laut einer IMAS-Umfrage 56 Prozent der Österreicher im Juni 2003 zu, als man sie fragte, ob wir in einer glücklichen oder schwierigen Zeit lebten (übrigens die düsterste Einschätzung der letzten 30 Jahre). Ein ähnliches Bild in Deutschland: "Ängste der Deutschen groß wie nie" so der Titel eines FAZ-Artikels vom 9. September 2003, der die Ergebnisse einer Umfrage im Nachbarland zusammenfasste.

Zunächst wirkt diese Tatsache überraschend in Ländern, die mehr als 50 Jahre Frieden und wirtschaftlichen Aufschwung erlebt haben. Was wurde in diesem Zeitraum nicht an Anstrengungen zur Absicherung des Bürgers unternommen: für das Alter, bei Krankheit, Unfällen oder Arbeitslosigkeit! Die Versicherungen überbieten sich mit Angeboten, die das finanzielle Risiko bei Unglücksfällen (Brand, Kfz-Unfall, Diebstahl, usw.) mildern oder beseitigen. Die Absicherung gegen alle Unbill des Lebens und eine zuverlässige Versorgung mit Gütern ist genau genommen die Verheißung heutiger Politik.

Technik - fast perfekt

Und sie hat auf diesem Gebiet Beachtliches erreicht. In Österreich sind heute rund 500.000 Menschen mehr beschäftigt als vor 50 Jahren. Im selben Zeitraum hat sich das Brutto-Inlandsprodukt fast versechsfacht. Die Wirtschaft versorgt uns erstaunlich reibungslos mit einer Vielfalt von Leistungen. Beeindruckend ist vor allem, wie zuverlässig technische Geräte und Systeme trotz ihrer hohen Komplexität arbeiten. Wieso dann diese Verunsicherung?

Der in Sachen Sicherheit verwöhnte Bürger ist eben leicht zu irritieren. Tatsächlich gibt es ja auch eine Reihe von guten Gründen für Verunsicherung. Da ist zunächst die Globalisierung, die ein bisher weitgehend auf die Versorgung von Ländern ausgerichtetes Wirtschaftssystem aufgebrochen und damit einen unerbittlichen internationalen Wettbewerb in Gang gesetzt hat (Seite 27). Die eigene Sicherheit wird so von immer mehr unbeeinflussbaren Faktoren abhängig.

Verunsichernd wirkt auch die rasante Entwicklung von Forschung und Entwicklung. Sie verändert den Lebensraum in einer für viele schwer nachvollziehbaren Geschwindigkeit. Dabei entstehen immer perfektere und mächtigere Instrumente zur Beherrschung der Natur und zur Steuerung verschiedenster Prozesse. Alles wird rationalisiert. Wirtschaftliche und soziale Systeme werden als durchgeplante Gebilde gestaltet, in denen die Menschen oft nur mehr zu Trägern vorgegebener Funktionen, zu Rädchen im Getriebe werden, austauschbar. Und das verunsichert ebenfalls.

Rädchen im Getriebe

Bemerkenswert ist, dass dieses Konzept bislang insgesamt so gut funktioniert. Allerdings kommt es immer wieder zu Pannen, ja sogar zu katastrophalen Fehlleistungen wie den Unfällen von Tschernobyl, Bhopal, Seveso oder der Bergbahn-Katastrophe von Kaprun. Solche Ereignisse machen dann deutlich, dass es die perfekte Technik nicht gibt (Seite 26). Im normalen, reibungslos ablaufenden Alltag verliert man diese Einsicht nur allzu leicht aus den Augen und wiegt sich in der Illusion der Sicherheit.

Signifikanter für die eigentliche Gefährdung heute sind jedoch Ereignisse wie die Hochwasser-Katastrophe des Vorjahres in Europa. Die "Münchener Rück", einer der größten Rückversicherer, weist in ihrer Studie topics Naturkatastrophen 2002 darauf hin, dass die Klimaveränderung uns in Zukunft vermehrt solche Extrem-Ereignisse bescheren werde. Die Entwicklung der letzten 50 Jahren sei eindeutig: starke Zunahme der Häufigkeit großer Naturkatastrophen. Ihr weltweit angerichteter Schaden liege in den neunziger Jahren 16 Mal über dem Wert der Dekade 1950 bis 1959.

Katastrophen nehmen zu

Beobachtungen wie diese rufen in Erinnerung: Der wirtschaftlich-technische Fortschritt spielt sich in einem nicht durchschaubaren Umfeld ab. Die Vielfalt und das Ausmaß der Eingriffe in die Schöpfung sowie ihre Großräumigkeit haben oft erst spät erkennbare und daher schwer zu korrigierende negative Folgen. Dass 1,2 Millionen Österreicher das Gentechnik-Volksbegehren unterschrieben haben, war Ausdruck dafür, dass der fortgesetzte Umbau der Welt in den Augen vieler ein Weg in die Unsicherheit ist.

Dass die Vorstellung vom rundum abgesicherten Leben eine Illusion ist, wird an einer weiteren Entwicklung deutlich: der wachsenden Lebensfeindlichkeit von Großstädten. Immer mehr Menschen leben in unüberschaubaren Ballungsräumen. Waren 1950 nur knapp 30 Prozent der Weltbevölkerung Städter, so sind es heute über 50 Prozent.

Nährboden für Kriminalität

Diese Räume sind trotz vieler Vorteile ein ideales Umfeld für Fehlentwicklungen, Vereinsamung, Ausgrenzung, ein Nährboden für Kriminalität, ein geeignetes Betätigungsfeld für Terroristen. Die Anschläge seit dem 11. September 2001, zuletzt die in Istanbul, haben die große Verwundbarkeit der Gesellschaft bewusst gemacht. Dank der Technik ist die Handhabung bedrohlicher Mittel sehr vereinfacht worden. Via Internet hat heute jedermann Zugang zu todbringendem Know-how. So sind internationaler Terrorismus und organisierte Kriminalität bestens gerüstet, um das Funktionieren der auf technische Einrichtungen angewiesenen und daher verwundbaren Gesellschaft zu gefährden.

Dezentralisierung, die Schaffung überschaubarer Räume, der Abbau von Anonymität wären aller Voraussicht nach ein wichtiger Beitrag zu mehr Sicherheit. Das zeigen alle Stadt-Land-Vergleiche der Kriminalstatistik - auch die österreichischen Daten für 2003: Sie zeigen, dass rund 40 Prozent der Delikte hierzulande in Wien stattfanden. Dort wurde auch der stärkste Anstieg der Kriminalität und die geringste Aufklärungsquote verzeichnet.

Wo die Überschaubarkeit verloren geht, fühlt sich der Mensch verunsichert, weil in ihm das Gefühl wächst, nicht mehr selbst mit Problemen zurecht kommen zu können. Daher ist die Begünstigung einer Tendenz zu mehr Überschaubarkeit ein dem Menschen entsprechendes Konzept, das außerdem zwischenmenschliche Beziehungen begünstigt und dem Einzelnen den Eindruck vermittelt, in seinem Umfeld geborgen zu sein.

Der von US-Präsident George W. Bush ausgerufene und konsequent voran getriebene Krieg gegen den Terrorismus erscheint hingegen eher als Versuch, die Illusion von der Sicherung durch perfekte Systeme weiter am Leben zu erhalten.