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"Aus der Keimbahn raushalten"

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Wie sieht ein Spitzenforscher unsere biotechnologische Zukunft? Josef Penninger über Biobanken, die Genschere und die Vision vom genmodifizierten Menschen. | Das Gespräch führte Martin Tauss

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Wie sieht ein Spitzenforscher unsere biotechnologische Zukunft? Josef Penninger über Biobanken, die Genschere und die Vision vom genmodifizierten Menschen. | Das Gespräch führte Martin Tauss

Im Team von Josef Penninger wird nach neuen Therapieansätzen geforscht: Die Forscher manipulieren gezielt Gene in der Maus, um die Auswirkungen dieser Veränderungen auf den Organismus zu studieren. Die FURCHE traf Penninger letzte Woche beim Bioethik-Symposium am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien.

DIE FURCHE: Welche ethischen Herausforderungen werden mit dem Ausbau von Biobanken aktuell?

Josef Penninger: Es geht etwa darum, was man mit den Stammzellen anfangen kann, die die Menschen den Biobanken zur Verfügung stellen: Man kann einwilligen, dass die Zellen nur für einen bestimmten Zweck verwendet werden oder dass diese auch in der Zukunft für die Forschung verfügbar sind -ohne noch zu wissen, was man damit alles machen wird können. Aus Sicht der Wissenschaft wäre es wichtig, hier eine "breite Einwilligung" anzustreben, so dass mit dem biologischen Material künftig weiteres Wissen generiert werden kann.

DIE FURCHE: Vor ein paar Jahren etwa wusste man noch nicht, dass ein Werkzeug wie die Genschere für Aufruhr sorgen wird. Wie schätzen Sie deren Potenzial ein?

Penninger: Das ist eine tolle neue Technologie, aber in drei Jahren wird es die nächste tolle neue Technologie geben. Das Konzept der Genschere ist nicht neu, aber sie ist einfacher und billiger als bisherige Verfahren.

DIE FURCHE: Gerade die Einfachheit der Handhabung wirft ethische Bedenken auf ...

Penninger: In den USA zielen Forscher darauf ab, bei Frauen mit seltenen Erbkrankheiten Eizellen zu entnehmen und gezielt Mutationen zu reparieren. Das wird ethisch so begründet, dass etwas Ähnliches ohnehin schon geschieht. Bei der künstlichen Befruchtung entstehen mehrere Embryonen, die gesundheitlich geprüft werden. Über das Aussortieren der Embryonen erfolgt bereits eine Selektion. Das Argument der Forscher lautet daher: Wir selektionieren nicht, sondern schreiten gleich zur Gen-Reparatur.

DIE FURCHE: Was halten Sie davon?

Penninger: Es ist nicht notwendig. Und selbst wenn man sorgfältig arbeitet, lassen sich unbeabsichtigte Mutationen nicht ausschließen. Aus der Keimbahn sollte man die Genschere draußen halten.

DIE FURCHE: Bei welchen Krankheiten könnte das neue Werkzeug vielversprechend sein?

Penninger: Zum Beispiel bei seltenen Bluterkrankungen: Aufgrund eines genetischen Defekts fehlt etwa den Betroffenen ein Gerinnungsfaktor im Blut. Man könnte das behandeln, indem man Blutstammzellen entnimmt, den Gendefekt repariert und die Zellen wieder zurückgibt. Man müsste nicht jede Zelle reparieren, die den Gerinnungsfaktor herstellt; vielleicht reichen schon zwei Prozent für einen Therapieerfolg. Bei Krankheiten, die durch verschiedenste Faktoren bedingt sind, wird es aber komplex. Da hätte ich nicht zu große Erwartungen.

DIE FURCHE: Die Genschere beflügelt auch Hoffnungen, Infektionskrankheiten wie Malaria durch Genmanipulation an Moskitos zu bekämpfen ...

Penninger: Da gibt es Hoffnungen und Befürchtungen. Manche sagen, tun wir das bitte nicht: Dadurch könnte eine genetische Mutation in die Welt gesetzt werden, die sich dann nicht mehr abschalten lässt. Ich sehe das ebenfalls kritisch. Aber es gibt ja auch den Weg, dass die Manipulationen begrenzt bleiben: Man lässt etwa genveränderte Moskitos aus, die sich nicht mehr weitervermehren können.

DIE FURCHE: High-Tech-Visionäre glauben an eine Zukunft, in der der Mensch genetisch verbessert wird. Was sagen Sie dazu?

Penninger: Als Biologe halte ich die Diversität hoch. Genetische "Verbesserungen" würden dem zuwiderlaufen. Wir wären als Gesellschaft gut beraten, nicht in diese Richtung zu gehen. Das Leben will Diversität, keine "genetischen Flaschenhälse". Es ist doch toll, wenn wir klein und groß, dick und dünn sind, und unterschiedliche Begabungen haben. Es gibt Südsee-Inseln, wo bei Naturkatastrophen nur wenige Einwohner überlebt haben. Da entsteht ein genetischer Engpass: Viele Menschen haben eine ähnliche Abstammung. Das ist der Grund für schwere Erbkrankheiten. Man kann das ruhig weiterdenken: Je mehr sich Ethnien vermischen, desto besser ist es für die ganze Gesellschaft.

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