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Im Anfang war nicht das Gen

Geschichten über die Macht der Gene gibt es viele. Doch wie mächtig sind die Gene wirklich?

DNA macht RNA, RNA macht Protein und Proteine machen uns", mit diesem lapidaren Statement brachte Francis Crick, Entdecker der DNA-Helixstruktur das Wissen um den genetischen Informationsfluss auf den Punkt. Auf einer Konferenz im Jahre 1957.

Heute, fünfzig Jahre später, weiß die Wissenschaft, dass die Interaktionen zwischen DNA, RNA und Proteinen weitaus vielschichtiger sind. Der Mensch ist mehr als seine DNA, mehr als die 30.000 bis 45.000 Gene, die sich darauf befinden.

Monogenetisch

Zweifelsohne ist die Macht von manchen Genen groß. So können Veränderungen an einem einzelnen Gen ernsthafte Erkrankungen auslösen. Heute sind mehrere Tausende solcher monogenetischen Erkrankungen bekannt. Gleichzeitig existieren ein paar hundert Gentests. Im besten Fall können die Ärzte dann etwas tun. Bei einem positiven Test auf eine familiäre Form des Dickdarmkrebses etwa können regelmäßige Kontrollen oder eine prophylaktische Operation Leben retten. In sehr vielen Fällen gibt es aber keine medizinische Abhilfe. Bei Chorea Huntington beispielsweise wissen die positiv Getesteten dann lediglich, dass sie im Alter zwischen 40 und 50 das Nervenleiden bekommen werden. Eine unangenehme Gewissheit.

Viele Faktoren

In sehr vielen Fällen jedoch sind die Gene nicht die alleinigen Verursacher von Krankheiten. Bei den weithin bekannten, mit dem Alter assoziierten Volksleiden (wie Herz-Kreislauferkrankungen, viele Krebserkrankungen etc.) stellen die Gene nur einen von vielen Faktoren dar. Die Gene sind also zumeist nicht allmächtig, sondern stellen lediglich ein mehr oder weniger wichtiges Rädchen im molekularen Räderwerk dar.

Bei einer multifaktoriellen Krankheit ergibt ein Gentest deshalb "nur" ein statistisch hohes (oder niedriges) Risiko. Wer im Einzelfall erkranken wird und wer verschont bleibt, kann die Wissenschaft dabei nicht voraussagen. Für die Getesteten können sich daraus schwierige Situationen ergeben (siehe das Beispiel Brustkrebs auf Seite 24).

Sich nicht zu testen, nicht wissen zu wollen, ist eine Option. James Watson, der zweite Entdecker der DNA-Helixstruktur, hat sich so entschieden. Wie der Nobelpreisträger vor einigen Wochen bekannt gab, soll sein ganzes Erbgut sequenziert und öffentlich gemacht werden. Nicht analysieren lässt der 79-Jährige jedoch gewisse Abschnitte der DNA, wie jenen für das ApoE-Gen. Wer eine bestimmte Form dieses Gens, das ApoE4, erbt, hat ein erhöhtes Risiko für Alzheimer. Rund sechs von zehn Alzheimerkranken sind Träger dieses Gens. Doch ist das ApoE4-Gen damit ein krankes Gen? Viele Personen mit ApoE4 erkranken niemals an Alzheimer. Nicht wenige Laboratorien testen deshalb nicht auf dieses Gen. Das Ergebnis habe einen zu geringen diagnostischen Wert. Watson sieht das wohl anders.

Sehr einfache Botschaften

Mit bloßen Wahrscheinlichkeiten beschäftigen sich die Medien nur selten. Gereinigt von allen statistischen Unsicherheiten wird in regelmäßigen Abständen über neue Gene berichtet. Auf eine Schlagzeile verkürzt, wird die Macht der Gene erst so richtig deutlich. Wer glaubt, dass es hier große Unterschiede zwischen Boulevard- und Qualitätsmedien gibt, der irrt.

Manchmal werden sogar komplexe menschliche Verhaltensweisen als von den Genen bestimmt dargestellt. So war erst kürzlich im Standard (im New-YorkTimes-Teil der Montagsausgabe) zu lesen: "Biologen sind immer mehr davon überzeugt, dass das menschliche Sexualverhalten kein freies Verhalten darstellt, sondern zu jedem Zeitpunkt von genetischen Programmen geleitet wird" (Standard, 16.4.07). Wenn das lediglich bedeutet, dass parallel zum Liebesleben biochemische Prozesse ablaufen, ist die Botschaft relativ trivial. Aber es soll wohl heißen: Die Gene steuern das menschliche Verhalten. Und das ist selbstverständlich Quatsch.

Doch was treibt Forscher dazu, solche Geschichten zu erzählen? Vielleicht geht es tatsächlich nur mehr um mediale Aufmerksamkeit - und damit zusammenhängend: um ökonomische Interessen (wie Joachim Bauer im Interview auf Seite 23 vermutet).

Gene und Umwelt

So häufig die Gene in den Medien auch vorkommen, kaum einmal wird erklärt, dass Gene auch reguliert werden. Als molekulare Gebilde liegen sie nämlich eher hilflos in den Zellen herum. Die Verdoppelung der DNA beispielsweise gelingt nur mit Proteinen und RNA-Molekülen. Es ist also ein großer Irrtum zu glauben, dass die Gene die Steuerleute des molekularen Geschehens sind. Ja, je mehr im Umfeld der Gene über die Rolle der RNA und Proteine geforscht wird, desto klarer tritt die Bedeutung dieser molekularen Mitspieler zutage. Selbst psychische Erfahrungen wirken sich auf die Steuerung der Gene aus. So zeigten Tierversuche, dass mangelnde mütterliche Fürsorge ein Muster auf den Genen hinterlässt (Die Veränderung betrifft übrigens nicht die einzelnen Buchstaben, sondern das Rückgrat der DNA). Die Folge ist: Jene Gene, die für die Stresshormon-Produktion verantwortlich sind, werden leichter angeschaltet.

Gene mit Geschichte

Auf diesen Effekt hat auch Renee Schroeder unlängst in einer Wiener Vorlesung hingewiesen: "Wir wissen heute, dass bei der Steuerung der Gene Geschichte darin ist." Nämlich die Geschichte der Umwelt.

Natürlich hat die Aussage der RNA-Forscherin in den Medien kein Echo gefunden. Dort werden wohl weiterhin mit Vorliebe Gen-Geschichten kolportiert. Gen für X entdeckt, ist halt eine wunderbare Schlagzeile. Die Forschung hingegen wird die "Machtverteilung" zwischen Genen und anderen Molekülen weiter ergründen. Ob durch dieses neue Wissen der Mensch an Macht gewinnt oder in Ohnmacht verfällt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie die Gesellschaft sich entscheidet, mit diesem Wissen umzugehen.

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