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"Fast so viel Macht wie Gott"

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Vor zwei Jahren gingen die Bilder vom ersten geklonten Säugetier, dem Schaf Dolly, um die Welt. Seither hat sich die Technik weiterentwickelt. Eine Bestandsaufnahme.

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Vor zwei Jahren gingen die Bilder vom ersten geklonten Säugetier, dem Schaf Dolly, um die Welt. Seither hat sich die Technik weiterentwickelt. Eine Bestandsaufnahme.

Meldungen zum Thema Klonen häufen sich, seit Dolly, das wohl berühmteste Schaf der Welt, vor rund zwei Jahren der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Wissenschafter des schottischen Roslin Instituts in Edinburgh hatten die ursprüngliche Erbinformation einer Eizelle entfernt. In die entkernte Eizelle spritzten sie die genetische Information eines zweiten Schafes. Das so veränderte Ei wurde einem dritten Schaf eingepflanzt. Diese "Leihmutter" brachte dann das Lamm Dolly zur Welt, eine identische Kopie des zweiten Schafes.

Was vor zehn Jahren noch als pure Science-Fiction-Phantasie abgetan worden wäre, gehört heute fast zur Normalität: Zu Weihnachten ist das erste deutsche Klon-Kalb, "Uschi", zur Welt gekommen. Ankündigungen, teure Rennpferde klonen zu wollen, wetteifern mit Berichten, ausgestorbene Mammuts durch die Klon-Methode wieder zum Leben zu erwecken. Thailändische Wissenschafter wollen jetzt einen weißen Elefanten duplizieren, der vor mehr als 100 Jahren gelebt hat.

Ein Froschembryo ohne Kopf geklont Vor etwa einem Jahr meldete ein Biologe aus England, einen Froschembryo ohne Kopf geklont zu haben. Die kopflosen Geschöpfe wurden aber aus rechtlichen Gründen nicht länger als eine Woche am Leben erhalten - bis zu diesem Zeitpunkt gelten Geschöpfe nach britischen Recht noch nicht als Tiere.

Eher erheiternd nimmt sich hingegen die Idee eines texanischen Millionärs aus, der seine Collie-Hündin "Missy" duplizieren lassen will und bereit ist, dafür fünf Millionen Dollar zu zahlen. Unbehaglich zumute wird einem dann doch beim Lesen von Meldungen, die das Klonen von Menschen betreffen.

Den jüngsten Beitrag dazu lieferte Ian Wilmut vom schottischen Roslin-Institut, "Vater" des Klonschafes "Dolly". Er kündigte nämlich an, menschliche Zellen klonen zu wollen, um daraus Stammzellen zu gewinnen. Diese haben den Vorteil, daß sie sich in jede Richtung entwickeln können, wodurch sich jedes beliebige menschliche Organ nach Bedarf herstellen ließe. Wissenschafter müßten die Stammzellen nur entsprechend programmieren. Das perfekte menschliche Ersatzteillager wäre damit geschaffen, denn die geklonten Ersatzorgane würden keine Abstoßungsreaktionen verursachen. Für Wilmut eine entscheidende Voraussetzung für zukünftige Therapien bislang unheilbarer Krankheiten.

Der Genforscher sagte in einem BBC-Interview, er hoffe, dank der Embryozellen Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson besser verstehen zu können. "Natürlich verstehe ich, daß dies für einige Menschen anstößig ist, und ich glaube, es ist sehr wichtig, daß dies aus einer gesellschaftlichen Entscheidung heraus geschieht, aber persönlich bin ich darauf vorbereitet, weil das schreckliche Krankheiten sind," so der Kommentar des schottischen Forschers.

Wilmut sieht in seiner Methode und dem tatsächlichen Klonen von Menschen einen feinen Unterschied: Die geklonten Embryos sollen bereits nach wenigen Tagen im Frühstadium getötet werden, noch ehe sie das Fötenstadium erreichen.

Innerhalb der nächsten Wochen will Wilmut, vermutlich in Kooperation mit der amerikanischen Biotechnologiefirma "Geron Corporation", die bereits an der Forschung über die Züchtung menschlicher Stammzellen beteiligt ist, mit der Herstellung von geklonten menschlichen Embryos für die medizinische Forschung beginnen.

Die Stammzellen, die Wilmut aus den Embryos gewinnen möchte, haben aber auch noch eine andere attraktive Eigenschaft. Sie erzeugen das Enzym Telomerase und können sich dadurch beinahe unendlich erneuern und eine fast grenzenlose Zahl von Zellen hervorbringen. Telomerase verhindert das Altern von Zellen und kann möglicherweise zur Lebensverlängerung eingesetzt werden. Die Biotechnologiefirma Geron besitzt ein Patent auf Telomerase ...

Bisher hatte sich Wilmut zum Thema Klonen menschlicher Zellen immer abwehrend geäußert. So sagte er vor zwei Jahren, nachdem das Klonschaf Dolly der Öffentlichkeit präsentiert wurde: "Da würden wir erst einmal fragen, ob es dafür überhaupt einen medizinischen Bedarf gibt, und da können wir keinen sehen."

Auch noch vergangenen Dezember behauptete Dolly-Vater Wilmut bei einer Tagung der Deutschen Gesellschaft zum Studium der Fertilität und Sterilität, man könne heute noch nicht vorhersagen, wann der erste Mensch geklont würde: "Wer weiß, vielleicht dauert es zehn, 50 oder 100 Jahre..."

Nach der Meldung über die Geburt von Dolly dachten viele, es wäre noch ein weiter Weg vom Tier zum Menschen. Der Labour-Politiker Lord Winston sagte damals in einem BBC-Interview, es bestehe "kein dringender Diskussionsbedarf". Seiner Ansicht nach gebe es "absolut keine Möglichkeit, daß Menschen in näherer Zukunft geklont werden könnten".

"Den geklonten Menschen darf und wird es nie geben", so der Tenor europäischer Politiker vor zwei Jahren im Zuge der Debatte rund um Dolly. Doch wenn vom Wohle des Menschen durch den Segen der Medizin die Rede ist und davon, daß viel Leid gelindert werden kann, dann findet eine Methode, die zuvor geächtet war, rasch allgemeine Akzeptanz.

Auf Dauer nur schwer aufzuhalten Der Wiener Universitätsprofessor Johannes Huber warnte vergangenes Jahr bei einer Enquete zum Thema "gläserne Menschen", es sei gefährlich, den Zeitpunkt, zu dem die öffentliche Meinung in Richtung Klonen umschlägt, irgendwann ins nächste Jahrtausend zu verschieben. "Wenn man genetisch gleiche Zellverbände benötigt, um Teile von Nervengewebe des Herzens oder der Leber zu regenerieren - vorausgesetzt, daß es funktioniert -, so wird man sich a la longue dem Klonen nicht widersetzen können", so Huber. Werden die medizinischen Vorteile durch das Klonen offenkundig, so werde die Gesellschaft nach der Gentechnik rufen und möglicherweise sogar jene zur Verantwortung ziehen, die das zu verhindern suchten. "Für diesen Augenblick ist unsere Gesellschaft weder legistisch, noch ethisch, noch moralisch gewappnet."

Der Schotte Wilmut ist nicht der einzige Forscher auf diesem Gebiet: Bereits im Dezember des Vorjahres gaben südkoreanische Wissenschafter bekannt, es sei ihnen gelungen, menschliche Zellen zu klonen. Der Eizelle einer 30jährigen Frau wurde die Erbinformation entnommen und durch die einer anderen Frau ersetzt. Der Versuch, so die südkoreanischen Wissenschafter, wurde aus rechtlichen und ethischen Gründen abgebrochen, als der Embryo das vierzellige Stadium erreichte.

Laut Angaben des Leiters der Forschergruppe, hätte aus dem Embryo eine genetische Kopie der Spenderin heranwachsen können, wenn der vierzellige Klon in eine Gebärmutter eingepflanzt worden wäre. Die koreanischen Wissenschafter waren somit die ersten, die sich öffentlich dazu bekannten, ein menschliches Wesen geklont zu haben.

Ankündigungen dieser Art gab es bereits einige. So will etwa Severino Antinori mit der Klon-Technik unfruchtbaren Männern helfen. Bekannt wurde der Italiener, als er einer 64jährigen Frau 1994 zu einem Kind durch In-Vitro-Fertilisation verhalf.

Der populistische amerikanische Physiker Richard Seed aus Chigago verkündete bereits vor einem Jahr, Menschen klonen zu wollen. Der Homo sapiens, jubelte Seed, hätte dann "fast so viel Macht wie Gott". Freiwillige Paare haben sich angeblich schon dafür gefunden.

Handwerklich kein Problem mehr Daß Klonen von Menschen heute handwerklich kein Problem für die Wissenschafter darstellt, ist so gut wie sicher. Und was heute noch für Science Fiction gehalten wird, ist vermutlich morgen bereits machbar: die Erschaffung von Nachkommen, am Reißbrett der Gentechniker entworfen. "Gen-design" heißt die Formel für die Zukunft, das Kreieren künstlicher Nachkommen.

Spätestens wenn es möglich wird, Klonen mit Eingriffen in die Keimbahn zu verbinden, könnte der Durchbruch kommen: ein Kind nach dem Ebenbild des Vaters oder der Mutter geklont, eventuell mit kleinen Korrekturen: einem Intelligenzquotienten von Albert Einstein und einer Figur von Claudia Schiffer. Und sollte dieses "Gen-design" in Europa verboten sein, so ist das vermutlich für Menschen mit viel Geld auch kein Problem. Irgendwo in unserer globalen, aber keineswegs moralisch vereinheitlichten Welt wird sich vermutlich jemand finden, um den Wunsch zu erfüllen.

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