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„Armut muß unser aller Schande werden”

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Seit Jahren widmen sich zahlreiche Organisationen im Oktober dem Thema Armut. So auch kürzlich die „Reichtumskonferenz”.

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Seit Jahren widmen sich zahlreiche Organisationen im Oktober dem Thema Armut. So auch kürzlich die „Reichtumskonferenz”.

Der 17. Oktober wurde 1992 von den Vereinten Nationen zum „Welttag zur Überwindung der Armut” erklärt. Jährlich widmen sich seitdem in jedem Oktober zahlreiche Länder und Organisationen dem Thema der zunehmenden Armut. Während sich die ÖGB-Frauen mit der Frage auseinandersetzten, wie es in Europa dazu kommt, daß die Armut weiblich ist, organisierte die Evangelische Aka.4emie Wien mit dem „Österreichischen Netzwerk gegen Armut und soziale Ausgrenzung” kürzlich die „Reichtumskonferenz”. Unter den Referenten zum Thema Reichtum/Armut waren Fachleute wie Bernd Marin vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, der Finanzwissenschafter Alexander Van der Bellen, der Theologe Johannes Dantine, der Sozialwissenschafter Christoph Badelt, Stefan Schulmeister vom Wirtschaftsforschungsinstitut, der Ökonom Gunther Tichy und andere.

Es ging bei der Konferenz auch um eine Neudefinition des Begriffes Reichtum, denn ohne diesen ist auch Armut nicht zu definieren. So kann Reichtum einerseits seine Orientierung an der Armutsgrenze haben. Diese liegt unterhalb der Hälfte dessen, was im Durchschnitt einem Haushalt zur Verfügung steht. Reichtum ist demnach das Überschreiten des doppelten durchschnittlichen, gewichteten Haushaltseinkommens. Das trifft mindestens auf zehn Prozent aller Österreicher zu.

Eine andere Annäherung definiert Menschen als reich, wenn sie - ohne daß sich ihre Vermögenssituation verschlechtert - ohne zu arbeiten, ein durchschnittliches Einkommen erzielen. Für die obersten zehn Prozent der Einkommensbezieher spielen Nicht-Lohneinkünfte eine immer größere Rolle. Über ein Viertel der Einkommen der Reichen wird als Kapitaleinkünfte ausgewiesen. Der Restand an Geldvermögen beträgt in Österreich rund 3.500 Milliarden Schilling. Das ist rund das Dreifache der Staatsschuld oder statistische 500.000 Schilling pro Einwohner beziehungsweise, eine Million Schilling pro Haushalt.

Vom Gesamtvermögen, also sowohl Grund- und Immobilienbesitz als auch Betriebs- und Finanzvermö-gen, liegen beim obersten Prozent der Bevölkerung 25 Prozent. Die obersten zehn Prozent teilen sich die Hälfte des Gesamtvermögens. Die reichsten 3.000 Haushalte Österreichs besitzen also durchschnittlich 438 Millionen Schilling.

Bedrückendes Leben

Auch mit der neuen Armut bleibt Österreich eine Wohlstandsgesellschaft. Armut hat in der heutigen Konsumgesellschaft oft eine andere Qualität als noch vor 100 Jahren und ist auch nicht mit der Armut in der Dritten Welt vergleichbar. Daß sie deshalb von den Betroffenen weniger bedrückend erfahren wird, ist damit nicht gesagt.

Aber was heißt „arm”? Ist Armut rein materiell, also in Schillingen pro Monat, zu messen? Ist Armut eine Relation, zum Beispiel das Verhältnis zum durchschnittlichen Familieneinkommen? Oder mißt man, Armut anhand mangelnder Zivilisationsgüter wie Fernseher oder Auto?

Die Definitionen sind so unterschiedlich wie das Gesicht der Armut selbst: „Als arm gelten Personen oder Gruppen, deren materielle, kulturelle und soziale Ressourcen so beschränkt sind, daß sie vom noch als minimal akzeptierten Leben in den jeweiligen Mitgliedsstaaten der EU ausgeschlossen sind”, so die Definition des EU-Ministerrates.

Wer ist in Österreich heute schon arm? Fast jeder hat einen Farbfernseher und eine Waschmaschine, viele besitzen ein Auto. Gegenüber 1970 hat sich innerhalb einer Generation der Lebensstandard verdoppelt und damit auch das reale Lebensniveau der Armen. Jeder Einwohner verfügt im statistischen Durchschnitt über ein Geldvermögen von 500.000 Schilling, jeder Haushalt sogar über eine Million. Das ergibt ein Gesamtvermögen von 3.500 Milliarden Schilling. Man könnte meinen, wir leben in einem wohlhabenden Land.

Dennoch gelten zwischen 700.000 und 1,5 Millionen Österreicher als arm beziehungsweise armutsgefähr-det. Als Rasiseinkommen werden 6.200 Schilling pro Person angenommen. Für eine vierköpYige Familie liegt die Grenze bei 17.000 Schilling. Den Armutsgefährdeten stehen rund 6.000 Schilling prKopf gegenüber, während der österreichische Durchschnitt 15.000 Schilling beträgt.

Armut ist nur möglich, weil Wohlstand und Lebenschancen ungleichmäßig verteilt sind. Die obersten zehn Prozent der nichtselbständigen Haushalte erhalten ein Viertel der Gesamteinkommen und somit gleich viel wie die untere Hälfte aller Haushalte. Obwohl es in den achtziger Jahren durchgehend Wirtschaftswachstum gab, haben die Armen kaum davon profitiert.

Die Politik hat die Verteilungsfrage nicht gelöst. Die Vermögenssteuer wurde abgeschafft, der Spitzensteuersatz gesenkt. So verschieden die Gesichter der Armut sind, so vielfältig müssen auch die Ansätze zu ihrer Rekämpfung sein. Hauptansatzpunkt sollte die Schaffung von Arbeitsplätzen sein, um die Retroffenen in den Arbeitsprozeß zu integrieren, darüber war man sich bei der „Reichtumskonferenz” einig. Armutspolitik muß im Produktionsbereich und bei der Rildung ansetzen. Sozialleistungen sind zweifellos wichtig, aber vorbeugende und aktivierende Maßnahmen wie bessere Ausbildung und Arbeitsplätze sind der wirksamste Beitrag.

Lösungsansätze

Bernd Marin, Direktor des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik, ruft mit folgenden Worten zur Bekämpfung der Armut auf: „Machen wir Armut und sozialen Zerfall zu unserer aller Schande, aus Anstand und Eigennutz. Denn auf die Dauer ist, ob es uns Leistungsträgern paßt oder nicht, keine Gesellschaft sicherer als die Schwächsten ihrer Mitglieder. Und das kleine Unternehmen Österreich wird im dritten Jahrtausend nicht reüssieren, wenn es eine Million Menschen ausgrenzt oder als Sozialrentner abschreibt.” Marin meint, von Lueger bis Haider seien Abstiegserfahrungen und De-klassierungsangst die treibenden Kräfte von Antisemitismus, Fremdenhaß und anderen Sündenbockjag-den. „Wer sich ausgeschlossen fühlt, wird andere ausschließen, wer schwach ist, muß auf Schwächere herabsehen. Ausgrenzung erzeugt Ausgrenzung, Verachtung und politischen Extremismus.”

So individuell die Ursachen für Armut sind, so heterogen sind deren Auswirkungen. Die in Armut lebenden Menschen haben meist wenig gemeinsam, außer eben, daß sie in Armut leben müssen. Dazu kommt, daß Arbeit ungleich auf die Geschlechter verteilt ist. Die private Beprodukti-onsarbeit lastet fast ausschließlich aul den Frauen. Männer „helfen” bestenfalls mit, wohingegen Erwerbsarbeit immer noch als Männersache angesehen wird. Weil jedoch anscheinend nur zählt, was Geld einbringt, sind Frauen durch diese Art der geschlechtsspezifischen gesellschaftlichen Arbeitsteilung extrem benachteiligt.

Und so hört man immer wieder: Frauen seien eine Problemgruppe des Arbeitsmarktes, weil sie ihren Familienpflichten nachkommen müssen und daher nicht hundertprozentig zur Verfügung stehen. Auch wenn Frauen einen Arbeitsplatz haben, sind sie dort diskriminiert: Sie verdienen weniger als Männer, haben geringere Aufstiegschancen und stoßen regelmäßig an „gläserne Decken”, das heißt, sie sehen zwar, wohin die Karriereleiter führen würde, werden aber am Weiterkommen gehindert.

Fazit der Konferenz: Die Wohlstandsgesellschaft sichert den Wohlstand nicht mehr für alle. Diejenigen, deren Armut länger andauert, verschwinden aus den gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhängen. Sie haben kein Geld für Lokalbesuche. Eintrittskarten, Bildungsveranstaltungen.

Arm ist also nicht nur der, der aul Parkbänken oder in U-Bahn-Schächten schläft, friert oder hungert, sondern auch der, der am Leben nicht teilnehmen kann, weil ihm Elementares fehlt. Zu den Armen zählt auch der, der sich als Versager „schämt”, sich nutzlos oder ohnmächtig fühlt oder unfreiwillig alleine bleibt.

Beichtum kann vieles bewirken. Ei sollte niemals bekämpft werden, denn er könnte dazu beitragen, den sozialer Ausgleich zu schaffen.

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