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Gesellschaft

Laßt die Armen arm sein

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Das wirtschaftlich so erfolgreiche Österreich beginnt sozial zu verwahrlosen.

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Das wirtschaftlich so erfolgreiche Österreich beginnt sozial zu verwahrlosen.

Was ist Armut? Verkörpert sie sich in verwahrlost aussehenden Menschen, die uns am Wiener Graben und sonstwo um 20 Schilling anschnorren?

Irrtum. Das Problem hat längst ganz andere Dimensionen erreicht. Das zeigt auch der neue, von Sozialministerin Lore Hostasch präsentierte Armutsbericht: Wer schlecht ausgebildet ist, mehrere Kinder hat oder sie allein erziehen muß, der riskiert ein Leben am Rand unserer Gesellschaft. Vor allem Letztere erwischt es am häufigsten: Fast jeder fünfte Haushalt von Alleinerzieherinnen gilt als arm, die am zweitstärksten betroffene Gruppe sind Familien mit drei oder mehr Kindern. Man braucht also gar nicht arbeitslos zu werden oder sonstige Schicksalsschläge zu erleiden, um materiell abzusteigen. Es reicht meist schon, einige Kinder zu haben.

Derzeit sind es rund 420.000 Menschen, die in unserer reichen Konsumgesellschaft nur mehr zuschauen können, wie sich die anderen alles oder zumindest (sehr viel) mehr als nur das Allernotwendigste zum Leben leisten können. Rund 600.000 sind auf dem Weg dahin. Wohlstand für alle? Immer vorwärts, immer aufwärts? Vorbei der Traum.

Wie immer bei solchen Berichten, scheiden sich an der Definition von Armut die Geister (Armut ist dort, wo das Pro-Kopf-Einkommen unter der Hälfte des Durchschnittsverdienstes von 15.000 Schilling netto liegt und mit gesellschaftlicher Stigmatisierung einhergeht, heißt es im Bericht): Es sind auch tatsächlich einige Wertungen der Autoren überzogen. Außerdem besteht der Eindruck, daß die Einkommensgrenzen willkürlich gezogen werden und daher fragwürdig sind. Trotzdem sind solche Datensammlungen Frühwarnindikatoren, die die Gesellschaft nicht ignorieren kann.

Von den Ergebnissen überrascht dürfte allerdings auch niemand sein: Dieser Armutsbericht bestätigt im Grunde nur, was andere längst gesagt haben. Entsprechende Wahrnehmungen aus der Betreuungsarbeit der Caritas und anderer Hilfsorganisationen sind längst bekannt. Soziologische Untersuchungen ebenso.

Interessant an dem Bericht ist allerdings, daß er nicht nur nüchterne Fakten aufzählt, sondern auch konstruktive Vorschläge macht. Das hat Kommentare ausgelöst. Als besonders positiv wurde kommentiert, daß das alte, mangelhafte System der Sozialhilfe durch eine bundeseinheitliche Mindestsicherung ersetzt werden soll. Es soll kein undifferenziertes Einkommen mehr geben, sondern eine Sicherung, die sich nach der jeweiligen Lebenssituation und den jeweiligen Risken richtet.

Deutliche Signale Kritisiert wurde allerdings auch, daß sich die Studie zu sehr auf die Integration durch Erwerbsarbeit konzentriert und die Botschaft vermittelt, Armut sei im wesentlichen eine Folge der Arbeitslosigkeit. Längst sei deutlich geworden, daß heutzutage auch manche Formen der Erwerbsarbeit die Existenz nicht mehr sichern können.

Von der Innsbrucker Caritas kamen außerdem schon vor einiger Zeit deutliche Signale, daß zunehmend Menschen aus dem Mittelstand in die Armut katapultiert werden. Auch in halbwegs gut verdienenden Familien nehmen Angst und Unsicherheit zu. Die Symptome dieser Belastung sind Verbitterung, psychische Krankheiten, Alkoholismus etc. mit entsprechenden Folgekosten.

Absturz-Angst Die besorgniserregenden Entwicklungen gehen also weit über die harten Fakten und Verbesserungsvorschläge des Armutsberichtes hinaus: * Armut trifft zunehmend auch jüngere Menschen und löst bereits die seit langem bestehende Altersarmut ab. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten sind alle Generationen damit konfrontiert, daß es nicht nur den gesellschaftlichen Aufstieg, sondern auch den Abstieg geben kann. Was das psychologisch für eine Gesellschaft bedeutet, wird noch gar nicht richtig wahrgenommen.

* Karge, entbehrungsreiche Kindheiten werden nicht weniger, sondern mehr. Ein Teil des Nachwuchses wächst wieder in Milieus auf, die von Unsicherheit geprägt sind. Das Leben der Eltern dreht sich nur darum, irgendwie über die Runden zu kommen. Daß hier wenig Spielraum besteht, sich zu überlegen, wie man sein (Berufs-)Leben anlegen könnte, ist klar. Das wiederum setzt einen weiteren Kreislauf an Benachteiligungen in Gang: Der ausbildungs-wissensmäßige Anschluß wird nicht gefunden. Neue Entwicklungen werden nicht als Herausforderung, sondern als Bedrohung gesehen. Armut ist daher kein Zustand, sondern setzt einen Kreislauf in Gang, der weitere Benachteiligungen mit sich bringt.

Dazu kommt noch ein anderes Problem: * In unserer Leistungsgesellschaft materielle Bedürftigkeit einzugestehen, wird für die Betroffenen immer schwieriger. Armut wächst im Verborgenen. Wir leben in einer Welt, in der der Kult des Erfolges und des Konsums durch die Bilderwelten der Plakate, des Films und der Magazine geradezu ins Unermeßliche gesteigert wird. Lebens-Vorbilder sind nur mehr die smarten, mobilen, dynamisch-fitten Macher. Sie haben das Sagen, sie bestimmen das generelle Lebensgefühl.

Geld ist das entscheidende Kriterium für das Ansehen von Menschen - und das hat ganz offensichtlich auch die soziale Einstellung der Österreicher verwahrlosen lassen: Arme läßt man arm sein. Die einen glauben, die öffentlichen Einrichtungen wie Caritas und die Sozialhilfe werden's schon irgendwie richten. Wozu zahlen wir denn Steuern und Kirchenbeiträge? Und die anderen zeigen überhaupt keine Anteilnahme, sondern verschließen die Augen vor dem, was vor sich geht. Was geht uns das an?

Diese sozial-moralische Verwahrlosung Österreichs durch Ignoranz birgt politischen Sprengstoff. Noch ist die wachsende Gruppe der Armen und Verlierer erstaunlich ruhig. Aber die Vereinfacher und Populisten sind schon flink unterwegs und werden dafür sorgen, daß das nicht mehr lange so bleibt.