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Geyer - © Foto: Sabine Hauswirth
Musik

Roland Geyer: „Gesundheit ist auch eine Frage der geistigen Bildung“

1945 1960 1980 2000 2020

Es ist seine vorletzte Saison an der Spitze des renommierten Opernhauses. Mit der FURCHE sprach Intendant Roland Geyer darüber, wie das Theater an der Wien mit dem Stillstand im Kulturbereich umgeht.

1945 1960 1980 2000 2020

Es ist seine vorletzte Saison an der Spitze des renommierten Opernhauses. Mit der FURCHE sprach Intendant Roland Geyer darüber, wie das Theater an der Wien mit dem Stillstand im Kulturbereich umgeht.

Nichts ist schwieriger, als mit Ungewissem umzugehen. Das bekommt gerade die Kultur in dieser Corona-Zeit zu spüren. Denn wann und wie für sie geöffnet wird, ist nach wie vor offen. Ein Gespräch mit Roland Geyer, Intendant des Theaters an der Wien.

DIE FURCHE: Herr Intendant Geyer, von wenigen Unterbrechungen abgesehen, steht das Theaterleben in Österreich seit mittlerweile einem Jahr still. Was macht das mit den Mitarbeitern in einem Haus, die eine solche Situation zuvor nie erfahren haben?
Roland Geyer:
Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den technischen wie künstlerischen Abteilungen arbeiten seit August 2020 kontinuierlich an den laufenden Opernproduktionen, auch während der Lockdowns. Wir produzieren und zeichnen alle Produktionen seit November für TV und Fernsehen auf. Gleichzeitig müssen mein Team und ich ständig für übermorgen neu planen, denken und mit den Künstlerensembles Adaptionen verhandeln. Das ist eine große Herausforderung, die uns viel Flexibilität und hohe Frustrationstoleranz abverlangt.

DIE FURCHE: Politiker wurden bisher nie müde, die Bedeutung des Kulturlandes Österreich hervorzuheben, jetzt lässt die Politik Interesse für diesen Bereich vermissen. Mit Geld kann man bestenfalls kurzfristig helfen, ein Theater aber will spielen und Darsteller brauchen ihr Publikum. Sind Sie über diesen politischen Kulturwandel überrascht?
Geyer:
In guten Zeiten schmückt sich die Politik sehr gerne mit dem Begriff der „Kulturnation Österreich“, jetzt ist das schon längst aus den Köpfen verschwunden. Mich überrascht das leider nicht, ich halte diesen Schwund und verordneten Kunstverzicht an unsere Gesellschaft für sehr gefährlich, denn Gesundheit ist nicht nur eine Frage der körperlichen Verfassung, sondern es geht auch um die psychische Konstitution der Menschen sowie geistige Bildung und emotionales Glücksempfinden.

DIE FURCHE: Wieso treten die Vertreter der Kultur nicht deutlicher auf?
Geyer:
Die Vertreter und Vertreterinnen der großen Kulturinstitutionen treten mittlerweile gemeinsam auf, wir versuchen regelmäßig mit der Politik – mit Vizekanzler Werner Kogler und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer – über eine baldige Öffnung der Theaterhäuser zu sprechen. Allerdings sind die Interessen sehr unterschiedlich. Es gibt Kollegen, die lieber länger geschlossen halten möchten, später „richtig“ aufmachen wollen. Das sehe ich anders: Ich finde es immens wichtig, dass wir sobald wie möglich die Theater mit unseren gut ausgearbeiteten Präventionskonzepten und mit dem „Eintrittstesten“ öffnen und vor weniger Publikum spielen. Wir erhalten sehr viele Nachrichten von unseren Stammkunden, die bereit wären, mit einem negativen Testergebnis ins Theater zu kommen. Besser jetzt baldigst öffnen und spielen, als zu lange das Publikum zu entwöhnen und zu verlieren. Das Ansteckungsrisiko ist mit unseren sicheren Präventionskonzepten inklusive FFP-Masken, Sitzplan im Schachbrettsystem und Reduzierung des Publikums nahezu bei null einzuordnen. Dazu gibt es mittlerweile Studien, wie zum Beispiel vom Fraunhofer Heinrich- HertzInstitut.

DIE FURCHE: Kurzarbeit wird als ideales Modell zum Bekämpfen dieser Krise gepriesen. Aber wie verträgt sich Kurzarbeit mit den langfristigen innovativen Aktivitäten eines Theaters?
Geyer:
Keine Frage, die Kurzarbeit ist ein wichtiges Werkzeug, um Arbeitsplätze abzusichern! Ideal finde ich das Modell der Kurzarbeit für die kreative Arbeit im Theaterbereich allerdings nicht: Ich muss als Intendant eines Opernhauses Zugriff auf meine Fachkräfte in den wichtigen Bereichen haben, wenn wir weiterhin qualitätsvolles Musiktheater kreieren möchten. Dafür erhalten wir Subventionen, nicht fürs „nicht spielen“.