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Es bereitet viel Freude

Staatsoperndirektor Dominique Meyer fühlt sich sichtlich wohl. Mit der FURCHE sprach er über Paris und Wien, vergangene Erfolge, märchenhafte Gerüchte, "Ring“-Dirigenten, neue Namen, philharmonische Kammermusik, die finanzielle Situation des Hauses sowie die Premiere von Leoˇs Janáˇceks "Aus einem Totenhaus“ am kommenden Sonntag.

Für die Regie von "Aus einem Totenhaus“ zeichnet Peter Konwitschny verantwortlich, dessen Arbeiten verlässlich für Polarisierung bei Publikum und Kritik sorgen. Dominique Meyer lobt Konwitschnys Janáˇcek-Interpretation - die Inszenierung sei "sehr raffiniert - wie ein Schrei“.

DIE FURCHE: Herr Direktor Meyer, demnächst leiten Sie eineinhalb Jahre die Wiener Staatsoper. Sehen Sie Ihre Aufgabe nach wie vor so positiv wie zu Beginn, werden Sie Ihren Vertrag verlängern?

Dominique Meyer: Das werden wir sehen, es ist noch zu früh darüber zu reden. Wenn ich bereit bin, verhandle ich, spreche aber nicht darüber. Es ist wunderbar, dass man eine so breite Auswahl an Opern machen kann, allein in diesem Herbst "Simon Boccanegra“, Strauss-Opern, den "Ring“, "La Traviata“, "Tannhäuser“, "Kátja Kabanová“. Dazu diese kleinen Serien, die manchmal weniger wichtig scheinen, aber die gleiche Anzahl von Zuschauern haben wie "Il barbiere di Siviglia“ und "L’Italiana in Algeri“. Wenn man als Intendant noch dazu ein Opernfreak ist, macht es besondere Freude, diese Vorstellungen vorzubereiten.

DIE FURCHE: Wenn Sie zurückschauen auf Ihre Pariser Tätigkeit - lässt sich das überhaupt mit Wien vergleichen?

Meyer: Nein, es ist unvergleichbar, es ist eine vollkommen andere Arbeit. Letztlich geht es zwar immer um zwei Gruppen, die Mitarbeiter und die Zuschauer, so gesehen ist die Arbeit die gleiche. In Paris habe ich aber ein sehr gemischtes Programm gemacht, durfte mit zwanzig verschiedenen Orchestern arbeiten - jetzt bin ich exklusiv bei den Wiener Philharmonikern!

DIE FURCHE: Alexander Pereira hat bei der Vorstellung seines ersten Salzburger Festspielprogramms gesagt, während seiner Jahre im Wiener Konzerthaus sei ihm die Oper abgegangen, an der Oper in Zürich hätten ihm die Konzerte gefehlt, jetzt habe er beides. Wie ist das bei Ihnen?

Meyer: Bei mir geht es ganz gut, es ist nur schade, wenn ich ab und zu gerne in den Musikverein oder in das Konzerthaus gehen möchte, aber hier zu viel Arbeit ist.

DIE FURCHE: Ihr bisher wohl größter Erfolg war der kürzlich von Christian Thielemann dirigierte "Ring des Nibelungen“; nach dem "Rheingold“ etwa gab es eine halbe Stunde Applaus. Das ruft geradezu nach einer Wiederholung. Ist das vorgesehen beziehungsweise realistisch?

Meyer: Der "Ring“ kommt jede Spielzeit, nächstes Jahr mit Welser-Möst, später mit Rattle.

DIE FURCHE: Und mit Thielemann?

Meyer: Darüber wird diskutiert.

DIE FURCHE: Sie hätten den "Ring“ neunmal verkaufen können. Blutet nicht das Herz des Intendanten, wenn man nur einen "Ring“ anbieten kann?

Meyer: Nein, denn man kennt die Voraussetzungen. Eine abgeschnittene Blume ist genau so wichtig wie eine Pflanze. Natürlich tut es mir für die vielen Zuschauer leid, die keine Karten bekommen haben. Deshalb haben wir ja noch die Live-Übertragungen auf den Karajan-Platz organisiert.

DIE FURCHE: Man hört, Thielemann könnte eine Neuproduktion von "Hänsel und Gretel“ an der Staatsoper dirigieren …

Meyer: Das sind Gerüchte, es gibt Pläne für 2015/16, aber das ist über meinen Vertrag hinaus.

DIE FURCHE: GMD Franz Welser-Möst hat in mehreren Gesprächen betont, dass die Zusammenarbeit mit Ihnen mehr und mehr Freude macht. Wie sehen Sie das?

Meyer: Es ist einfach herrlich, interessant, äußerst angenehm und bereitet viel Freude.

DIE FURCHE: Ihre nächste Premiere ist die Fortsetzung des von Franz Welser-Möst betreuten neuen Janáˇcek-Zyklus’: "Aus einem Totenhaus“, eine Koproduktion mit dem Zürcher Opernhaus, die dort bereits Premiere hatte. Die Stimmen über die Inszenierung waren sehr kritisch - wird Regisseur Peter Konwitschny etwas an seinem Konzept ändern?

Meyer: Es gibt Änderungen in der Regie, die ist sehr klug, sehr raffiniert. Selten sieht man eine so tiefgründige Studie der Charaktere - ein Meisterwerk. Vielleicht empfinden das Zuschauer auch anders, für mich ist es eine starke Inszenierung, mir gefällt sie sehr - wie ein Schrei. Im Übrigen weiß man vorher nie genau, wie es wird, bei einer Eigenproduktion sind nur die Kosten höher.

DIE FURCHE: Eine weitere Koproduktion steht im Mai ins Haus, Mozarts "La clemenza di Tito“ mit der Berliner Lindenoper. Sie wird Louis Langrée, der neue Chef der Camerata Salzburg, dirigieren - einer der Namen, denen man künftig öfters im Haus am Ring begegnen wird?

Meyer: Langrée hat bereits einen sehr schönen "Eugen Onegin“ dirigiert, er ist auch Chef des New Yorker "Mostly Mozart“-Festivals. Ich kenne ihn seit Langem. Bisher habe ich 15 neue Dirigenten geholt, und die meisten waren sehr erfolgreich.

DIE FURCHE: Man klagt gerne, dass es heute zu wenig bedeutende Dirigenten und große Sänger gäbe. Teilen Sie diese Einschätzung?

Meyer: Das Gras war immer vorher grüner! Wenn man die Dinge allerdings mit etwas Abstand betrachtet - erst kürzlich hatten wir gleichzeitig Thielemann und Welser-Möst im Haus, Mariss Jansons hat bei einer "Kátja Kabanová“-Probe zugehört … Man muss ebenso langfristig in die Zukunft sehen: In 15 Jahren sind viele der heute großen Dirigenten nicht mehr da. Eschenbach, Gatti, Nézet-Séguin, Nelsons, Rattle und Bychkov sind einige der Dirigenten, die demnächst kommen werden.

DIE FURCHE: Salzburg hat mit Alexander Pereira einen neuen Intendanten. Wird es wie schon in früheren Jahren wieder zu einer Zusammenarbeit kommen, gibt es dazu konkrete Pläne?

Meyer: Es gibt bereits ein gemeinsames Projekt, zu einem zweiten könnte es kommen, das werden wir zeitgerecht bekannt geben.

DIE FURCHE: Kommen wir noch zu Zahlen: Wie hoch ist die gegenwärtige Auslastung?

Meyer: Über 98 Prozent. Der "Ring“ ist immer ausverkauft, aber ich verhehle nicht, dass auch wir von der Krise betroffen sind. Früher konnten wir unsere Rücklagen veranlagen und aus den Zinsen eine Million Euro lukrieren, gegenwärtig sind es wegen der niedrigen Zinsen kaum mehr als 30.000 Euro.

DIE FURCHE: Wie bewerten Sie die Möglichkeiten des Sponsoring? Den Salzburger Festspielen ist es kürzlich gelungen, eine Million US-Dollar für die neue "Zauberflöte“ aufzutreiben …

Meyer: Das ist ein work in progress, die Sponsoren können die Gelder nicht entsprechend steuerlich absetzen, das ist ein großer Nachteil. Wir sind aber dabei, eine entsprechende Struktur zu schaffen.

DIE FURCHE: Seit dieser Saison spielen die Philharmoniker an zehn Terminen auch Kammermusik - eine Idee, die nicht ganz unumstritten war. Wie sind die bisherigen Erfahrungen?

Meyer: Wunderbar, die bisherigen Konzerte waren alle ausverkauft, wir mussten zusätzliche Sitze aufstellen. Es ist großartig - die Musiker sind hier zu Hause, das Publikum ist sehr gemischt, Opernfreunde, Kammermusikfreunde. Es zeigt diese Harmonie zwischen Orchester und Oper in höchst erfreulicher Weise.

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