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Wiens Publikum hört und versteht

1945 1960 1980 2000 2020

Der israelische Dirigent Asher Fisch - seit zwei Jahren an der Volksoper - über seine Arbeit, seinePläne und seine Vorstellungen vom Musiktheater der Zukunft.

1945 1960 1980 2000 2020

Der israelische Dirigent Asher Fisch - seit zwei Jahren an der Volksoper - über seine Arbeit, seinePläne und seine Vorstellungen vom Musiktheater der Zukunft.

dieFurche: Sie sind 1996 mit Klaus Bachler als Intendant an die Wiener Volksoper gekommen und sind nun drei Jahre Chefdirigent dieses Hauses. Welche Aufgaben haben Sie als Chefdirigent wahrgenommen, und welche Ziele haben Sie für Ihre zukünftige Arbeit?

Asher Fisch: Das Haus hatte sehr lange keinen Chefdirigenten. Als Klaus Bachler an die Volksoper kam, wollte er in erster Linie jemanden haben, der für das Orchester und für die musikalische Qualität des Hauses verantwortlich ist. Mit der administrativen Seite habe ich Gott sei Dank nichts zu tun. Mein Ziel war es von Anfang an, das Niveau des Orchesters und unser Renomee als Musikhaus deutlich zu verbessern.

Ich gluabe, daß uns das auch gelungen ist. Und zwar in allen drei Bereichen: Oper, Operette und Musical. In Zukunft wollen wir auch Konzerte spielen, was ich für ein Orchester für sehr wichtig halte. Den Plan einer Konzertreihe hoffe ich, auch mit dem nächsten Intendanten weiter verfolgen zu können.

dieFurche: Wie war die Zusammenarbeit mit Bachler bisher, welche Ergebnisse konnten Sie verzeichnen, und welche Erwartungen haben Sie an den designierten Intendanten Dominique Mentha? Ihr Vertrag läuft ja bis zum Jahr 2000, Sie werden also ein Jahr lang mit Mentha zusammenarbeiten.

Fisch: Bachler und ich treffen alle künstlerischen Entscheidungen gemeinsam. Wir arbeiten sehr offen und kooperativ. Das Orchester der Volksoper hat heute - sehr zum Unterchied zu früher - einen sehr guten Ruf. Das ist der Erfolg unserer gemeinsamen Arbeit. Manche Häuser werden primär mit dem Intendanten identifiziert, andere mehr mit dem Chefdirigenten. An der Volksoper steht sicher der Intendant im Mittelpunkt.

dieFurche: Spätestens nach Zemlinskys "König Kandaules" wird dem Klangkörper der Volksoper auch von kritischen Ohren Tribut gezollt. Wie haben Sie das geschafft?

Fisch: Da spielen viele Dinge eine Rolle. Erstens hat es eben sehr lange keinen Chefdirigenten gegeben. Heute sind wir alle davon überzeugt, daß diese Position sehr viel bringt, weil das Orchester jetzt weiß, welche Klangideen und welche rhythmischen Ideen ich habe. Die Musiker versuchen das auch in jeder Vorstellung zu bringen. Zweitens haben wir das Blocksystem eingeführt, das die Vorstellungen vom musikalischen Niveau her deutlich verbessert hat. Drittens habe ich versucht, auch für die anderen Produktionen nur gute Dirigenten zu engagieren. Dazu kommen noch viele Details wie die Veränderung der Orchesteraufstellung im Graben, die einen viel besseren Streicherklang erbrachte.

dieFurche: Zurück zur Bestellung des neuen Intendanten Mentha. Hat sich das Ensemble der Volksoper damit abgefunden oder gibt es nach wie vor Widerstände?

Fisch: Man hat hier viel von seiner Inszenierung in Innsbruck gesprochen. Das war vielleicht ein wenig unfair. Als er persönlich hier war, habe ich die Atmosphäre im Haus ihm gegenüber als sehr positiv erlebt. Er will ja in Wien nicht unbedingt Protest machen. Ich denke, daß das, was es in Deutschland am Theater schon vor 20 Jahren gab, jetzt nach Wien kommt.

Ich hoffe, daß Dinge nicht als provokant aufgefaßt werden, die gar nicht provokant sein wollen. Andererseits geht es auch nicht an zu sagen, wir verharren in der gleichen Form des Musiktheaters, ohne die Regie oder andere Dinge weiterzuentwickeln, was vielleicht auch ein neues Publikum ins Haus bringt. Nach einer sehr konventionellen und schönen Inszenierung von "Der fidele Bauer" und von "Sommernachtstraum" bereiten wir zur Zeit eine modernere Inszenierung des "Zigeunerbaron" vor, dann kommt "Boris Godunov" mit Harry Kupfer. Ich halte es für wichtig, viele verschiedene Seiten des Musiktheaters anzubieten.

dieFurche: Das Volksopernorchester zeichnet sich durch einen hohen Frauenanteil aus?

Fisch: Wir haben 28 Prozent Frauen im Orchester. Für mich hat sich die Frage des "Für und Wider" von Frauen im Orchester nie gestellt, denn ich komme aus einem Land in dem 50 Prozent der Musiker eines Orchesters Frauen sind. Ich finde, Frauen sind wunderbare Orchestermitglieder. Ich persönlich bin froh, daß die Philharmoniker ein Männerverein sind. Wenn die auch Frauen hätten, könnten wir unsere wunderbaren Musikerinnen nicht halten. Frauen musizieren mit einem sehr großen Einsatz. Ich habe oft das Gefühl: Die spielen um ihr Leben. Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt ist, daß unser Orchester die niedrigsten Gagen in Wien zahlt. Das möchten wir natürlich ändern. Im Hinblick auf die Ausgliederung ist da ja noch vieles offen und wird in der zukünftigen Planung ein wichtiger Punkt sein. Viele unserer Musiker und Musikerinnen haben nebenbei noch andere Aufgaben, sie unterrichten, spielen in anderen Orchestern, geben Soloabende oder machen Kammermusik.

dieFurche: Wie sehen Sie die Volksoper im Vergleich zur Staatsoper?

Fisch: Uns geht es nicht darum, uns mit der Staatsoper zu vergleichen. Es ist toll für die Stadt, daß es zwei Häuser gibt, von denen man in Zukunft wird sagen können, ich bekomme in beiden Häusern die gleiche Qualität. In der Staatsoper wird ein anderes Repertoire mit anderen Sängern gespielt. Sie baut natürlich sehr auf Stars. Das Publikum will dort große Sänger hören.

"Musiktheater" dagegen ist nicht auf Stars ausgerichtet. Es orientiert sich am Ensemble, das sechs Wochen gemeinsam arbeitet. Ich finde es gut, daß es beides gibt.

dieFurche: Sie stammen aus Jerusalem, wurden 1992 an die Staatsoper "Unter den Linden" nach Berlin und 1996 als Chefdirigent nach Wien geholt. Ihre Mutter mußte vor den Nazis aus Deutschland und Österreich flüchten. Was sagt sie dazu, daß Sie ausgerechnet hier Karriere gemacht haben?

Fisch: Für meine Mutter ist es irgendwie ein später Triumph, eine Genugtuung, daß ihr Sohn heute in der Stadt einen Chefposten hat, aus der sie auf sehr abenteuerliche Weise flüchten mußte. Sie ist stolz auf mich und kommt mich oft besuchen. Für mich persönlich stellt Antisemitismus heute keine Bedrohung mehr dar. Meine Generation ist in Israel unabhängig und frei aufgewachsen. Ich fühle mich hier sehr wohl. Ich habe aber auch genügend Angebote aus aller Welt, wo ich jederzeit arbeiten könnte.

dieFurche: Wie erleben Sie das Wiener Publikum?

Fisch: Wien hat ein wunderbares Publikum. Es gibt wenige Menschen auf der Welt, die mit so viel Interesse und Wissen in die Oper gehen. Sie kennen die Stücke, die Sänger, das Repertoire. Aber wenn etwas schlecht ist, kriegt man das hier auch sehr schnell auf den Kopf. Das Publikum hier hört zu und versteht. Ich habe vor kurzem in Chicago "Butterfly" dirigiert. Dort ist der Opernbesuch, meiner Meinung nach, eine eher gesellschaftliche Angelegenheit. Hier und in Deutschland hat Oper sehr viel mit Lebensart zu tun.

dieFurche: Haben Sie Hobbys und ein persönliches Fitness-Geheimnis?

Fisch: Ich koche leidenschaftlich gerne und liebe alles was aus dem Mittelmeerraum stammt. Schließlich komme ich ja daher. Wenn ich sechs Stunden täglich dirigiere, brauche ich, außer daß ich gerne zu Fuß gehe, kein zusätzliches Fitness-Programm mehr.

Das Gespräch führte Angela Thierry.

Zur Person: Frühe Karriere durch erfolgreiches Einspringen Geboren in Jerusalem ist Asher Fisch heute 39 Jahre alt, verheiratet und Vater einer Tochter. Er hat in seiner Heimatstadt Klavier und Dirigieren studiert und später auch in den USA. Erste Berufserfahrungen macht er in Israel und Belgien. Von 1994-1996 ist er Chefdirigent des Israel Symphony Orchestra. Infolge eines erfolgreichen Einspringens innerhalb weniger Stunden für den plötzlich erkrankten Daniel Barenboim holte ihn dieser 1992 als Kapellmeister und Assistent an die Staatsoper "Unter den Linden" nach Berlin. Fisch dirigierte auch in Hamburg, München, Chicago und London. Ein Einspringen für den erkrankten Sergiu Celebidache brachte Fisch die Zusammenarbeit mit den Münchner Philharmonikern. 1994 debütierte Fisch an der Volksoper in Wien mit der Wiederaufrnahme von "La Boheme". 1995 Debüt an der Wiener Staatsoper mit "Barbier von Sevilla". Seit Beginn der Saison 1996/1997 ist er Chefdirigent der Volksoper Wien.

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