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"Ich bin kritischer als jeder Kritiker"

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Mehr Selbstbewußtsein könnte Österreichs Theater nicht schaden, meint Emmy Werner, die derzeit am Wiener Volkstheater die Spielstätten vermehren will.

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Mehr Selbstbewußtsein könnte Österreichs Theater nicht schaden, meint Emmy Werner, die derzeit am Wiener Volkstheater die Spielstätten vermehren will.

dieFurche: Man geht normalerweise nicht zum Theater, um Direktor zu werden, wie war das bei Ihnen?

Emmy Werner: Ich weiß, es klingt unglaubwürdig, aber ich glaube, daß ich zum Theater gegangen bin, um ein Theater zu leiten. Ich habe als kleines Kind nichts lieber getan als Theater herzurichten, Puppentheater, ich habe mir unter dem Tisch ein Theater gebaut, das Tischtuch als Vorhang. Hauptverantwortlich zu sein ist sehr bitter, denn wenn das, was man verantwortet, nicht gut ist, muß man es auf sich nehmen, und wenn es gelingt, dann sind es immer die anderen, die sich einen Erfolg zugute halten.

dieFurche: Den Applaus ernten in der Regel nur Darsteller und Regie ...

Werner: Selbst bei einem Mißerfolg haben die Schauspieler im Lauf einer Aufführungsserie - erstens wird die Aufführung immer besser, auch wenn es ein Flop war, zweitens gefällt sie meist dem Publikum besser als der Presse - zumindest jeden Abend das wunderbare Gemeinschaftserlebnis mit dem Publikum, sind weiter mit der Aufführung verbunden, ich dagegen bin bei der nächsten und übernächsten, sitze nur auf den schlechten Kritiken oder auf meiner eigenen Verzweiflung, weil es mir selber nicht gefällt, was ja meistens der Fall ist. Ich bin zu kritisch, ich bin noch kritischer als jeder Kritiker in dieser Stadt.

dieFurche: Welche Einstellung haben Sie zur Theaterkritik?

Werner: Die Einstellung ist so, daß ich erstaunlich wenig wehleidig bin. Ich ärgere mich natürlich, wenn eine meiner Meinung nach gute Produktion verrissen wird und freue mich, wenn es umgekehrt ist. Manchmal bin ich sogar grantig, wenn ich etwas nicht gut finde, und es wird gut kritisiert. Es gibt aber nichts Schlimmeres als gar keine Kritik, besser ist die gute. Früher war die gute Kritik nicht so wichtig für einen Besuch, jetzt wird sie immer wichtiger, besonders bei heiklen oder neuen Stücken. In einen Nestroy kommen die Leute auch bei schlechter Kritik, in ein neues Stück kaum.

dieFurche: Welche Inszenierungen der letzten Zeit an Ihrem Haus haben Ihnen am besten gefallen?

Werner: Ich finde "Ergo" von Jakov Lind war eine ganz wichtige Aufführung. "Löwengrube", "Meisterklasse", unsere Horvath-Aufführungen, auch den Qualtinger-Abend, obwohl ich da Lob aufs eigene Haupt streue, habe ich sehr gut gefunden. Das sind schon Abende, wo ich rausgegangen bin und gesagt habe, ich weiß, warum ich diese Aufgabe übernommen habe.

dieFurche: Wenn Sie Ihren Spielplan erstellen, wie gehen Sie da vor?

Werner: Die Kriterien sind erstens die Schauspieler, für die ich auch gerne Rollen suche. Nicht umsonst haben wir den neuen Spielplan unter das Motto "Rollen" gestellt: 168 Rollen nach vorne nenne ich das. Wir schauen natürlich: Welches wunderbare neue Schauspielerpotential hat sich inzwischen eingestellt? Dann sucht man neue Stücke, mindestens zwei, drei pro Jahr sollten es sein. Natürlich werden mir auch einige Stücke zugetragen, aber letztlich findet kaum ein Stück im Spielplan Platz, das ich nicht gerne sehen möchte.

dieFurche: Sie eröffnen die Saison mit Goldonis "Mirandolina" ...

Werner: Vor zehn Jahren war meine erste Premiere, und ich möchte einmal mit einem heiteren Stück anfangen, etwas gut ausgehen lassen. Seltsamerweise gibt es ganz wenige Titelheldinnen in Komödien, zum Beispiel "Minna von Barnhelm" haben wir ja schon 1993 mit sensationellem Erfolg gespielt. Dann kommt ein neues Stück, "Amy's Welt", eine deutschsprachige Erstaufführung mit Andrea Eckert in der Hauptrolle, da geht es um drei Generationen von Menschen, insbesondere von Frauen. Wenn man eine Frau ist, hat man einen anderen Blick auf Stücke, das laß' ich mir nicht nehmen.

dieFurche: Bleibt es bei drei Spielstätten - Haupthaus, Außenbezirke und Plafond?

Werner: Es wird noch eine dazukommen, das Balkonbuffet. Und ich möchte auch wieder in die U3 gehen. Ich will einfach mehr Spielstätten haben.

dieFurche: Der Rabenhof, den die Josefstadt vielleicht nicht halten kann und wo Sie jetzt einmal gastiert haben, reizt Sie nicht?

Werner: Es ist eine sehr komplizierte, wunderschöne Spielstätte, und es wäre ein großer, großer Jammer, wenn sie geschlossen wird, aber ich glaube, für uns ist das einfach aus Identitätsgründen nicht so günstig, dort wieder zu gastieren.

dieFurche: Ist Ihnen Ensemblepflege ein Anliegen?

Werner: Ich halte das Ensemble-Theater im konventionellen Sinn für passe, es ist anachronistisch für große Häuser, ich spreche allerdings nicht von Stadttheatern in der deutschen Provinz. Ich habe einen kleinen Grundstock von Schauspielern, die schon lange und gerne hier sind, und sonst versuche ich für jede Rolle die beste Besetzung zu finden, die für uns finanzierbar ist. Ich pflege das Ensemble, indem ich mit guten Schauspielern langfristig über Rollen spreche. Das Ensemble besteht aus einem harten Kern immer wiederkehrender Schauspielerinnen und Schauspieler.

dieFurche: In Deutschland mußten Theater geschlossen werden. Befürchten Sie Ähnliches für Österreich?

Werner: Ich glaube nicht. Darum kommen alle hierher zurück, weil sie merken, daß hier der Trog noch gefüllt ist. Was mich nur ärgert, es sind Leute dabei, die gar nicht genug auf Österreich und auf Wiener Schauspieler losgehen konnten, und plötzlich ist Wien das Mekka, weil man weiß, da gibt es noch genug Geld. Ich hoffe, daß das auch so bleiben wird, aber ganz kann man nie ausschließen, daß auch hier einmal die Kassa knapp wird. Noch ist es Gott sei Dank eine Theaterstadt und ein Theaterland.

dieFurche: Hat Wien so ein gutes, treues Publikum?

Werner: Wir sind viel mehr eine Theatermacher-Stadt und theaterinteressierte Stadt als Theaterbesucher-Stadt. Es ist immer nur eine kleine Gruppe die wirklich neugierig ist auf Theater, aber wenn sie dann kommen, dann sind sie extrem engagiert.

dieFurche: Wie erleben Sie das Verhältnis des deutschen Theaters zum österreichischen?

Werner: Es war immer so, daß Deutsche in Österreich gespielt haben und Österreicher in Deutschland, und es war wunderbar. Da gab es nie Konflikte. In den letzten Jahren habe ich schon das Gefühl, daß uns das Selbstbewußtsein ein bißchen verloren gegangen ist. Das sollten wir uns wieder erobern. Wenn ich lese "Wien wird Theaterstadt", weil ein paar deutsche Stars in Wien Theater spielen, dann kommen mir die Tränen. Wir waren schon eine Theaterstadt, als man in diesen jetzt so berühmten Bochums und Stuttgarts nicht einmal gewußt hat, wie man geht und steht auf einer Bühne. Da haben wir irgendwo die Überfuhr versäumt, wir hätten aufstehen und sagen müssen: Ihr habt ziemlich viel von uns gelernt. Jetzt hat man das Gefühl, wir werden auf die Schulter geklopft und ein bißchen so als Entwicklungshilfeland betrachtet. Das paßt mir nicht.

dieFurche: Ein deutscher Regisseur, Michael Gruner, hat jüngst hervorragend Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" inszeniert ...

Werner: Da gibt es für mich nicht deutsch oder österreichisch, der würde auch nie diesen Hochmut haben, er liebt unsere Schauspieler. Er sagt, er kann das, was er inszeniert, gerade bei uns hier inszenieren, mit unseren Schauspielern. Ich würde nie einen Hochmütigen heranlassen. Gruner wird bei uns im Herbst 1999 auch Raimund inszenieren, weil mir der Blick von außen auf das österreichische schriftstellerische Werk sehr spannend erscheint.

Das Gespräch führte Heiner Boberski.

Zur Person: Ein Jahrzehnt Direktorin des Wiener Volkstheaters Emmy Werner sagt von sich selbst, daß sie zum Theater ging, um eine eigene Bühne zu leiten, das Auf-der-Bühne-Stehen nahm sie dabei nur als Umweg in Kauf. Dabei bewies die in Wien als Tochter einer Tänzerin und eines Schriftstellers Geborene schon in jungen Jahren als Schauspielerin an Josefstadt und Volkstheater ihr starkes komisches Talent. Sie arbeitete auch viel für Hörfunk und Fernsehen und bereits ab 1963 an Stella Kadmons legendärem "Theater der Courage". 1981 eröffnete Emmy Werner, nun schon mehr Regisseurin als Schauspielerin, ihr eigenes Theater in der Wiener Drachengasse. Im Jänner 1988 trat sie in die Geschäftsführung des Volkstheaters ein, dessen künstlerische Direktion sie seit September 1988 innehat. Elf eigene Inszenierungen hat sie seither geliefert. In ihrer Freizeit erfreut sie sich am liebsten an den "kleinen Dingen" des Lebens: Basteln am Haus, Musik hören, lesen. Emmy Werner ist geschieden und hat einen Sohn.

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