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"Wo ist das Problem? Wir lösen es."

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Interview mit Mercedes Echerer: Die Schauspielerin und grüne Kandidatin fürs EU-Parlament hatte gerade in Wien in einem Einpersonenstück Premiere.

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Interview mit Mercedes Echerer: Die Schauspielerin und grüne Kandidatin fürs EU-Parlament hatte gerade in Wien in einem Einpersonenstück Premiere.

dieFurche: Frau Echerer, Sie spielen gerade ein Stück mit dem Titel "Karriere". Was waren denn für Sie Höhepunkte Ihrer eigenen Karriere?

Mercedes Echerer: Das erste große einschneidende Erlebnis war meine Ballettlehrerin Anna Vaughan, mittlerweile eine wunderbare Regisseurin im ganzen deutschsprachigen Raum, die mir Grundelemente für die Bühne beigebracht hat. Sie hat mich zu Frau Professor Susi Nicoletti gebracht. Da folgten meine ersten Musicalerfahrungen. Ich bin durch die Bundesländer getingelt, und dann passierte ein Traum: "Cats" im Theater an der Wien gleich im ersten Jahr, das war auch gleichzeitig das Ende meiner Musicalkarriere. Ich bin nach Deutschland vorsprechen gegangen, und die haben mir gesagt, in Wien suche man genau meinen Typ. So kam ich ans Wiener Volkstheater. Das sind Geschichten, an die man sich gerne erinnert: Man fährt nach Berlin und München, und dann sagt man mir: Wien, und das ganze 100 Meter von meiner Wohnung entfernt.

Ich habe dann vorgesprochen, Paul Blaha war sehr angetan von mir, und aus diesem anfänglichen Dienst-Arbeitsverhältnis wurde eine schöne Freundschaft. Und natürlich die Jahre bei Otto Schenk: ein großer Theatermann, dem man zuhören sollte, weil er noch immer viel zu sagen hat, immer wieder.

dieFurche: Was hat Sie zuerst am Schauspielberuf fasziniert?

Echerer: Das literarische Wort, das Auseinandersetzen mit Texten - und dann die große Lust, und die ist immer größer geworden, in eine andere Haut hineinzuschlüpfen. So wie Kinder spielen: ich bin der Drache und du die Prinzessin, so empfinde ich das heute noch als eine ganz große Lust, und wenn das auch noch eine gute Geschichte ist, die andere Menschen beglückt, rührt, dann ist es schön.

dieFurche: Gab und gibt es für Sie ausgesprochene "Traumrollen"?

Echerer: Traumrollen habe ich keine. Es gibt ein paar Rollen, die mich interessieren, aber eigentlich ist die Rolle, die ich gerade habe, die spannendste, da vergesse ich, daß es auch noch andere gäbe. Es gibt aber Rollen, an die ich mich sehr gerne zurückerinnere: in "Anatevka", meine erste wirkliche Rolle am Salzburger Landestheater, in "West Side Story", in Nestroys "Der alte Mann mit der jungen Frau", meinem Entree am Volkstheater, in "Anatol", dem Entree an der Josefstadt in der Regie von Otto Schenk, die Karoline in "Kasimir und Karoline". Dann habe ich mit "Habsburg Recycling Wien" ein Stück gemacht, "Gewalt im Spiel", eine Collage von der Roten Grütze, eine sehr spannende Arbeit, künstlerisch, vor allem aber politisch, gesellschaftlich, moralisch. Denn dieses Stück galt dem verdrängten Thema von Gewalt an Frauen und Kindern, bis hin zur sexuellen Mißhandlung von Kindern.

dieFurche: Was reizt Sie an der Erna in der neuen Produktion "Karriere"?

Echerer: Zuerst war das kein Stück, sondern ein Roman von Robert Neumann, den Verena Kurth zu einer Bühnenfassung dramatisiert hat. An dem Roman hat uns beide die Sprache fasziniert. Robert Neumann ist berühmt für seine ganz artifizielle Sprache. Wir haben gesagt, diese Frau hat eine Quirligkeit, eine Art zu reden, das ist mir auf den Leib geschrieben. Daraus eine Bühnenfassung zu machen, war eine Herausforderung an uns beide. Romane werden eher verfilmt, es ist nicht alltäglich, aus einem Roman, aus einer Novelle, ein Theaterstück zu machen. Da kommen unzählige Personen vor, der Roman ist aus der Ich-Perspektive der Hauptfigur geschrieben, daher konnte Verena Kurth in der Sprache sehr Neumann-treu bleiben. Dann die Spiellaune: Denn die Erna ist so lebendig, frech und vital. Sie spielt ihrem Publikum die einzelnen Menschen, die ihr im Leben begegnet sind, vor, sie schlüpft ständig in andere Rollen, das macht ihr Spaß, und es paßt zu mir. Es ist eine Frau, die trotz aller Schicksalsschläge und Schwierigkeiten immer wieder aufsteht, sich die Tränen wegwischt und sagt: "Wo ist das Problem? Wir lösen es." Sie geht positiv an alles heran, obwohl sie einiges im Leben abkriegt. Das wird hier sehr humorvoll erzählt, derselbe Stoff wäre bei Ibsen eine Tragödie gewesen.

dieFurche: Warum gehen Sie gerade jetzt in die Politik? Warum bei den Grünen?

Echerer: Es hat keinen Grund gegeben für das Jetzt, aber es hat eine logische Konsequenz. Wenn man meine Biographie anschaut, dann sieht man, daß da ständig irgend etwas war: Benefiz-Veranstaltungen, Aktionen, Stellungnahmen. Daß man mit Bürgerinitiativen zusammenarbeitet, daß man einfach Dinge ausspricht und dahinter steht, das gibt es bei mir seit 15 Jahren. Weil meine Interessen sich in sehr vielen Punkten mit denen der Grünen treffen, haben wir einander natürlich oft bei diesen Aktionen getroffen, und es entstanden nähere Bekanntschaften, zum Beispiel mit Madeleine Petrovic.

Es begann im künstlerischen Rahmen. In Döbling hat man sich bemüht, etwas für Hilde Spiel zu tun, die in Wien noch keine Würdigung ihrer Person hat. Da gab es eine Lesung, von den Grünen mitinitiiert, und auf einmal sagte einer zu mir: Kannst du dir nicht vorstellen, das einmal hauptberuflich zu machen? Ich war dann in Amerika, war zehn Tage weg von Wien und habe es mir durch den Kopf gehen lassen. Ich habe mir gesagt, es ist eine wunderbare Chance, mich den Dingen hingeben zu können, für die ich mich sehr gerne und aus einer großen Bereitwilligkeit eingesetzt habe. Denn als Politikerin habe ich auch eine Infrastruktur. Ich finde vielleicht leichter Gleichgesinnte auf dem politischen Terrain. Wo man zu zweit ist, da fühlt man sich schon stärker.

Ich glaube, daß meine Person dafür etwas mitbringt, daß mein Engagement, ein bißchen agitatorisch, vielleicht nicht so perfekt im Reden wie Politiker, aber vielleicht ein bißchen direkter in den Aussagen, ganz gut ist. Und europäische Politik fasziniert mich, denn Europa war für mich seit meiner Pubertät das Zuhause: Mein Vater ist Österreicher, meine Mutter ist Ungarin aus der ungarischen Minderheit in Rumänien, ich habe das damalige Großösterreich in meinem Blut drinnen.

Irgendwann hat sich die Frage, die jeder Teenager hat: Was sind meine Wurzeln?, beantwortet: Ich komme aus diesem Europa. Das kleine Siebenbürgen ist für mich persönlich ein kleiner Versuch, ein ungewollter, eines vereinten Europa gewesen, weil da zig Nationalitäten auf kleinem Raum zusammengelebt haben, sehr friedvoll, bis Ceaucescu kam.

dieFurche: Viele Grüne waren und sind skeptisch gegenüber der EU ...

Echerer: Mit Recht. Der Gedanke Europa ist wunderbar, aber auch ich habe befürchtet, daß das aus der kapitalistischen Überlegung heraus entsteht und daß die Ärmeren noch ärmer und die Reicheren noch reicher werden. Aber ich habe mir auch gedacht, in einem vereinten Europa könnte der Nationalsozialismus nicht mehr passieren, denn das würde man verhindern. So habe ich das abgewogen für mich und gesagt: Von außen kann ich ein System nur kritisieren, was sehr leicht ist, ein System weiterentwickeln kann ich nur, wenn ich mit dem System verwandt, verwurzelt bin. Gerade einer rein marktwirtschaftlichen Hauptstruktur etwas entgegenzuhalten - nämliche soziale Politik, Kulturpolitik -, das war einer der Gründe für mich, ja zu sagen für Europa.

dieFurche: Sie kandidieren auf Platz zwei, halten Sie den Gewinn eines zweiten Mandates für die Grünen wirklich für realistisch?

Echerer: Es fehlen uns zirka 1,5 Prozent, das ist nicht so viel. Mich wundert es, daß jeder sagt, das sei chancenlos. Gerade die grüne Politik - mit allen Schwierigkeiten, die die Grüne Partei in sich trägt - berührt die Leute immer mehr. Wir leben mit der Atomgefahr 60 Kilometer von uns entfernt, darauf machen uns die Grünen immer aufmerksam. Ich glaube schon, daß das erreichbar ist.

dieFurche: Wenn Sie es nicht schaffen, streben Sie aber kein Mandat im Gemeinderat oder im Parlament an?

Echerer: Ich höre nicht auf, politisch zu sein, aber ich kann nicht in einem Wiener Theater spielen und dann rübergehen ins Parlament und Politik machen.

dieFurche: Franz Morak ist für Sie hier kein Vorbild?

Echerer: Franz Morak ist ein ganz großer Schauspieler, und er kann, was ich toll finde, die Dinge verbinden. Ich könnte es nicht, es gibt so viel böse Nachrede, und ich weiß nicht, ob ich mich dem gewachsen fühlen würde. Wenn man wie ich freischaffende Schauspielerin ist, muß man um eine Subvention ansuchen. Bin ich aber auch Politikerin und reiche für eine Subvention ein, dann sagt man, die kann es sich ja richten, auch wenn es niemals so sein würde. Morak ist fix an einem subventionierten Haus, das kann man nicht vergleichen.

dieFurche: Morak war in Konflikt mit Direktor Claus Peymann, als er Politiker wurde. Hätten Sie unter Peymann gerne am Burgtheater gespielt?

Echerer: Es wäre auf den Regisseur angekommen, aber ich finde, Peymann war für Österreich ganz wichtig, obwohl ich mit vielem, was er gemacht hat, künstlerisch gar nicht so glücklich war. Aber er hat etwas geschafft, was kaum ein anderer geschafft hätte: eine ganze Nation an der Nase herumzuführen. Das muß ihm einmal einer nachmachen. Künstlerisch hat er ein paar wunderbare Produktionen gemacht, die man nie vergessen wird, er hat wunderbare Leute hierher gebracht. Ich bin aber auch froh, daß die Ära vorbei ist. Jeder hat seine Zeit, und wenn es vorbei ist, dann ist es vorbei.

dieFurche: Sehen Sie die Gefahr, daß man sagt, ein Schauspieler spielt Rollen, jetzt spielt er oder sie halt die Rolle des Politikers?

Echerer: Das Argument ist mir sehr verständlich. Da muß ich dagegenhalten, die meisten Schauspieler sind, bei allem Glitter und Glamour, wahnsinnig scheue Menschen, die gar nicht gerne Reden halten, die wenigsten, schon eine Geburtstagsfestrede ist zu viel. Das ist die andere Seite der schillernden Persönlichkeiten. Manche reden gerne, viel, das ist aber eher der kleinere Prozentsatz. Es hat einmal einen Satz gegeben, das Kabarett ist tot in Österreich, denn die besten Kabarettisten sitzen im Parlament. Dem kann ich teilweise zustimmen, wenn ich mir manchmal Interviews anhöre von Politikern, die auf Fragen keine Antworten geben. Ich glaube, wenn man ein noch so guter Schauspieler ist und nur ein Fünkchen persönliches Engagement für eine Sache hat, kann man gar nicht so gut lügen. Ich kann das jedenfalls nicht.

dieFurche: Haben Sie über den Wahltermin hinaus konkrete künstlerische Pläne?

Echerer: Ich werde, wenn bei den Wahlen alles gut geht, sicher im ersten Jahr nicht Theater spielen. Ich glaube, im ersten Jahr brauche ich meine ganze Zeit dafür, um in Straßburg und Brüssel Kontakte aufzubauen. Ich möchte aber nicht aufhören, Schauspielerin zu sein. Wie lange ich pausiere, kann ich nicht sagen. Es kommt darauf an, was man mir anbietet. Wenn es Dinge sind, die mich auch politisch reizen, werde ich vielleicht noch eher ja sagen.

Das Gespräch führte Heiner Boberski.

Bis 13. Februar spielt Mercedes Echerer in "Karriere" im Theater Drachengasse, Bar & Co, 1010 Wien, Fleischmarkt 22 (Tel. 5131444), jeweils Di. bis Sa., 20 Uhr.

Zur Person Mercedes Echerer, 1963 in Linz geboren, trat schon mit zehn Jahren am dortigen Landestheater in Kinderrollen auf. Vom Salzburger Landestheater (ab 1981) kam sie 1984 für "Cats" nach Wien. Es folgten Engagements am Volkstheater und an der Josefstadt. Seit 1997 ist sie freie Schauspielerin. Daneben arbeitet sie schon längere Zeit als Sprecherin und Moderatorin.

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