Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger über die Zukunft seines Hauses.

Die Furche: Nach der schwierigen Direktionsgeschichte der letzten drei Jahre hat das Publikum hohe Erwartungen an Sie. Wie werden Sie die Bühne führen, die zudem als ein wenig verstaubt gilt?

Herbert Föttinger: Wenn Sie mir jetzt ein Spielzeitkonzept abringen wollen, das aus drei Stichwörtern besteht, muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, dass ich ein solches nicht habe. Sie können doch nicht die Josefstadt führen, indem sie einen Spielplan gestalten, dessen Motto "Liebe, Macht und Leidenschaft" lautet. Das machen doch nur kleine Stadttheater. Ich muss die innere Dramaturgie eines Haus begreifen, erfühlen möchte ich direkt sagen, um dann mit dem Theater und mit den Anforderungen der Zeit zurecht zu kommen.

Was das Image des "ein wenig Verstaubten" dieses Theaters betrifft, muss ich Ihnen sagen, dass ich mich weigere, mich mit diesem Vorurteil zu beschäftigen. Ich denke nur an die Zukunft der Josefstadt. Selbstverständlich höre ich das nicht zum ersten Mal, ich bin seit 13 Jahren an diesem Haus, ich habe vielleicht sogar in einer verstaubten Inszenierung mitgewirkt, aber grundsätzlich sind das nur dumme Vorurteile, denen man vehement entgegen treten muss.

Denken Sie nur an die viele aufregenden Uraufführungen, die hier stattgefunden haben, denken Sie an die großen Schauspieler, die hier spielen und gespielt haben! Denken Sie an die Tradition dieses Haus, die Josefstadt ist eines der größten deutschsprachigen Theater. Hier hat Max Reinhardt inszeniert, Fritz Kortner, Peter Stein, Luc Bondy. Von verstaubt kann man da nicht reden, das ist Unsinn.

Die Furche: Hans Gratzer wollte das Haus in eine andere Richtung führen und war nicht erfolgreich damit. Wie werden Sie vorgehen?

Föttinger: In welche Richtung wollte Gratzer das Haus führen? Das war nicht klar erkennbar. Aber er hatte ein Konzept: Er wollte fünf Jahre lang nur österreichische Dramatiker aufführen. Er fing bei Adolf Bäuerle an und versuchte so, die Geschichte des österreichischen Theaters aufzurollen. Er startete also bei 1800, aber so kann man ja nicht Theater machen. Das konnte nicht funktionieren. Hätte er mit der "Dreigroschenoper" begonnen, hätte er vielleicht einen riesigen Erfolg gehabt. Das starre Konzept ist die große Gefahr des Theaters, denn es stutzt nur die Flügel der künstlerischen Fantasie.

Die Furche: Im Ensemble gibt es kaum Abgänge, dafür ein paar Zuwächse: Andrea Eckert oder Anna Franziska Srna vom Volkstheater. Der Regisseur Philip Tiedemann, der viel am Burgtheater inszeniert, arbeitet bei Ihnen. Wie sieht Ihre Besetzungspolitik aus?

Föttinger: Ich wollte keine Tabula rasa machen, das hat Bachler am Burgtheater nicht gemacht, und Schottenberg nicht am Volkstheater.

Die Furche: Doch. Schottenberg hat einen Großteil des Ensembles ausgetauscht. Einige davon kommen ja auch zu Ihnen.

Föttinger: Das stimmt doch nicht, sie waren alle freischaffende Schauspieler. Eckert, Srna, Steinhauer waren nicht im Ensemble, sie waren Gäste. Emmy Werner hatte ja auch ein völlig anderes Modell, sie reduzierte das Ensemble und holte sich Gäste dazu. Werner sprach von festen Gästen. Ich hingegen versuche, ein Ensemble zu halten und zu vergrößern, weil ich glaube, dass darin eine große Kraft des Theaters liegt. Aber auch ich werde am Beginn viele Gäste haben, Michael von Au vom Residenztheater München, Bernhard Schir, Fritz Karl kehren zurück, Andrea Jonasson, Louise Martini, Andrea Eckert, Karl Markovics, Heribert Sasse, um nur einige zu nennen, kommen ans Haus.

Die Furche: Wie gehen Sie mit Gästen um? Die Vorschau lässt nicht erkennen, wer Gast und wer Ensemblemitglied ist?

Föttinger: Heute kann man das nicht mehr trennen. Dieter Dorn verrät auch nicht, wer bei ihm Gast ist und wer nicht. Es interessiert doch wirklich keinen, in welchem Vertragsverhältnis die Schauspieler stehen. Das sind Interna, die niemanden etwas angehen. Ich möchte eine Josefstädter Zusammengehörigkeit erzielen. Mit Schauspielern, die sich dem Haus verbunden fühlen, für die das Haus eine künstlerische Heimat ist.

Die Furche: Der Wiener Theaterbesucher verbindet mit der Josefstadt die Namen Schenk, Lohner, Muliar. Wird sich hier etwas verändern?

Föttinger: Nein, jeder Theaterdirektor kann sich glücklich schätzen, wenn er solche Schauspieler hat. Schenk, Muliar, Ott, sie alle spielen ja in der nächsten Spielzeit, aber es kommen auch tolle Leute dazu.

Die Furche: Sie selbst sind in einer interessanten Position: zugleich Intendant, Regisseur und Schauspieler. Übernehmen Sie sich da nicht ein wenig, wo doch heute immer mehr Anforderungen auf ein Theater zukommen?

Föttinger: Ich wollte das immer trennen, ich finde, dass die Berufe Regisseur, Schauspieler, Theaterdirektor eigenständig sind. Dass das zufällig bei mir so kollidiert, das war nicht beabsichtigt. Wenn man aber reine Manager-Intendanten hat, dann besteht die Gefahr, dass der Bezug zum Theatermachen - mit den Schauspielern, mit der Technik zusammenzuarbeiten - verloren geht. Ein Theater nur vom Schreibtisch aus zu leiten, birgt die Gefahr, den künstlerischen Bezug zu verlieren. Im Vordergrund steht für mich natürlich der Beruf des Theaterdirektors, ich muss das Haus führen, das ist eine gewaltige Verantwortung und jetzt meine erste Priorität.

Die Furche: Sie eröffnen mit einer Uraufführung, mit Peter Turrinis "Mein Nestroy" in Ihrer Regie. Warum?

Föttinger: Ich habe Turrini eingeladen, dieses Stück zu schreiben, weil es sehr viel mit der Josefstadt und überhaupt sehr viel mit der Bestimmungssuche einer Theateridentität zu tun hat. Und Turrini hat wirklich ein aufregendes Stück geschrieben, ein Stück über die Liebe und über die Liebe zum Theater. Er wollte dann auch, dass ich das Stück inszeniere, obwohl ich ihm viele Vorschläge gemacht, ihm Regisseure genannt habe, aber Turrini wollte unbedingt mich, und am Ende hat er dann mich dazu verführt und gewonnen.

Die Furche: Ansonsten sind aber relativ wenige österreichische Dramatiker vertreten, Arthur Schnitzler und Thomas Bernhard. Wie werden Sie mit zeitgenössischen Autoren umgehen?

Föttinger: Ich möchte mit jungen Autoren arbeiten, sie sollen sich auf der Probebühne ausprobieren können. Ich bin mit vielen österreichischen Dramatikern im Gespräch.

Die Furche: Mit wem?

Föttinger: Das wäre ein Vorgriff, das möchte ich heute noch nicht sagen, aber ich bin ein Kämpfer für Uraufführungen, in dieser Hinsicht wird es auf jeden Fall Neues geben. Ein Theater ist dann lebendig - wie in einer Familie - wenn es Kinder gibt, und das ist mir ganz, ganz wichtig. Ich will, dass von der Josefstadt aus neue Stücke die Bühnen erobern, quasi eine Geburtsstätte für Uraufführungen.

Die Furche: Dafür ist in der kommenden Spielzeit aber wenig angekündigt.

Föttinger: Mit Turrini ist ein guter Anfang gemacht. Ich hole Franz Xaver Kroetz, er bearbeitet Schnitzlers "Der Ruf des Lebens", auch das wird eine Uraufführung sein. Für die Jungen wird die Probebühne als Uraufführungsstätte dienen. Sie können sich ausprobieren, ohne dass das Damoklesschwert des kommerziellen Erfolges über ihnen schwebt. Man muss auch einen Ort schaffen, wo etwas schief gehen darf.

Die Furche: Ist das nicht eine Form der Marginalisierung des Nachwuchses?

Föttinger: Nein, überhaupt nicht, jeder muss sich ausprobieren können. Dazu gab es immer Studiobühnen und kleine Häuser.

Die Furche: In welcher finanziellen Lage ist das Haus heute? Wie übernehmen Sie es?

Föttinger: Ich übernehme ein ausgezeichnet geführtes Haus. Es ist das erste Mal, dass die Subventionen für drei Jahre vergeben wurden, das heißt ich habe einen gewissen Spielraum.

Die Furche: Auch die Generalrenovierung, die gerade stattfindet, wird eine gute Ausgangsbasis für Sie sein.

Föttinger: Unbedingt. Nach 82 Jahren war es notwendig, dass eine Generalrenovierung stattfindet und dass das Haus total erneuert wird, vom Zuschauerraum bis zu den Toiletten, von den Garderoben bis zur Fassade wird das Theater - in Zusammenarbeit mit den Denkmalschutzbehörden - in einen glänzenden Zustand versetzt. Das Herzstück ist die neue Probebühne. Das ist etwas ganz Tolles. Sie wird über dem Sträußelsaal sein. Fallweise wird sie für Aufführungen zur Verfügung stehen (sie fasst 99 Zuschauer), die Probebühne darf aber nicht ständig bespielt werden, sonst verliert sie ihren Zweck und wir müssten gleich wieder eine neue Probebühne suchen.

Die Furche: Wohin möchten Sie das Theater in den kommenden fünf Jahren geführt haben?

Föttinger: Auf jeden Fall wünsche ich mir, dass Sie mich nicht mehr fragen, ob das Haus verstaubt ist, sondern dass wir dieses Klischee bis 2011 ausräumen.

Das Gespräch führte Julia Danielczyk.

Herbert Föttinger

Geboren 1961 in Wien, nach der Matura privater Schauspielunterricht bei Peter Jost. Erstes Engagement am Städtebundtheater Hof, dann über Detmold, Hildesheim un d Grazer Schauspielhaus ans Wiener Volkstheater.

Seit 1993 Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt. Debüt als Alfred in den Geschichten aus dem Wiener Wald (Regie: Karlheinz Hackl); danach zahlreiche Hauptrollen. In Heimliches Geld, heimliche Liebe brillierte er in seiner ersten Nestroy-Rolle. Weiters war er zu sehen als Gregers in Die Wildente, in der Titelrolle von Molnárs Liliom, als Rappelkopf in Raimunds Der Alpenkönig und der Menschenfeind und als Mackie Messer in der Dreigroschenoper. In der Spielzeit 2004/ 05 Regiedebüt mit Nestroys Kampl, zuletzt die Titelrolle in Amphitryon und Torvald in Nora.

Daneben eigene Produktionen (Talk Radio, Die Bernfeld-Revue) und Engagement für gesellschaftskritische Projekte wie Schlussstrich (Reden österreichischer Politiker über die Judenfrage) oder Künstler an der Macht.

Gastspiele: 1991-93 Festspiele Bad Hersfeld, 1994 Ernst-Deutsch-Theater Hamburg, 1995 Salzburger Festspiele (Jedermann und Antonius und Cleopatra, Regie: Peter Stein), 1998/99 Schauspiel Köln (Carl Sternheims 1913, Regie: Günter Krämer). Seit 1997 bei den Sommerspielen in Reichenau, u. a. 2004 als Friedrich Hofreiter in Das weite Land.

Fernsehfilme u.a.: Angst vor der Idylle (Regie: Götz Spielmann), Ein glücklicher Tag (Regie: Paul Henge) Auszeichnung: Wiener Schauspieler Ring.

Herbert Föttinger ist ab 1. September Künstlerischer Leiter des Theaters in der Josefstadt.

Zu sehen in: Bunbury, Gefährliche Liebschaften, Regie bei: Mein Nestroy.

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