Ironie und Ernsthaftigkeit auf der Bühne

Wenn an der Stückauswahl und Inszenierung mit der die verschiedenen Theater jeweils ihre Saison eröffnen so etwas wie ein programmatischer Charakter abzulesen wäre, dann schiene es heuer so, als ob in Wien alles bleiben würde, wie es letzte, vorletzte und noch einige Saisonen davor auch war.

Für das Theater in der Josefstadt, dem heuer die "Ehre" zukam, die Spielzeit 2014/15 zu eröffnen, ist das gleich im doppelten Sinne wenig überraschend. Zum einen geht das Theater im achten Wiener Gemeindebezirk in der Person Herbert Föttingers mit demselben Intendanten, der seit 2006 im Amt ist, in die neue Spielzeit, zum anderen ist das Theater nicht gerade dafür bekannt, besonders innovativ zu sein: Das will meinen, gewagt zu programmieren, was sowohl die Auswahl der Stücke, wie auch die der inszenierenden Regisseure betrifft. Es dominieren -selbst dann, wenn auch die Josefstadt von der trendigen Romanbearbeiteritis angesteckt wird - konventionelle Erzählformen, meistens Schauspiele aus dem Kanon der anerkannten Theaterliteratur. Jüngere Dramatiker, deren Stücke experimentelleren Charakter haben, also dem postdramatischen Theater zuzurechnen wären, gibt es hier gar nicht, und für die Regisseure ist die Werktreue ein verbindlicher Handlungs-bzw. Inszenierungsleitfaden.

Wie zu Schnitzlers Zeit

Dieser Befund wurde auch heuer bestätigt, eröffnete die Josefstadt die Spielzeit doch mit Arthur Schnitzlers "Liebelei". Alexandra Liedtke, die für die Regie verantwortlich zeichnet, verbirgt sich ganz hinter Schnitzlers Intention, die da war, Innenansichten aus der Wirklichkeit der Gesellschaft seiner Zeit zu liefern. Schnitzler erkannte, dass die Menschen in ihren innigsten Gefühlen von den sozialen Strukturen und gesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt werden. Schade nur, dass Liedtke ihre Inszenierung historisiert, also in der Zeit Schnitzlers belässt. Damit verhindert sie, dass der Zuschauer sich danach fragt, ob der Widerspruch zwischen Gesellschaft und Liebe noch derselbe ist wie damals, ob es heute noch oder wieder ökonomische Hürden und normative Verbote (Ständeklausel) gibt, ja, wie das heute ist mit der Suche nach dem Glück, ob die flüchtige Liebelei dominiert oder nicht vielmehr die Suche nach dem dauerhaften, großen Glück der romantischen Liebe?

Ein klein wenig anders stellt sich die Situation beim Burgtheater dar. Dass bei der führenden Bühne des Landes, mit Strahlkraft weit über die Grenzen hinaus, alles so bliebe wie die Jahre davor, will man mit Blick auf die bedrohliche finanzielle Schieflage nicht hoffen. Was die künstlerische Seite angeht, scheint unter der Interimsintendantin Karin Bergmann vorerst alles wie gehabt. Die erste 'richtige' Premiere -wenn man "Die letzten Tage der Menschheit" die bei den Salzburger Festspielen schon gezeigt wurden, mal außer Acht lässt -fand in der kleineren Spielstätte, dem Akademietheater, statt.

Mit der Uraufführung von Wolfram Lotz' "Die lächerliche Finsternis" knüpft das Theater munter an die Gepflogenheit an, neue Stücke auch jüngerer Autoren zu präsentieren. Der junge Schwabe, Jahrgang 1981, ist in Wien kein Unbekannter. Vergangene Spielzeit war sein Stück "Einige Nachrichten an das All" in der entfesselten Regie von Antú Romero Nunes einer der Höhepunkte. Sein neues Stück, das eine Paraphrase von Joseph Conrads "Heart of Darkness" und Francis Ford Coppolas Film "Apocalypse Now" ist, ist eine gewagte Persiflage des globalen Horrors und vor allem ein radikaler, überfordernder Text. Lotz glaubt nämlich nicht daran, mit dem Theater die Probleme der Welt noch irgendwie abbilden zu können. So feiert er die Autonomie von der Welt, und sei es nur die von der Theaterwelt, und lädt andere dazu ein, es ihm gleich zu tun. Aus diesem Grund macht es auch nichts, dass "Die lächerliche Finsternis" eigentlich als Hörspiel konzipiert ist. Im Vorwort fordert er die Regisseure dazu auf, den Text bei der Umsetzung auf die Theaterbühne durch Streichungen, Ergänzungen durch fremde Texte, Umstellungen etc. beliebig zu verändern.

Ein größtmögliches Vergnügen

Der Regisseur der Uraufführung, der aus Brünn gebürtige Tscheche Dus an David Par ízek, hat sich auf einige wenige Streichungen beschränkt. Er teilt die Erzählform des Textes klug in Figurendialoge und Monologe auf, ohne diese je ganz aufzugeben. Indem er die Repräsentationsfähigkeit des Theaters immer wieder unterläuft, gelingt es ihm aus dem luziden, unmöglichen Theatertext, der mit ernsthafter Ironie so tut als würde er große Themen (globale Ungerechtigkeit, Krieg, Neo-Kolonialismus, Rassismus etc.) wälzen, ein größtmögliches Vergnügen zu machen. Die harte Soldatenwelt, in der zwei Bundeswehrsoldaten im afghanischen Dschungel (!) per Boot den Hindukusch hinauffahren (!) um einen durchgedrehten Kameraden aufzuspüren und dabei auf Eingeborene, dubiose Händler und sonderbare Missionare treffen, ist bei ihm weiblich besetzt. Catrin Striebeck mit aufgeklebtem Schnurrbart und provokanten Machoposen, Frida-Lovisa Hamann als sächselnder Gefreiter ein Sinn suchender Gutmensch, sowie Dorothee Hartinger (u. a. als italienischer Blauhelmsoldat Lodetti) und Stefanie Reinsperger (die u. a. im breitesten Wienerisch behauptet, ein somalischer Pirat zu sein) haben allergrößten Anteil an dem Heidenspaß, in dem nicht mal die Pause echt ist. Da wird nämlich der Bretterverschlag gehäckselt und man könne eine Pause nehmen, "wenn man wolle", so der Hinweis.

Liebelei Theater in der Josefstadt 18., 19., 22., 23., 29. September Die lächerliche Finsternis Akademietheater 15., 16., 19. September, 3., 11., 20. Oktober

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