"Ob i a Göd hab oda kans"

Interessante Programme in der Theaterstadt Wien, aber beschränkte Mittel.

Das Theater in der Josefstadt kündigt für Jänner 2008 eine "Sternstunde" besonderer Art an: Claus Peymann und Hermann Beil gastieren mit ihrer längst Kult-Status genießenden Inszenierung von Thomas Bernhards Dramoletten-Trilogie. Auf der Sulzwiese versucht Peymanns literarisches Alter Ego, seinen Chefdramaturgen von der Utopie einer "totalen Shakespearekonzentration" zu überzeugen, man müsse nur "alle Shakespearestücke in einen einzigen Abend hineinquetschen".

Jahrzehnte später konzentriert man sich in der Burg programmatisch auf Shakespeare. Sechs Inszenierungen wurden in der vorigen Spielzeit ins Repertoire eingegliedert, in dieser Saison kommen sieben weitere Werke dazu, allerdings in drei Produktionen zusammengeballt. Die Burg sei, konstatiert Direktor Klaus Bachler, mittlerweile als "einzige deutschsprachige Bühne in der Lage, so einen Kraftakt zu leisten." Für die Vorbereitung der ersten Premiere im Haus am Ring - Die ganz außergewöhnliche und beklagenswerte Tragödie von Romeo und Julia am 20. September mit zwei wirklich jungen Burg-Debütanten (Julia Hartmann, Sven Dolinski) als Protagonistenpaar - benötigt Regisseur Sebastian Hartmann gleich eine ganze Reihe von Schließtagen. Man darf also auf das Ergebnis gespannt sein.

Burg: Shakespeare total

Nach der klassischen Liebestragödie verlagert sich der Focus mit den Königsdramen auf die gefährliche und wetterwendische Welt der hohen Politik. Nach den beiden Teilen von Heinrich IV., inszeniert von Dimiter Gotscheff im Akademietheater (März 2008), setzt dann im Mai Stephan Kimmig, Spezialist für dramaturgisch exzellent geraffte Spielfassungen, im großen Haus mit den Rosenkriegen - extrahiert aus allen drei Teilen von Heinrich VI. und Richard III. - den Schlusspunkt unter die Shakespeare-Premieren, in deren Umfeld auch die Vortragsreihe Shakespeare - eine Republik von Fehlern fortgesetzt wird.

Doch auch das übrige Premierenangebot kann sich sehen lassen. Die seit langem geplante Wallenstein-Trilogie ist nun unter der Regie von Thomas Langhoff als Dezember-Premiere angesetzt, eine Reihe österreichischer Erstaufführungen machen neugierig: Im Akademietheater zur Saisoneröffnung Verbrennungen von Wajdi Mouawad, hierauf Die Probe von Lukas Bärfuss, Motortown von Simon Stephens, in der Burg Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels und, ganz besonders, im Kasino Schwarze Jungfrauen, eine auf Interviews basierende Szenenfolge über junge Muslimas in Deutschland. Mit Uraufführungen - von Händl Klaus, Johannes Schrettle und Falk Richter - wird erst im Frühjahr aufgewartet.

Umbau an der Josefstadt

Das Josefstädter Publikum darf sich auf die während der Ferien vorgenommene, längst fällige Totalsanierung und-renovierung von Wiens ältestem und wohl auch stimmungsvollstem Theater freuen. Die Eröffnungspremiere am 15. November mit Peter Turrinis in die Gegenwart transponierter Bearbeitung von Goldonis Diener zweier Herren erinnert daran, dass auch Max Reinhardt 1924 seine Direktion mit dieser Komödie startete.

Weiter geht es mit LaButes Wie es so läuft, Nestroys Unverhofft, Horváths Der jüngste Tag und einer Franzobel-Uraufführung als Hommage an den "Wiener Chaplin" Hans Moser. Der Herbst wird in den Kammerspielen mit Schnitzlers Reigen überbrückt (Premiere: 8. 9.), der 1921 an dieser Bühne einen der heftigsten Theaterskandale der Ersten Republik entfachte. Stephanie Mohrs Inszenierung - mit Herbert Föttinger und Sandra Cervik in sämtlichen Männer- und Frauenrollen - wird später ins Haupthaus übernommen.

In der Rotenturmstraße regiert dann wieder die dort heimische boulevardeske Unterhaltungskultur. Im November wird Fritz Muliar in Felix Mitterers Auftragswerk Panther sein 70-jähriges (!) Bühnenjubiläum feiern, und auch der mittlerweile schon über 450 Mal gespielte Othello darf nicht platzen steht neben einigen Novitäten als Dauerbrenner auf dem Spielplan.

Das Volkstheater beginnt seine dritte Spielzeit unter Michael Schottenberg zwar experimentell mit einem "Schauspiel ohne Worte" - Das Ballhaus - Tanz durch ein Jahrhundert, schaltet aber in der Folge mit einem wohltemperierten Spielplan mit Albees Psychoreißer Wer hat Angst vor Virginia Woolf, Nestroys Jux, einer bissigen Weihnachtskomödie von Alan Ayckbourn, Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald, Goethes Clavigo, einem neuen Dimitré Dinev - Eine heikle Sache, die Seele - und Dürrenmatts Besuch der alten Dame im Haupthaus und in den Bezirken eher auf "Nummer Sicher".

Wagemutiger und provokanter geht es an den Nebenschauplätzen zu: Die Wiederbelebung des Hundsturms steht in Aussicht und für den Empfangsraum wurde ein viel versprechendes Exilprojekt konzipiert.

Und überall fehlt das Geld

Dass auch an den großen Bühnen die Förderquellen nicht mehr ganz so reichlich sprudeln, wird besonders an den Marketing-Strategien von Burg und Josefstadt deutlich: Ein "Shakespeare-Pass", in dem der Besuch aller Aufführungen und sämtlicher Begleitprogramme vermerkt wird, garantiert für so manche Vergünstigung. Die Josefstadt, die einen Teil der enormen Sanierungskosten durch Sponsor-Gelder abdecken muss, verweist in ihrer Programmbroschüre auf "unvergleichlich attraktive" Sonderleistungen für Sponsoren.

Wie aber kommen jene im Wiener Kulturleben nach wie vor präsenten Mittel- und Kleinbühnen über die Runden, die nicht zu den Begünstigten der Theaterreform zählen? Zum Beispiel der "Spielraum" im ehemaligen Erika-Kino, wo, wie die beiden Theatermacher Nicole Metzger und Georg Werdeker betonen, die viertel-bzw. halbjährlich avisierte Basisförderung "unter dem Niveau von 1999" kaum eine längerfristige konzeptuelle Planung erlaubt und den Schauspielern keine Anstellung, sondern nur eine Abendgage von 30 Euro geboten werden kann. Trotzdem versucht man, wenigstens mit zwei oder drei Produktionen - Ionescos Nashörner und ein Projekt zum Themenkreis 1938 - Theater mit "konkret gesellschaftlichem Zugang" zu machen und daneben das Haus für Gastspiele ambitionierter junger Gruppen zu öffnen. Fragt sich nur: Wie lange noch?

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