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Elfenbeinerne Türme

Angeblich stöhnen manche Theaterautoren unter dem Joch der Leibeigenschaft, weil die Bühnenverlage mit jedem Stück auch gleich die Option auf das nächste Werk erwerben.

Angeblich ist Befreiung zu erhoffen, wenn die Option auf ein nächstes Stück nicht eingelöst wird, weil es dem Verlag zu schlecht ist.

Angeblich schrieb ein bekannter Autor ein derart miserables Stück, daß er bereits eine Flasche Sekt auf seine Befreiung aus dem Verlagsjoch leerte. Angeblich wurde das Stück dann vom Verlag doch angenommen und doch gespielt und sogar ein Erfolg.

Selbstverständlich ist das alles frei erfunden, reinster Hohn. Aber wer viel ins Theater geht, kann schon den Eindruck gewinnen, daß viele deutschsprachige Stückeschreiber seit einiger Zeit mit allen Mitteln versuchen, Stücke zu schreiben, die endlich wirklich zu schwach sind, um irgendwo anzukommen, daß es ihnen dabei aber so ergeht wie dem oben zitierten Autor. Oder daß sie das Stückeschreiben überhaupt aufgegeben haben.

Wien sah in der vergangenen Saison wenig und vorwiegend schwaches zeitgenössisches deutschsprachiges Theater - und nicht viele aus anderen Sprachen übersetzte, erwähnenswerte neue Stücke. Offenbar steckt die Theaterschreiberei nicht nur bei uns in einer Krise.

Denken wir also einmal darüber nach, was uns in den letzten zehn Monaten berührt hat, was zu Herzen ging, was sich - positiv! - für längere oder kürzere Zeit ins Gedächtnis eingegraben hat.

Auf die Preisfrage, wovon ich heute glaube, daß ich eventuell noch in fünf oder zehn Jahren davon reden werde, antworte ich ohne Zögern: Nestroys „Talisman", aufgeführt von der „Gruppe 80" im Vorstadtbeisel Zur Kulisse, mit Dieter Hofinger als Titus Feuerfuchs.

bie Erinnerung an den von Angelika Hurwicz inszenierten „Professor Bernhardi" von Arthur Schnitzler im Burgtheater, an Horväths „Figaro läßt sich scheiden" in der Josefstadt, aber auch an den dichten, exemplarischen „Weltuntergang" von Jura Soyfer im Theater beim Auersperg wird wohl noch längere Zeit im Gedächtnis lebendig bleiben und gemeinsam mit der Erinnerung an andere Aufführungen dieser Stücke weiterwirken.

Welche Einzelleistungen auf der Bühne mich am nachhaltigsten beeindruckten, kann ich auch ohne langes Nachdenken sagen: Nika Brejtschnei-der mit ihrem „Theater Brett" in der Pantomime „Don Quijote in Wien" und Tatja Seibt in „Groß und Klein" von Botho Strauß im Schauspielhaus. Ihre Lotte war kein durch abweichendes Verhalten ,die Gesundheit seiner Umgebung bestätigender drop out, sondern ein auf die Kälte einer Welt gesund, und das heißt: krank werdend, reagierender Mensch. Damit gelang es ihr, sichtbar zu machen, was in diesem Stück steckt.

„Josef und Maria" von Peter Turrini fand - sehr verdient! - vom Volkstheater aus den Weg auf die deutschen Bühnen. Ein schönes, poetisches Stück und eines der wenigen, in denen sich heute noch ein Autor mit seinen Geschöpfen identifiziert.

Ein in der Machart eher Broadway-amerikanisches, aber durch sein Thema wichtiges Stück, weil es das Schweigen über das Schicksal Zehntausender in den deutschen Konzentrationslagern ermordeter Homosexueller durchbricht: „Rosa Winkel" von Martin Sherman (Schauspielhaus).

Von den beiden Stücken tschechoslowakischer Autoren im Akademietheater fand ich „Maria kämpft mit den Engeln" von Pavel Kohout im Anspruch bescheidener, aber auch wesentlich geglückter als Vaclav Havels symbolbela-denes „Berghotel". Private Schicksalsschläge und die Geheimpolizei führen bei Kohout den Zusammenbruch einer Frau herbei. „Triptychon" von Max Frisch und „Berghotel" von Havel: schwache Werke berühmter Autoren. Bange Frage: Wo bleiben die starken Theaterstücke neuer Autoren?

Was von potentiellen Stückeschreibern von morgen in Wien zu sehen war, macht es schwer, den Theatern das Abwürgen vielversprechender Talente vorzuwerfen. Allerdings kann man auch mit dem größten Wohlwollen nicht behaupten, sie würden viel tun, um neue Autoren zu ermutigen.

Ängstlichkeit und Schwerfälligkeit der Theater, Verlagspolitik und die auf eingefahrenen Geleisen fahrenden Autoren bewegen sich im Kreise. Was heute geschrieben wird, ähnelt zum Verwechseln dem, was vor fünf Jahren geschrieben wurde. Die Neuerscheinungen reißen niemanden vom Sessel. Sie decken den Alibi-Bedarf der Theater an neuen Stücken und liefern zugleich das Alibi für die von den toten Autoren beherrschten Spielpläne.

Den Regisseuren kann es recht sein; mit den Toten kann man machen, was man will. Ob aber die Lebenden zur Auseinandersetzung mit den Problemen unserer Zeit noch in der Lage sind oder nicht, das ist hier die Frage.

Ihre Auseinandersetzung mit der Realität ist eindimensional, der Blickwinkel auf das eingeengt, was die „Zustände" oder die „Herrschenden" aus den Menschen machen. Die Analyse dieser Zustände findet kaum mehr statt, der Blick wird nicht mehr auf die „Herrschenden" und ihr Verhalten gerichtet.

Zumindest die deutschsprachigen Autoren deponieren in ihren Stücken die mehr oder weniger pauschale Ablehnung „der Gesellschaft" anstelle dessen, was die Gesellschaft aus ihrer Gleichgültigkeit aufrütteln, erschüttern, aus den Angeln heben könnte.

Damit verliert das Gegenwartstheater seine Funktion, Zustände, Verhaltensweisen und deren Hintergründe bewußt zu machen. Viele „gestrige" Stücke haben mehr Brisanz.

Elfenbeinerne Türme sind eben nicht immer weiß. Sie können auch rosarot sein.

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