Theatermacher - © Foto: © Birgit Hupfeld / Volkstheater

Volkstheater: Theatermacherdekonstruktion

1945 1960 1980 2000 2020

Nach Renovierungsarbeiten und langer Schließzeit eröffnet der neue Intendant Kay Voges nun endlich die Hauptbühne des Volkstheaters – mit einer grotesk-schrillen Inszenierung von Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ und einer Hinterfragung des repräsentativen Theaters.

1945 1960 1980 2000 2020

Nach Renovierungsarbeiten und langer Schließzeit eröffnet der neue Intendant Kay Voges nun endlich die Hauptbühne des Volkstheaters – mit einer grotesk-schrillen Inszenierung von Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ und einer Hinterfragung des repräsentativen Theaters.

Unter den bewährten Sicherheitsvorkehrungen durften die Bundestheater nun auch auf den großen Bühnen ihre Spielzeit vor Publikum beginnen. Im Volkstheater eröffnet nach eineinhalb Jahren Schließzeit der vom Dortmunder Schauspielhaus nach Wien gewechselte Kay Voges nun endlich auch auf der Hauptbühne seine Intendanz mit seiner Inszenierung von Thomas Bernhards „Der Theatermacher“.

„Was hier / in dieser muffigen Atmosphäre / Als ob ich es geahnt hätte“, lauten die ersten Zeilen aus Thomas Bernhards Komödie. Schon einmal waren diese Zeilen der Auftakt zu einer Ära, zu der, die Claus Peymann mit der Übernahme des Burgtheaters vor 35 Jahren begründen sollte. Ob der als Theaterinnovator ebenso geachtete wie gefürchtete Kay Voges eine Veränderung der Wiener Theaterlandschaft wie Peymann bewirken wird, bleibt abzuwarten. Die Zeiten haben sich verändert, die Wiener Theaterlandschaft bedarf nicht der Entstaubung wie damals. Sollte Voges dem in den vergangenen Jahren eher glücklosen Volkstheater neues Leben einhauchen können, wäre schon viel gewonnen.

Monologische Tiraden

Zunächst scheint alles wie erwartet. Bruscon, der sich zu höherem, nämlich zum Dramatiker und Regisseur berufen fühlende Staatsschauspieler, gespielt von Andreas Beck, betritt vom Parkett aus kommend die Bühne. Sie zeigt jedoch nicht – wie bei Bernhard vorgesehen – den Tanzsaal des Dorfgasthofes zu Utzbach, wo Bruscon seine Menschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ aufführen will, sondern einen Raum, der an eine noch unfertige Verladestation von Kühlwaren erinnert, mit seinen großen Rolltoren, zwei noch mit Plastikplanen verhangenen Durchgängen, viel Beton, noch mehr Feuerlöschern (Bühne: Daniel Roskamp). Ihm auf den Fersen ist Uwe Rohbeck als Wirt, ein drahtiger schmaler Mann mit Lockenkopf, der meist stumm, aber mit beredter Mimik die monologischen Tiraden des gescheiterten, ins Abseits gedrängten (Pseudo-)Künstlers Bruscon quittiert. Wie immer bei Bernhard macht zunächst die Rede das eigentliche Geschehen auf der Bühne aus, die Konflikte werden kaum ausagiert, sondern eher besprochen.

Wie der fabelhafte Beck die misanthropischen und misogynen Monologe dieser dauerempörten, monomanischen Figur spielt, erinnert stark an die Spielweise, wie Peymann Bernhard jeweils spielen ließ. Aber dann, nach knapp einer Stunde, die letzten Takte aus Verdis Oper „Die Macht des Schicksals“ sind kaum verklungen, beginnt das Stück von neuem. Nur klingt diesmal die Klage über die Kulturlosigkeit der Zwergengemeinde Utzbach und die monströse Suada über die Unfähigkeit seiner Kinder, die Geistfeindlichkeit seiner Frau etc. etwas salopper, etwas schneller. Der Sohn Ferruccio hat nun zwei eingegipste Arme und auch der Text erfährt die eine oder andere Veränderung. Die Wiederholungszwänge, in denen die Figur festgefahren ist, scheinen auch die des Regisseurs zu sein. Denn nach einer weiteren halben Stunde lässt der das Stück noch einmal beginnen.

Diesmal wird Bruscon von Rohbeck gespielt, dessen Spielstil an den der Comédie Française erinnert, während Becks Wirt durch seine massige Gestalt und die clowneske Perücke an eine Zanni-Figur aus der Commedia dell’arte erinnert. Aber damit noch lange nicht genug: Voges lässt den „Theatermacher“ noch sechsmal (!) beginnen, wobei es immer schriller und grotesker wird. Auch Nick Romeo Reimann und Anna Rieser, die vorher die Kinder spielen, dürfen nun Bruscon mimen. Reimann singt Bernhards Text in Musical-Manier, während Anna Rieser mit verzerrter Stimme den Theatermacher als wütende Punksängerin gibt, auf deren Jeansjacke „Fickt eure Väter“ zu lesen ist, und im Hintergrund drei Hitlerfiguren im Tutu tanzen.

Unter den bewährten Sicherheitsvorkehrungen durften die Bundestheater nun auch auf den großen Bühnen ihre Spielzeit vor Publikum beginnen. Im Volkstheater eröffnet nach eineinhalb Jahren Schließzeit der vom Dortmunder Schauspielhaus nach Wien gewechselte Kay Voges nun endlich auch auf der Hauptbühne seine Intendanz mit seiner Inszenierung von Thomas Bernhards „Der Theatermacher“.

„Was hier / in dieser muffigen Atmosphäre / Als ob ich es geahnt hätte“, lauten die ersten Zeilen aus Thomas Bernhards Komödie. Schon einmal waren diese Zeilen der Auftakt zu einer Ära, zu der, die Claus Peymann mit der Übernahme des Burgtheaters vor 35 Jahren begründen sollte. Ob der als Theaterinnovator ebenso geachtete wie gefürchtete Kay Voges eine Veränderung der Wiener Theaterlandschaft wie Peymann bewirken wird, bleibt abzuwarten. Die Zeiten haben sich verändert, die Wiener Theaterlandschaft bedarf nicht der Entstaubung wie damals. Sollte Voges dem in den vergangenen Jahren eher glücklosen Volkstheater neues Leben einhauchen können, wäre schon viel gewonnen.

Monologische Tiraden

Zunächst scheint alles wie erwartet. Bruscon, der sich zu höherem, nämlich zum Dramatiker und Regisseur berufen fühlende Staatsschauspieler, gespielt von Andreas Beck, betritt vom Parkett aus kommend die Bühne. Sie zeigt jedoch nicht – wie bei Bernhard vorgesehen – den Tanzsaal des Dorfgasthofes zu Utzbach, wo Bruscon seine Menschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ aufführen will, sondern einen Raum, der an eine noch unfertige Verladestation von Kühlwaren erinnert, mit seinen großen Rolltoren, zwei noch mit Plastikplanen verhangenen Durchgängen, viel Beton, noch mehr Feuerlöschern (Bühne: Daniel Roskamp). Ihm auf den Fersen ist Uwe Rohbeck als Wirt, ein drahtiger schmaler Mann mit Lockenkopf, der meist stumm, aber mit beredter Mimik die monologischen Tiraden des gescheiterten, ins Abseits gedrängten (Pseudo-)Künstlers Bruscon quittiert. Wie immer bei Bernhard macht zunächst die Rede das eigentliche Geschehen auf der Bühne aus, die Konflikte werden kaum ausagiert, sondern eher besprochen.

Wie der fabelhafte Beck die misanthropischen und misogynen Monologe dieser dauerempörten, monomanischen Figur spielt, erinnert stark an die Spielweise, wie Peymann Bernhard jeweils spielen ließ. Aber dann, nach knapp einer Stunde, die letzten Takte aus Verdis Oper „Die Macht des Schicksals“ sind kaum verklungen, beginnt das Stück von neuem. Nur klingt diesmal die Klage über die Kulturlosigkeit der Zwergengemeinde Utzbach und die monströse Suada über die Unfähigkeit seiner Kinder, die Geistfeindlichkeit seiner Frau etc. etwas salopper, etwas schneller. Der Sohn Ferruccio hat nun zwei eingegipste Arme und auch der Text erfährt die eine oder andere Veränderung. Die Wiederholungszwänge, in denen die Figur festgefahren ist, scheinen auch die des Regisseurs zu sein. Denn nach einer weiteren halben Stunde lässt der das Stück noch einmal beginnen.

Diesmal wird Bruscon von Rohbeck gespielt, dessen Spielstil an den der Comédie Française erinnert, während Becks Wirt durch seine massige Gestalt und die clowneske Perücke an eine Zanni-Figur aus der Commedia dell’arte erinnert. Aber damit noch lange nicht genug: Voges lässt den „Theatermacher“ noch sechsmal (!) beginnen, wobei es immer schriller und grotesker wird. Auch Nick Romeo Reimann und Anna Rieser, die vorher die Kinder spielen, dürfen nun Bruscon mimen. Reimann singt Bernhards Text in Musical-Manier, während Anna Rieser mit verzerrter Stimme den Theatermacher als wütende Punksängerin gibt, auf deren Jeansjacke „Fickt eure Väter“ zu lesen ist, und im Hintergrund drei Hitlerfiguren im Tutu tanzen.

Diese vergnüglich anzusehende Zerlegung des gediegenen Schauspiels kann man vielleicht als programmatische Ansage des Intendanten verstehen.

Kurz: Bernhards „Theatermacher“, der das Rad der Geschichte mit dem Ende des Theaters vermengt, wird von Voges gründlich dekonstruiert. Und diese vergnüglich anzusehende Zerlegung des gediegenen Schauspiels kann man vielleicht als programmatische Ansage des Intendanten verstehen: als grundlegende, auch den Zeitgeist treffende Hinterfragung des repräsentativen Theaters, jener „Perversität, in die die Menschheit vernarrt ist“, wie es bei Bernhard einmal heißt. Wie um das zu untermauern, hat Voges einen kurzen bezaubernden Abend eingerichtet. Ernst Jandls Ode „Der Raum. Szenisches Gedicht für Beleuchter und Tontechniker“ ist ein lediglich 30 Minuten dauerndes Stück ohne Worte, eine Liebeserklärung an den (menschen-)leeren Theaterraum in 51 Szenen, die bei Jandl zum Beispiel so beschrieben sind: „lichtpunkt / sehr hell sehr hell ja / hellstens / funkelnst / zu schweben scheinend / in kopfhöhe dort nicht / stehenden / zentral in / raum der bühne / bühne total dunkel (bleibt)“.

Der Theatermacher

Volkstheater, 4. Juni

Der Raum

Volkstheater, vorerst keine weiteren Termine

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau