Kusej - © Foto: Andreas Pohlmann / Burgtheater
Theater

Nachrichten aus der Welt

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Start seiner Direktion am Burgtheater zeigt Martin Kušej drei Inszenierungen. Diese lassen ahnen, wohin mit ihm die Reise geht. Es wird ernst.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Start seiner Direktion am Burgtheater zeigt Martin Kušej drei Inszenierungen. Diese lassen ahnen, wohin mit ihm die Reise geht. Es wird ernst.

Eröffnungspremieren stehen immer unter besonderer Beobachtung, vermeint man sie doch als programmatisches Statement oder als eine Art Grundsatzrede (v)erklären zu können. Das gilt im Besonderen auch dann, wenn mit einer neuen Spielzeit auch gleich eine neue Direktionszeit einhergeht. Den Auftakt zu seiner Ära überlässt der Neo-Burgtheater- Direktor Martin Kušej einem anderen. Das heißt, der Regisseur Kušej nimmt sich zunächst zurück und bringt dem Wiener Publikum, wenn man so will, stattdessen ein Geschenk mit. Der Regisseur Ulrich Rasche, in wenigen Jahren berühmt geworden durch seine formal überaus strengen, stets todernsten, monumentalen, wuchtigen und bildstarken Chorinszenierungen, ist zum ersten Mal in Wien zu sehen. Nachdem er letztes Jahr in Salzburg mit einer ebenso überwältigenden wie auch umstrittenen Inszenierung der ältesten überlieferten Tragödie – „Die Perser“ des Aischylos (473 v. Chr.) – zum ersten Mal in Österreich zu sehen war, zeigt er nun in der Hauptstadt auf der großen Bühne des Burgtheaters Euripides’ vermutlich letzte Tragödie „Die Bakchen“ aus dem Jahre 406 v. Chr.

Imposantes Maschinentheater

Wer noch keine Inszenierung von Rasche gesehen hat, den dürfte das herausfordernde, martialische und monumentale Maschinentheater überwältigt haben, wer schon die eine oder andere Arbeit kennt, den dürfte die Inszenierung zwar wenig überrascht, aber dennoch beeindruckt haben. Denn auch diesmal hat Rasche, der stets sein eigener Bühnenbildner ist, eine imposante Bühnenmaschinerie entworfen. Die besteht aus drei doppelspurigen Laufbändern, die sich hydraulisch zu Schrägen nach oben und unten kippen und gegen einander drehen lassen. Auf ihnen schreiten die Darsteller, sechs Protagonisten und ein fünfzehnköpfiger Chor, während der dreieinhalb Stunden ohne Unterlass vorwärts.

Dabei skandieren sie, untermalt vom wummernden Minimal-Sound eines Streichquintetts und rhythmisch getaktet durch beeindruckendes Schlagwerk, die Verse des Euripides, wobei jede Silbe gestreckt, gedehnt, mal gebrüllt, mal gepresst wird. Diese Wortmusik, gepaart mit einer beinahe skulpturalen energetischen Präsenz des Chors, erzeugt in ihrer Vehemenz einen Sog, dem man sich kaum zu entziehen vermag. Es ist denn auch der präsentische Reiz von Rasches forcierten, körperlich-räumlichen und akustischen Verfahren – oder anders gesagt das, was nur das Theater kann –, was diesen Abend so außergewöhnlich und für die Zuschauer zu einer körperlichen Erfahrung macht. So gesehen ist er auch eine Feier des Theaters. Aber mehr noch: Auch wenn Rasche seine „Methode“ beinahe jedem Text überstülpt, kann konstatiert werden, dass gerade für die „Bakchen“ die chorische Form durchaus tieferen Sinn macht. Die attische Tragödie erzählt nämlich die Geschichte von Dionysos, dem Sohn des Zeus, der in seine Geburtsstadt Theben zurückkehrt, um seine Anerkennung als Gott einzufordern.

Seinem Gottesanspruch stellt sich der junge, aufgeklärte König Pentheus entgegen, der dem irrationalen, orgiastischen Kult menschengemachte Gesetze und Ordnungen entgegenstellt. Unbarmherzig stiftet der Rückkehrer allerlei Unheil, manipuliert und verführt die Bewohner. Im bacchantischen Rausch wird der junge König von seiner Mutter Agaue schließlich aus Versehen getötet. Etwas verkürzt kann man sagen, es geht in dieser Tragödie um den Konflikt von Mythos und Logos, oder anders gesagt um göttliche versus menschliche Ordnung. Unschwer ist dem eine zeitgenössische politische Lesart abzugewinnen.

Eröffnungspremieren stehen immer unter besonderer Beobachtung, vermeint man sie doch als programmatisches Statement oder als eine Art Grundsatzrede (v)erklären zu können. Das gilt im Besonderen auch dann, wenn mit einer neuen Spielzeit auch gleich eine neue Direktionszeit einhergeht. Den Auftakt zu seiner Ära überlässt der Neo-Burgtheater- Direktor Martin Kušej einem anderen. Das heißt, der Regisseur Kušej nimmt sich zunächst zurück und bringt dem Wiener Publikum, wenn man so will, stattdessen ein Geschenk mit. Der Regisseur Ulrich Rasche, in wenigen Jahren berühmt geworden durch seine formal überaus strengen, stets todernsten, monumentalen, wuchtigen und bildstarken Chorinszenierungen, ist zum ersten Mal in Wien zu sehen. Nachdem er letztes Jahr in Salzburg mit einer ebenso überwältigenden wie auch umstrittenen Inszenierung der ältesten überlieferten Tragödie – „Die Perser“ des Aischylos (473 v. Chr.) – zum ersten Mal in Österreich zu sehen war, zeigt er nun in der Hauptstadt auf der großen Bühne des Burgtheaters Euripides’ vermutlich letzte Tragödie „Die Bakchen“ aus dem Jahre 406 v. Chr.

Imposantes Maschinentheater

Wer noch keine Inszenierung von Rasche gesehen hat, den dürfte das herausfordernde, martialische und monumentale Maschinentheater überwältigt haben, wer schon die eine oder andere Arbeit kennt, den dürfte die Inszenierung zwar wenig überrascht, aber dennoch beeindruckt haben. Denn auch diesmal hat Rasche, der stets sein eigener Bühnenbildner ist, eine imposante Bühnenmaschinerie entworfen. Die besteht aus drei doppelspurigen Laufbändern, die sich hydraulisch zu Schrägen nach oben und unten kippen und gegen einander drehen lassen. Auf ihnen schreiten die Darsteller, sechs Protagonisten und ein fünfzehnköpfiger Chor, während der dreieinhalb Stunden ohne Unterlass vorwärts.

Dabei skandieren sie, untermalt vom wummernden Minimal-Sound eines Streichquintetts und rhythmisch getaktet durch beeindruckendes Schlagwerk, die Verse des Euripides, wobei jede Silbe gestreckt, gedehnt, mal gebrüllt, mal gepresst wird. Diese Wortmusik, gepaart mit einer beinahe skulpturalen energetischen Präsenz des Chors, erzeugt in ihrer Vehemenz einen Sog, dem man sich kaum zu entziehen vermag. Es ist denn auch der präsentische Reiz von Rasches forcierten, körperlich-räumlichen und akustischen Verfahren – oder anders gesagt das, was nur das Theater kann –, was diesen Abend so außergewöhnlich und für die Zuschauer zu einer körperlichen Erfahrung macht. So gesehen ist er auch eine Feier des Theaters. Aber mehr noch: Auch wenn Rasche seine „Methode“ beinahe jedem Text überstülpt, kann konstatiert werden, dass gerade für die „Bakchen“ die chorische Form durchaus tieferen Sinn macht. Die attische Tragödie erzählt nämlich die Geschichte von Dionysos, dem Sohn des Zeus, der in seine Geburtsstadt Theben zurückkehrt, um seine Anerkennung als Gott einzufordern.

Seinem Gottesanspruch stellt sich der junge, aufgeklärte König Pentheus entgegen, der dem irrationalen, orgiastischen Kult menschengemachte Gesetze und Ordnungen entgegenstellt. Unbarmherzig stiftet der Rückkehrer allerlei Unheil, manipuliert und verführt die Bewohner. Im bacchantischen Rausch wird der junge König von seiner Mutter Agaue schließlich aus Versehen getötet. Etwas verkürzt kann man sagen, es geht in dieser Tragödie um den Konflikt von Mythos und Logos, oder anders gesagt um göttliche versus menschliche Ordnung. Unschwer ist dem eine zeitgenössische politische Lesart abzugewinnen.

Der Regisseur Kušej nimmt sich zunächst zurück und bringt dem Wiener Publikum stattdessen ein Geschenk mit.

Rasche lässt daran keinen Zweifel und „aktualisiert“ den Text behutsam durch Fremdtext, der seine Inszenierung als Auseinandersetzung zwischen der aufgeklärten Vernunft und der Verführung durch populistische Glaubensgrund sätze lesbar macht. Dabei kommt der chorischen Form eine besondere Bedeutung zu, denn sie ist genau besehen eine szenisch präzise Formulierung von dem, was in den „Bakchen“ verhandelt wird. Denn zum einen ist sein chorisches Theater ein Theater, das den Protagonisten zugunsten der Gemeinschaft, der Masse hinfällig macht. Obwohl sein Chor im Gleichschritt geht, sind Individuen zu erkennen, es ist im Grunde ein Kollektiv der feinen Unterschiede. Aber es geht nicht um Verkörperung von Einzelfiguren, um Identifikation oder um nachgeahmte Welten. Es gibt kaum Interaktion zwischen den Darstellern, kaum einmal Berührungen, kein Spielen, sondern das Szenische reduziert sich auf schiere Präsenz und gemeinsame Deklamation. Rasches chorisches Theater ist auf diese Weise ein Gegenentwurf zu einem in die Jahre gekommenen Protagonistentheater, dessen Gefühls- und Einfühlungsästhetik wir aus dem Fernsehen sattsam kennen.

Zum anderen – und das ist durchaus pikant – folgt sein Theater selbst keinem aufgeklärten Theaterkonzept, sondern ist in seiner Essenz selbst Überwältigungstheater. Der Zuschauer erfährt, wovon das Stück spricht. In diesem Sinne ist Rasches Theater eine Suchbewegung nach einer Wirklichkeit, die erst theatral zu begreifen, anders zu erfahren ist, indem es nicht vor allem auf Figuren und Menschendarstellung fokussiert, sondern auf Sublimeres: Bewegung, figurale Muster, rhythmisierte Klänge. Das chorische Sprechen mindert seine diskursive Verständlichkeit, ist reines energetisches, sprachliches Verlautbaren, Beschwörung der Sprechmacht eines Kollektivs. Man könnte sagen, bei dieser Arbeit an der Sprache handle es sich gewissermaßen um eine suggestive Verkürzung. Das wiederum ließe sich ohne Mühe mit den einfachen Wahrheiten populistischer Führer oder autokratisch agierender Regierungen kurzschließen: „Wir holen uns unser Land zurück.“

Teile derselben Welt

Weit weniger radikal, fast brav ging es mit dem Eröffnungsreigen weiter. Tags darauf zeigte das Akademietheater mit dem Stück „Vögel“ was Kušej meinte, als er ankündigte, aus dem „Teutschen Nationaltheater“ ein vielsprachiges, ein Internationaltheater machen zu wollen. In dem vom israelischen Schauspieler Itay Tiran etwas gar konventionell inszenierten Stück des kanadischen Schriftstellers mit libanesischen Wurzeln Wajdi Mouawad verliebt sich ein Berliner Jude in eine amerikanische Araberin, was zu allerlei familiären und persönlichen Identitäts-Krisen und Coming-outs führt.

Die Vielsprachigkeit des Stücks – Hebräisch, Arabisch, Englisch und Deutsch – ist aber auch schon das einzig Bemerkenswerte, weil vor allem Ungewohnte. Sonst lässt der mit über drei Stunden viel zu lange Abend kaum einen Konflikt aus, ist aber in seiner Über-Konstruktion letztendlich viel zu durchsichtig. Am dritten Abend dieses Eröffnungsreigens war dann Kušejs bereits 2014 in München entstandene Inszenierung von Edward Albees Ehekriegsklassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ zu sehen. Darin betrinkt sich ein Paar allabendlich, einem Ritual gleich, um so den Weltschmerz über ihre kaputtgelebte Ehe zu betäuben und sich immer hemmungsloser fertig zu machen. Auch hier ein Krieg, wenn auch ohne Tote. Alles irgendwie Teile derselben Welt.

Theater

Aktuelle Aufführungen

Die Bakchen
Burgtheater, 19., 22. Sept., 2., 5. Okt.

Vögel
Akademietheater, 20., 30. Sept.

Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Burgtheater, 20., 25. Sept., 3. Okt.