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Wiener Theater

Die neue Saison: Keine Theaterkrise, keine ästhetische Revolution.

Nach einer künstlerisch wohl temperierten Spielzeit, deren "Backstage"-Spektakel - wie etwa das Rätselraten um den künftigen Josefstadt-Direktor - für mehr Aufregung sorgten als die Ereignisse auf der Bühne, scheinen die organisatorischen Strukturen der Wiener Theaterlandschaft derzeit gefestigt. Umso mehr Interesse verdienen daher die künstlerischen Konzepte. Um es vorwegzunehmen: Ästhetische Revolutionen sind auch heuer nicht angesagt. Stattdessen setzt man an den großen Bühnen auf bewährte Qualität, prominente Namen und einige beachtenswerte, von vornherein erfolgsträchtige Uraufführungen.

"Stücke von der Antike bis zur Gegenwart, Geschichten, die wir heute für wesentlich halten und aus unserer Sicht erzählen möchten", kündigt Klaus Bachler für sein viertes Burgtheater-Direktionsjahr an. Unter den sechs Premieren findet man gleich drei große Klassiker. Klaus Maria Brandauer, in Hans Hollmanns Inszenierung (1985) über Jahre hinweg der Burgtheater-"Hamlet" schlechthin, führt seine Deutung von Shakespeares Tragödie als Regisseur weiter. Als Titelheld der für Dezember geplanten Neueinstudierung wird ihm Michael Maertens nachfolgen. Im Mai steht das selten gespielte, von Peter Handke neu übersetzte, Sophokleische Alterswerk "Ödipus auf Kolonos" in einer Inszenierung des Antike-Spezialisten Klaus Michael Grüber auf dem Programm und zum Saisonausklang gibt es mit "Don Carlos" in der Interpretation von Hausregisseurin Andrea Breth, die sich zuvor im Akademietheater an Lessings "Emilia Galotti" wagen wird, einen weiteren Beitrag zum kontinuierlich wachsenden Schiller-Repertoire.

Die Weltdramatik des 20. Jahrhunderts ist im großen Haus mit Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" in Martin KuÇsejs hochgespannte Erwartungen weckender Deutung vertreten - Premiere am 31. Oktober - , ferner mit einem Rückgriff auf John Osborns einst so erfolgreichen "Entertainer" (Regie: Karin Beier) und mit der österreichischen Erstaufführung von "Die Zeit der Plancks" des hierzulande noch kaum rezipierten katalanischen Dramatikers Sergi Belbel.

Schauplatz für gleich drei Uraufführungen ist das Akademietheater. Im Dezember gibt es ein wienerisches "Transdanubia-Dreaming" von Bernhard Studlar, im April wird in der Regie von Nicolas Stemann endlich wieder ein neuer Text von Elfriede Jelinek auf einer österreichischen Bühne zu sehen sein: "Das Werk', Teil einer Stücketrilogie, deren erster Teil In den Alpen' von dem Seilbahnunglück in Kaprun handelt". "Das Werk' erzählt von der promethischen Vermessenheit der Techniker und Ingenieure; ihnen gegenüber stehen die Arbeiter und Zwangsarbeiter, die im Werk bzw. in der Natur verschwinden, sowie die Lustigkeit einer Zivilisation, die schon lange nicht mehr weiß, auf wessen Kosten sie genießt." Und für Ende Juni ist "Untertagblues", ein Stationendrama von Peter Handke in der Inszenierung von Luc Bondy vorgesehen.

Freunde von hockarätigem Schauspielertheater werden mit Peter Zadeks Tennessee-Williams Revival "Die Nacht des Leguan", Thomas Langhoffs Zugriff auf Hofmannsthals unverwüstlichen "Unbestechlichen" und natürlich mit Neil Simons Boulevard-Dauerbrenner über die beiden alten, als Komiker-Duo brillierenden, einander spinnefeind gewordenen "Sunshine Boys" in Gestalt von Gert Voss und Ignaz Kirchner bestens bedient.

Im Volkstheater sicherte sich Langzeitdirektorin Emmy Werner, die noch bis 2005 im Amt bleiben wird, mit der Verpflichtung der nach langer Abwesenheit für die Titelrolle von Racines "Phädra" nach Wien zurückgeholten Andrea Jonasson den erwarteten Publikumserfolg, den das mutige Theater nach einigen unliebsamen Ausrutschern in der abgelaufenen Spielzeit auch dringend benötigt. Das heurige Angebot im Haupthaus bietet daher mit "Gross und Klein" von Botho Strauss - mit Volkstheater-Star Andrea Eckert als Lotte, "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch, ferner mit Ödön von Horváth, Schiller und Kleist eine bewusst publikumsfreundliche Zusammenstellung; "Steine in den Taschen" von Marie Jones kommt als österreichische, "Miss Golden Dreams" von Joan Carol Oates als deutschsprachige Erstaufführung heraus. Risikofreudiger geht es auf den Nebenschauplätzen zu, u. a. mit Uraufführungen von Kathrin Röggla und Gustav Ernst.

Mit einem künstlerischen Überraschungscoup begann Helmuth Lohners letzte Saison am Theater in der Josefstadt: der österreichischen Erstaufführung von Thomas Bernhards köstlicher Literatursatire "Über allen Gipfeln ist Ruh". Als Schauspieler wird sich Lohner in der Titelrolle der Tragikomödie "Der Menschenfeind" verabschieden, als Direktor offeriert er auch in seinem letzten Jahr eine bewährte Josefstädter Mischung, die diesmal Ibsens "Wildente", Schnitzlers Journalistenkomödie "Fink und Fliederbusch", Pinters "Hausmeister", Stoppards "Das einzig Wahre" und schließlich Molnárs "Liliom" enthält - vielleicht als wienerisches Trostpflaster für jenes Publikum, das Michael Thalheimers bei den vergangenen Wiener Festwochen gezeigte, genial verknappte, entwienerte Inszenierung nichts abgewinnen konnte ...

Auffallend ist die Tendenz der großen Bühnen, die schon halb vergessenen Erfolge der 50er und 60er Jahre von Tennessee Williams über Max Frisch und John Osborn bis zum frühen Botho Strauss auf den Prüfstand zu stellen. Ähnlich in der "Gruppe 80" wo Klaus Fischer mit "Geschlossene Gesellschaft" auf den frühen Sartre zurückgreift und sich im Februar die "Biografie" von Max Frisch vornehmen wird. Mit einem "Disco (ergo sum)" benannten "Theater/Sound/Festival" will man neues Publikum ansprechen. Die österreichische Dramatik ist mit Franz Innerhofers "Geschichte der Hanna R." vertreten.

Große Erwartungen weckt das "Theater der Jugend" unter neuer künstlerischer Leitung. In der "Off"-Szene konnte sich das Schauspielhaus unter Airan Berg und Barrie Kosky bereits im Vorjahr als multikultureller Schauplatz vielfältiger Begegnungen und Experimente positionieren. Auf zwei Projekte darf man besonders neugierig sein: Auf Koskys unkonventionelle Annäherung an Shakespeares "Macbeth" in durchwegs weiblicher Besetzung und auf die Fortsetzung der von Kosky und Susanna Goldberg gestalteten jüdischen "Showbiz"-Trilogie mit Talmud -On-Tour im Frühjahr.

Angesichts dieser Vielfalt der mehr oder minder etablierten Bühnen hat es die chronisch mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfende "freie Szene" nicht leicht, deren reichhaltiges Angebot wohl mehr Öffentlichkeit verdient, als ihm oft zuteil wird. Alles in allem: Von Theaterkrise kann in Wien derzeit keine Rede sein. Außer man redet sie herbei.

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