Digital In Arbeit

Der Reiz der Antike

Die sommerliche Hochkultur etwa der Salzburger Festspiele hat mit "Auf eigene Faust“ und "Jenseits der Grenze“ programmatische Schienen - und auch Stars für das Schauspiel. Niederösterreich zeigt an 23 Spielstätten des Theaterfestes, wie sich neue Ensembles emanzipieren, wenn sie Nachwuchs und freier Szene Chancen bieten, sowie den genius loci nutzen.

Sommertheater wird zwar in ganz Österreich gespielt, Niederösterreichs Theaterfest sticht dennoch durch seinen Facettenreichtum hervor. Unter dem neuen Obmann Werner Auer steht ein Kalender zur Verfügung, der sich als Wegweiser durch die unterschiedlichen Angebote bewährt.

Was ist neu? Kabarettist Michael Niavarani hat die Nachfolge von Felix Dvorak für die Festspiele im Stadttheater Berndorf angetreten und verspricht mit Marc Camolettis Komödie "Das perfekte Desaster Dinner“ eine schnelle Ping-Pong Inszenierung. Auch "Die Odyssee - eine Abkürzung“ von Thomas Mraz verheißt gute Unterhaltung - mit Bildungsanspruch.

Götter, heutig und bodenständig

Auch wenn man nicht direkt von einem programmatischen roten Faden sprechen kann, so ist doch die Bezugnahme auf die Antike bemerkenswert. Susanne Felicitas Wolf hat sich ebenfalls dem Homer’schen Epos dramatisch angenähert und stellt ihr Stück "Der listige Herr Odysserl“ beim Laxenburger Kultursommer vor. Die Göttinnen und Götter der griechischen Sagen- und Mythenwelt erscheinen in ihren Leidenschaften und Liebeswirrungen durchaus heutig und bodenständig, während in Aristophanes’ "Lysistrate“ die Frauen weniger auf die Unterstützung der Götter als eigene pragmatische Lösungen gegen den Krieg setzen. Auf der Burg Perchtoldsdorf startet damit das Theaterfest am 6. Juli mit einer politischen Komödie, welche die List kluger Frauen ins Zentrum rückt, die sich gegen patriarchale Machtstrukturen, Gewalt und Aggressivität wehren. Damit öffnen die Sommerspiele Perchtoldsdorf heuer zum zweiten Mal (nach zwei Jahren der Renovierung) ihre Pforten und etablieren sich als kongenialer Schauplatz für "Lysistrate“, die sich in der Burg verschanzt und zeigt, was passiert, wenn Frauen Machtspiele nicht perpetuieren.

Im niederösterreichischen Theatersommer nimmt Perchtoldsdorf damit eine besondere, führende Position ein: Hier werden Klassiker der Weltliteratur und Schauspielertheater auf hohem Niveau gezeigt. Intendantin Barbara Bissmeier betont, dass es ihr wichtig sei, dass sich die Sommerspiele Perchtoldsdorf künstlerisch mit den großen Wiener Bühnen messen können.

Aber auch die Integrierung und Nutzbarmachung des Ortes bestimmt die Linie: Der Schauplatz spielt eine bedeutende Rolle, die u. a. auf der Akropolis spielende Handlung erfährt durch die Burg eine authentische, einzigartige Kulisse. Nicht zuletzt orientiert sich der Spielplan an der Location, so Bissmeier. "Salonstücke etwa wären hier ganz das Falsche, man muss den Schauplatz sinnvoll bespielen und nutzen.“ Am Beispiel Perchtoldsdorf zeigt sich auch die Bedeutung von Theater für eine Region: "Die Marktgemeinde Perchtoldsdorf und seine Bewohner identifizieren sich stark mit ihren Burgfestspielen, die Vorstellungen sind ausverkauft, sowohl Politik als auch Kollegenschaft kommen zu den Aufführungen“, so Eva-Maria Schachenhofer, Dramaturgin in Perchtoldsdorf.

Repräsentativ (auch für andere sommerliche Theaterinszenierungen) ist das Phänomen, dass Künstler aus unterschiedlichen Bereichen in neuen, interessanten Konstellationen zu sehen sind: Kurt Schwertsik, der die Musik für "Lysistrate“ komponiert hat, tritt als Aristophanes auf, er sitzt während der Vorstellung auf der Bühne und "überwacht“ sein Stück. Regisseur Ioan C. Toma hat zusammen mit Schachenhofer die Komödie bearbeitet und Textstellen von Platons "Gastmahl“ eingebaut, in welchen die Geschichte des Kugelmenschen, der ewig suchenden, getrennten Hälften die Vorlage ergänzt. Kurz gesagt: In Perchtoldsdorf ist ästhetisch Originäres zu sehen, (auch die Kostüme werden eigens für diese Inszenierung gestaltet), ohne Stücke zu zertrümmern.

Alles Schiele in Gutenstein

Die Erschließung besonderer Orte ist Teil des niederösterreichischen Konzeptes: Helga David wird auch heuer wieder den Ballsaal des Thalhofs in Reichenau mit Stücken des Genius Loci bespielen und drei Einakter von Arthur Schnitzler unter dem Titel "Das Abschiedssouper“ inszenieren. Die Festspiele in Reichenau spielen Schnitzlers "Fräulein Else“ (s. S. 14).

Historisch und landschaftlich bedeutsame Orte werden mit großen Namen in Verbindung gebracht, so gelingt (manchmal) das Spannungsfeld zwischen Kulturvermittlung und Unterhaltung: In Gutenstein dreht sich alles um Egon Schiele, dem das Belvedere gerade die Ausstellung "Portraits und Selbstportraits“ gewidmet hat. Das Erfolgsteam rund um Gerald Gratzer, welches bereits für die Uraufführung der Musicals "Tutanchamun“ und "Gustav Klimt“ sorgte, entwickelt ein musikalisches Psychodrama, das diesen bedeutenden Künstler der österreichischen Moderne präsentiert. Inwiefern damit einer breiteren Schiele-Rezeption gedient ist, bleibt im Spannungsfeld zwischen dramatischer Entwicklung und biografischer Seriosität fragwürdig. Das gilt jedoch nicht nur für den Bereich des Unterhaltungstheaters, schließlich widmen sich auch die Salzburger Festspiele großen Persönlichkeiten der österreichischen Geschichte. Daniel Kehlmann wurde beauftragt, ein Stück über den bedeutendsten Logiker des 20. Jahrhunderts, Kurt Gödel (1906-1978), zu verfassen. In "Geister von Princeton“ nähert sich Kehlmann dieser ungewöhnlichen Person an der Schwelle zwischen Genie und Wahnsinn an. Die Interessen zwischen Hoch- und Populärkultur sind oft gar nicht so weit voneinander entfernt.

Mischung von Stars und Nachwuchskräften

Das Erfreuliche am Theaterfest Niederösterreich sind die Gleichzeitigkeit von unprätentiös und vielfältig, sowie eine Mischung aus Nachwuchsschauspielern, Darstellern aus der freien Szene und Stars in neuen Konstellationen. Beim Theatersommer Haag etwa sind der ehemalige Burgschauspieler Florentin Groll an der Seite von Nachwuchsdarstellerin Franziska Hackl und Dominic Oley in Shakespeares "Ein Sommernachtstraum“ zu sehen. Zeno Stanek hat für das Herrenseetheater Litschau die erfolgreiche Filmkomödie "Harry und Sally“ dramatisieren lassen und hofft auf ein neugieriges Publikum, das Josefstadt-Schauspielerin Silvia Meisterle und Autor-Regisseur-Darsteller Volker Schmidt bei der Klärung der Frage zusieht, ob es tatsächlich Freundschaft zwischen Frauen und Männern gibt.

Lebendiges Theater, das zwar nicht immer innovative Erscheinungsformen ausprobiert, aber spielerisch (neue) Orte erschließt, ist den Besuchern des NÖ-Theaterfestes gewiss. Hier treffen Unterhaltungskunst, Schaulust und Vergnügen mit (teilweise) bildungspolitischen Ansprüchen in ungewöhnlichen Konstellationen zusammen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau