Hörspiel-Waldbühne - © Foto: Constantin Widauer
Feuilleton

Das Abenteuer Dramatik

1945 1960 1980 2000 2020

Beim Theaterfestival „Hin & Weg“ in Litschau im Waldviertel geht es um ungewöhnliche Spielorte, persönliche Begegnungen mit den Künstlern, aber auch um ein größeres Verständnis für das Theatermachen an sich.

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Beim Theaterfestival „Hin & Weg“ in Litschau im Waldviertel geht es um ungewöhnliche Spielorte, persönliche Begegnungen mit den Künstlern, aber auch um ein größeres Verständnis für das Theatermachen an sich.

Ein Feuerwehrhaus, eine alte Strickerei­fabrik, ein Schlachthaus, ja förmlich die ganze Stadt Litschau im Waldviertel wird samt den Wiesen und Wäldern rund um den Herrensee zur Bühne. Wenn ­Zeno ­Stanek zum Festival „Hin & Weg“ lädt, wird bis hinein in die Küchen der Bewohner ­Theater gespielt. Dem Intendanten und Initiator geht es bei diesem im Vorjahr begründeten Spin-off seines „Schrammel.Klang.Festivals“ neben ungewöhnlichen Spielorten und zumeist unbekannten ­Stücken auch um ein größeres Verständnis für das ­Theatermachen an sich.

„Einerseits möchte ich zeigen, dass Theater mehr auslösen kann als seichte Belustigung“, sagt Stanek. Als Pars pro Toto mag gleich der Auftaktabend gelten, der unter anderem eine Textsammlung aus Reden europäischer Politiker der Gegenwart, die von Doron Rabinovici und Florian Klenk montiert wurden und am ­Bahnhofsgelände theatralisch umgesetzt werden, ein Stationentheater über die Vertreibung der ­Sudetendeutschen und ein Gedankenlese-Experiment bringt.

Theater als diskursiver Prozess

Gleichzeitig ist dem Intendanten aber auch ein „Schrankeneinreißen“ wichtig, ein „Brückenbauen für das Theater“. Wenn an den Wochenenden von 9. bis 11. und 16. bis 18. August mehr als 40 heimische und internationale Theaterproduktionen, 30 szenische Lesungen von zumeist noch nicht uraufgeführten Stücken, zahlreiche Autoren-Lesungen von Schriftstellern wie Julian Schutting und Franzobel, Hörspiele, von Ernst Molden kuratierte Singer-Songwriter-Konzerte und vieles mehr auf dem Programm stehen, wird es viel Möglichkeit zum Austausch zwischen Zuschauern und Künstlern geben. „Wir haben im Vorjahr gemerkt, dass die Besucher einen ganz gro­ßen Bedarf haben, über die Stücke zu reden, untereinander ebenso wie mit den Künstlern“, sagt Stanek, der nicht von ungefähr als Ziel nennt, „Hin & Weg“ als eine Mischung zwischen „Edinburgh Fringe“ und „Forum Alpbach“ zu positionieren. Diskussionen soll es nicht nur bei den eigens dafür geschaffenen Formaten – dem Feuergespräch, der Teelöffellounge oder dem Salon Colette – geben, sondern nach zahlreichen Aufführungen. „Es geht uns auch um einen hemdsärmeligen Zugang und darum, dass die Leute sich trauen, berühmte Schauspieler und Autoren einfach anzusprechen. Wir möchten zeigen, dass Theatermachen mit großer Lust und Aufregung verbunden ist.“ Wenn nach einer szenischen Lesung eines bisher nicht in der Öffentlichkeit präsentierten Stücks dann diskutiert wird, „ist das für das Publikum interessant, wirft aber möglicherweise auch für den Autor ein neues Licht auf das Stück“, so Stanek.

Theater mitten im Entstehungsprozess zu zeigen, ist ein Anliegen bei „Hin & Weg“. Während schon bisher zahlreiche Lesungen nahezu prima vista präsentiert wurden, steigert man dies heuer noch, wenn die Zuschauer eine öffentliche Probe besuchen können. „Hier stehen die Künstler erst am Beginn, man kann das Durchleben und Durchkneten von Situationen, Sprache, Biografie und den oft langwierigen Probenprozess erleben und besser verstehen.“ Bei all diesen Angeboten geht es ihm darum, den Zuschauern „das Theater an sich näher zu bringen, es zu öffnen. Ich finde es ganz wichtig, Prozesse transparenter zu machen.“ In diesem Sinne hat man außerdem neben Stipendiaten aus künstlerischen Berufen auch erstmals sechs Handwerkslehrlinge zur Mitarbeit beim Festival an Bord geholt. Junge Tischler, Maurer und Kosmetikerinnen dürfen durch ein Stipendium von Arbeiterkammer NÖ und Wirtschaftskammer NÖ Theaterluft schnuppern. „Sie können hier zwei Wochen mitarbeiten und auch unsere Workshops besuchen“, sagt Stanek. „Vielleicht merken sie, dass Theater von Menschen gemacht wird, die nicht abgehoben sind – und tragen dies auch in ihre möglicherweise nicht so theaternahen Lebens­umfelder hinaus.“