Helmut Deutsch - <strong>Helmut Deutsch</strong><br />
Der  gebürtige Wiener beim Unterricht in Liedgestaltung (Hochschule<br />
für Musik u. Darstellende Kunst, Frankfurt/Main). - © Hansjörg Rindsberg, © Helmut Deutsch
Musik

„Jetzt unkt man wieder“

1945 1960 1980 2000 2020

Helmut Deutsch blickt auf eine Karriere als weltweit gefragter Liedbegleiter zurück. Ein Gespräch über einen besonderen Beruf und die Zukunft des Liederabends in Zeiten der Eventkultur.

1945 1960 1980 2000 2020

Helmut Deutsch blickt auf eine Karriere als weltweit gefragter Liedbegleiter zurück. Ein Gespräch über einen besonderen Beruf und die Zukunft des Liederabends in Zeiten der Eventkultur.

Professor, Kammermusiker, Liedbegleiter: Im Buch „Gesang auf Händen tragen“ (Henschel, 2019) lässt Helmut Deutsch sein Leben Revue passieren – und einen Blick hinter die Kulissen seines vielfältigen Schaffens werfen. Seine Arbeit ist auf mehr als 100 Tonträgern dokumentiert.

DIE FURCHE: Wie sind Sie zur Musik gekommen, stammen Sie aus einem musikalischen Elternhaus?
Helmut Deutsch: Meine Eltern waren beide Naturwissenschaftler, sie haben sich kennengelernt auf dem Podium des Musikvereins im Singverein. Mein Vater hat in einem Streichquartett Bratsche und Klavier gespielt, meine Mutter hat gesungen. Es wurde zu Hause viel musiziert. Als ich mit vierzehn sagte, ich wollte Musiker werden, ging ihnen das aber zu weit.

DIE FURCHE: War Liedbegleiter Ihr erster Berufswunsch?
Deutsch: Daran kann ich mich nicht mehr erinnern, ich hatte aber in der Jugend auf dem Nachtkästchen Eichendorff- und Heine-Gedichte liegen und bin bei Heine in diesem Alter immer wieder auf Dinge gestoßen, die ich ebenso empfunden habe. Mich faszinierte, dass das zum Teil von den großen Komponisten vertont wurde. Die erste Platte, die ich mir gekauft habe, waren Brahms-Lieder mit Fischer-Dieskau. Ich habe dann an beiden Wiener Musikuniversitäten – damals Konservatorium und Akademie – Komposition, Instrumental- und Vokalbegleitung sowie Dirigieren studiert. Meine Lehrer waren Alfred Uhl, Franz Holetschek, vor allem Robert Schollum. Er war praktisch der Einzige, der sich mit moderner Musikwissenschaft auseinandergesetzt hat. Später kam noch Korrepetition dazu.

DIE FURCHE: Wie erfolgte der Einstieg in die Karriere?
Deutsch: Schon während des Studiums habe ich Instrumentalisten und Sänger begleitet, deren Namen ich heute gar nicht mehr weiß. Mit 22 wurde ich gefragt, ob ich mit Wolfgang Schneiderhan das Berg-Violinkonzert einstudieren wolle. Nach einigem Zögern habe ich zugesagt, dabei auch seine Gattin Irmgard Seefried kennengelernt. Sie war der erste große Name und hat mich wie einen Schüler behandelt, aber mit Liebe. Das erste Programm enthielt vier Schubert-Lieder, ich kam gut vorbereitet, aber wir haben zwei Stunden daran gearbeitet. Vor allem hat sie mir die Vorstellung gründlich ausgeräumt, dass man ein guter Begleiter ist, wenn man sich nur diskret im Hintergrund hält. Seefried musste ihre Karriere bald beenden, danach arbeitete ich unter anderem mit Rita Streich, Ileana Cotrubaş oder Thomas Moser zusammen. Weil sich die ­Karriere nicht so recht entwickelte, übernahm ich eine Professur an der Wiener Musikhochschule.

DIE FURCHE: Wie kamen Sie zu Hermann Prey?
Deutsch: Über Leonard Hokanson, mit dem ich befreundet war und der ihn dreißig Jahre begleitet hat. Aber Prey hatte die Angewohnheit, neben ihm immer auch mit einem Jüngeren aufzutreten. Wir haben zwölf Jahre miteinander musiziert, das war eine große PR, hat aber auch dazu geführt, dass manche meinten, ich würde ausschließlich mit ihm auftreten. Bei ihm habe ich unendlich viel gelernt. Er hatte zu Unrecht den Ruf, nicht intellektuell zu sein. Es waren zwölf Jahre Lektionen, dafür bin ich dankbar. Als dann erste Anfragen von anderen Baritonen kamen, war es aus – er wollte keinen Konkurrenten.

Es ist gleichermaßen ein Begleiten wie Dirigieren - aber so dirigieren, dass die Sängerin und der Sänger glauben, sie hätten es selbst gemacht.

DIE FURCHE: Was ist wichtig für einen Klavierbegleiter?
Deutsch: Das Wichtigste ist, intensiv zuzuhören, aufmerksam zu sein und dieses Wechselspiel zwischen Nachgeben und Bestimmen. Diese Balance ist eine Erfahrungssache, die kann man von einem Anfänger nicht erwarten. Es ist gleichermaßen ein Begleiten wie Dirigieren, aber so dirigieren, dass die Sängerin und der Sänger glauben, sie hätten es selbst gemacht. Es kann vorkommen, dass dies unterschiedlich gesehen wird. Ich erinnere mich an Proben zu einem „Italienischen Liederbuch“. Der Sänger war begeistert, fühlte sich wie in einer Luxuslimousine, die Sängerin hingegen wie in einem Käfig.
DIE FURCHE: Wie sprachbegabt muss man bei dieser Tätigkeit sein?
Deutsch: Das fängt schon mit der deutschen Sprache an, da gibt es auch bei deutschen Sängern manchmal Probleme. Als Begleiter muss man wissen, wie viel Zeit ein Bündel von Konsonanten braucht, damit es nicht gehetzt klingt. Man muss nicht jede Sprache im Detail kennen, wenn man begleitet. Aber es hängt auch stark vom Komponisten ab: Hugo Wolf etwa ist viel näher am Wort als Johannes Brahms.

DIE FURCHE: Wie sehen Sie die Zukunft des Liederabends? Täuscht der Eindruck, dass die heutige Eventkultur das Interesse für diese intime Form des Musizierens
zurückdrängt?

Deutsch: Es wird viel darüber geredet, ich spreche das auch mit Kollegen an. Ich glaube es nicht, aber es hat sich einiges verschoben. In jeder mittelkleinen deutschen Stadt gab es gemischte Abonnements, wo man Orchesterkonzerte, Kammermusik und Liederabende angeboten hat, diese Liederabende sind alle weg. Es gibt in großem Umfang aber viel mehr Opernhäuser, die Liederabende machen. Ich war immer ein großer Fan von Eduard Hanslick. In seinen Schriften findet sich ein Essay, der mit den Worten beginnt: „Liederabende und kein Ende.“ Er beklagt sich, dass in Wien täglich ein Liederabend stattfindet und hegt die Befürchtung, das Publikum werde das bald nicht mehr aushalten. Die erste Krise hat also schon vor 130 Jahren begonnen! Ich habe in einem Antiquariat
Kritiken über Liederabende gefunden, die Anfang der 1950er-Jahre Fischer-Dieskau in einigen deutschen Städten gesungen hat. Fast jede dieser Rezensionen beginnt mit der Frage, ob die Zeit der Liederabende vorbei sei, aber dieser Abend zeige, dass es vielleicht eine Chance gibt. Man muss sich das vorstellen, dann erst kam die Zeit einer Ludwig, Fassbaender, eines Prey oder Schreier – und jetzt unkt man wieder. Ich bin überzeugt, dass das Lied so stark ist, dass es diese Art des Musizierens immer geben wird.

Professor, Kammermusiker, Liedbegleiter: Im Buch „Gesang auf Händen tragen“ (Henschel, 2019) lässt Helmut Deutsch sein Leben Revue passieren – und einen Blick hinter die Kulissen seines vielfältigen Schaffens werfen. Seine Arbeit ist auf mehr als 100 Tonträgern dokumentiert.

DIE FURCHE: Wie sind Sie zur Musik gekommen, stammen Sie aus einem musikalischen Elternhaus?
Helmut Deutsch: Meine Eltern waren beide Naturwissenschaftler, sie haben sich kennengelernt auf dem Podium des Musikvereins im Singverein. Mein Vater hat in einem Streichquartett Bratsche und Klavier gespielt, meine Mutter hat gesungen. Es wurde zu Hause viel musiziert. Als ich mit vierzehn sagte, ich wollte Musiker werden, ging ihnen das aber zu weit.

DIE FURCHE: War Liedbegleiter Ihr erster Berufswunsch?
Deutsch: Daran kann ich mich nicht mehr erinnern, ich hatte aber in der Jugend auf dem Nachtkästchen Eichendorff- und Heine-Gedichte liegen und bin bei Heine in diesem Alter immer wieder auf Dinge gestoßen, die ich ebenso empfunden habe. Mich faszinierte, dass das zum Teil von den großen Komponisten vertont wurde. Die erste Platte, die ich mir gekauft habe, waren Brahms-Lieder mit Fischer-Dieskau. Ich habe dann an beiden Wiener Musikuniversitäten – damals Konservatorium und Akademie – Komposition, Instrumental- und Vokalbegleitung sowie Dirigieren studiert. Meine Lehrer waren Alfred Uhl, Franz Holetschek, vor allem Robert Schollum. Er war praktisch der Einzige, der sich mit moderner Musikwissenschaft auseinandergesetzt hat. Später kam noch Korrepetition dazu.

DIE FURCHE: Wie erfolgte der Einstieg in die Karriere?
Deutsch: Schon während des Studiums habe ich Instrumentalisten und Sänger begleitet, deren Namen ich heute gar nicht mehr weiß. Mit 22 wurde ich gefragt, ob ich mit Wolfgang Schneiderhan das Berg-Violinkonzert einstudieren wolle. Nach einigem Zögern habe ich zugesagt, dabei auch seine Gattin Irmgard Seefried kennengelernt. Sie war der erste große Name und hat mich wie einen Schüler behandelt, aber mit Liebe. Das erste Programm enthielt vier Schubert-Lieder, ich kam gut vorbereitet, aber wir haben zwei Stunden daran gearbeitet. Vor allem hat sie mir die Vorstellung gründlich ausgeräumt, dass man ein guter Begleiter ist, wenn man sich nur diskret im Hintergrund hält. Seefried musste ihre Karriere bald beenden, danach arbeitete ich unter anderem mit Rita Streich, Ileana Cotrubaş oder Thomas Moser zusammen. Weil sich die ­Karriere nicht so recht entwickelte, übernahm ich eine Professur an der Wiener Musikhochschule.

DIE FURCHE: Wie kamen Sie zu Hermann Prey?
Deutsch: Über Leonard Hokanson, mit dem ich befreundet war und der ihn dreißig Jahre begleitet hat. Aber Prey hatte die Angewohnheit, neben ihm immer auch mit einem Jüngeren aufzutreten. Wir haben zwölf Jahre miteinander musiziert, das war eine große PR, hat aber auch dazu geführt, dass manche meinten, ich würde ausschließlich mit ihm auftreten. Bei ihm habe ich unendlich viel gelernt. Er hatte zu Unrecht den Ruf, nicht intellektuell zu sein. Es waren zwölf Jahre Lektionen, dafür bin ich dankbar. Als dann erste Anfragen von anderen Baritonen kamen, war es aus – er wollte keinen Konkurrenten.

Es ist gleichermaßen ein Begleiten wie Dirigieren - aber so dirigieren, dass die Sängerin und der Sänger glauben, sie hätten es selbst gemacht.

DIE FURCHE: Was ist wichtig für einen Klavierbegleiter?
Deutsch: Das Wichtigste ist, intensiv zuzuhören, aufmerksam zu sein und dieses Wechselspiel zwischen Nachgeben und Bestimmen. Diese Balance ist eine Erfahrungssache, die kann man von einem Anfänger nicht erwarten. Es ist gleichermaßen ein Begleiten wie Dirigieren, aber so dirigieren, dass die Sängerin und der Sänger glauben, sie hätten es selbst gemacht. Es kann vorkommen, dass dies unterschiedlich gesehen wird. Ich erinnere mich an Proben zu einem „Italienischen Liederbuch“. Der Sänger war begeistert, fühlte sich wie in einer Luxuslimousine, die Sängerin hingegen wie in einem Käfig.
DIE FURCHE: Wie sprachbegabt muss man bei dieser Tätigkeit sein?
Deutsch: Das fängt schon mit der deutschen Sprache an, da gibt es auch bei deutschen Sängern manchmal Probleme. Als Begleiter muss man wissen, wie viel Zeit ein Bündel von Konsonanten braucht, damit es nicht gehetzt klingt. Man muss nicht jede Sprache im Detail kennen, wenn man begleitet. Aber es hängt auch stark vom Komponisten ab: Hugo Wolf etwa ist viel näher am Wort als Johannes Brahms.

DIE FURCHE: Wie sehen Sie die Zukunft des Liederabends? Täuscht der Eindruck, dass die heutige Eventkultur das Interesse für diese intime Form des Musizierens
zurückdrängt?

Deutsch: Es wird viel darüber geredet, ich spreche das auch mit Kollegen an. Ich glaube es nicht, aber es hat sich einiges verschoben. In jeder mittelkleinen deutschen Stadt gab es gemischte Abonnements, wo man Orchesterkonzerte, Kammermusik und Liederabende angeboten hat, diese Liederabende sind alle weg. Es gibt in großem Umfang aber viel mehr Opernhäuser, die Liederabende machen. Ich war immer ein großer Fan von Eduard Hanslick. In seinen Schriften findet sich ein Essay, der mit den Worten beginnt: „Liederabende und kein Ende.“ Er beklagt sich, dass in Wien täglich ein Liederabend stattfindet und hegt die Befürchtung, das Publikum werde das bald nicht mehr aushalten. Die erste Krise hat also schon vor 130 Jahren begonnen! Ich habe in einem Antiquariat
Kritiken über Liederabende gefunden, die Anfang der 1950er-Jahre Fischer-Dieskau in einigen deutschen Städten gesungen hat. Fast jede dieser Rezensionen beginnt mit der Frage, ob die Zeit der Liederabende vorbei sei, aber dieser Abend zeige, dass es vielleicht eine Chance gibt. Man muss sich das vorstellen, dann erst kam die Zeit einer Ludwig, Fassbaender, eines Prey oder Schreier – und jetzt unkt man wieder. Ich bin überzeugt, dass das Lied so stark ist, dass es diese Art des Musizierens immer geben wird.

Gesang auf Händen tragen - © Henschel Verlag
© Henschel Verlag
Buch

Gesang auf Händen tragen. Mein Leben als Liedbegleiter

Von Helmut Deutsch
Mit einem Vorwort von Alfred Brendel
Henschel Verlag 2019
224 Seiten, geb.,
€ 26,80