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Solokadenz

Tiberias, den 4. Oktober 2006 Sehr geehrter Herr Chefredakteur, staunend bestätige ich den Erhalt Ihres Schreibens vom 18. Juli dieses Jahres. Die Schuld für meine verspätete Antwort liegt nicht bei mir, sondern an den zahllosen Zensurstellen, die jedes Poststück, seit Israel von Amerikanern, Russen, Ägyptern und Palästinensern gemeinsam kontrolliert wird, zu passieren hat. So habe ich Ihren Brief erst vor drei Tagen erhalten, und die vorwurfsvollen Fragen, die Sie mir darin stellen, haben die Zensurbeamten offenbar in Verwirrung versetzt. Jedenfalls bin ich seit Eintreffen Ihres Schreibens zur verdächtigen Person geworden. Ich werde bespitzelt.

So wie Sie wollen auch die vier Aufklärung über den „ungeheuerlichen Vorfall“, wie Sie diese Begebenheit während eines Konzertes der Salzburger Festspiele bezeichnen. Früher, während meiner aktiven Zeit als Mitglied Ihrer Redaktion, da hätte ich meine Antwort auf Ihre Anfrage höchstwahrscheinlich ganz anders begonnen. Ich hätte es mir nicht verkneifen können, meiner Genugtuung darüber Ausdruck zu geben, daß sich ein Chefredakteur endlich einmal für die Weise, auf die über kulturelle Ereignisse berichtet wird, zu interessieren beginnt. Und diesen Gedanken fortführend, hätte ich weiters festgestellt, daß ich mit meiner Entscheidung, über besagten „ungeheuerlichen Vorfall“ nicht zu berichten, recht getan habe.

o war ich stehengeblieben? Verzeihen Sie, ich habe den Faden verloren. Die Wespen sind heuer so lästig. Ich muß das Fenster schließen. Man merkt, daß es Herbst wird in Tiberias. Gibt es heuer auch bei Ihnen soviel Wespen? Wenn ja, sollte man unbedingt darüber berichten. Sowas interessiert die Leser immer. Sie wollen eigentlich nur das lesen, was sie ohnedies schon wissen. Doch das wissen Sie ja alles viel besser als ich. Ich erinnere Sie nur daran.

Erstens, weil ich jetzt viel Zeit zum Nachdenken habe, zweitens, weil ich mir vorstellen kann, daß Sie nun, da unser Bundeskanzler bald seinen 95. Geburtstag begeht, alle Hände voll zu schreiben haben, und drittens, weil das, was ich eben über die Wespen gemeint habe, unmittelbar mit jenem „ungeheuerlichen Vorfall“ in Salzburg zusammenhängt, über den ich - wann war das? - vor sechsundzwanzig Jahren ganz bewußt nicht geschrieben habe.

Und um auf das erste Wort meines Briefes zurückzukommen, staunend, ja mit außerordentlicher Verblüffung nehme ich Ihren Ärger, den mein Verhalten nun über ein Vierteljahrhundert später in Ihnen weckte, zur Kenntnis. Da ich, wie Sie sich vielleicht denken können, hier in Tiberias wenig Gelegenheit habe, Ihre - meine einstige - Zeitung zu lesen, weiß ich auch nicht, was von diesem damaligen Ereignis in Salzburg überhaupt bekannt wurde. Merkwürdigerweise wurde ich gerade an diese bewußte Begebenheit erst vor wenigen Monaten erinnert. Obwohl ich üblicherweise seit meiner Pensionierung den Besuch von Konzerten tunlichst meide und dazu hier in Tiberias auch reichlich wenig Gelegenheit hätte, zog es mich heuer im Juni in das Amphitheater nach Caesarea. Warum, kann ich nicht sagen. Ich besuchte eine Probe zu Beethovens Neunter Sinfonie.

Das war ein Anblick. Schade, daß Sie keinen Berichterstatter entsandt hatten. Allen Respekt vor unseren Wiener Philharmonikern. Angesichts der großen Hitze hatten es die wackeren Herren Virtuosen durchgesetzt, daß mit einem jeden von ihnen ein Solarassistent mitreisen durfte, der ihm den Sonnenschirm zurechtrückte und ihn

mit erquickenden Getränken labte. So glich das ovale Rund des großen Freilufttheaters einer bunten Pilzkolonie, aus der, als ich vor Beginn der Probe zum Dirigentenpult hinunterging, das eingestrichene A laut vernehmlich emporschnarrte, quäkte und - dröhnte.

Auf dem behäbigen Fauteuil, das hinter dem Notentischchen stand, justierte man gerade Karl Böhm, der es sich nicht hatte nehmen lassen, alle acht Konzerte der Philharmoniker, die während dieses Festivals geplant waren, selbst zu dirigieren. Ich begrüßte ihn ehrerbietig. Ich schmeichle mir sagen zu dürfen, daß der hundertzwölfjährige Meister mich sofort erkannte und mich auf eben jenen Vorfall hin ansprach, über den Sie, sehr verehrter Herr Chefredakteur, nun von mir’ Aufklärung wünschen.

„Morgen haben wir wieder das Violinkonzert von Beethoven“, sagte Böhm zu mir, „hoffentlich passiert uns net dasselbe, wie damals in Salzburg. Wissen’S eh, Herr Doktor. Na servus, das wär’ a schöne Bescherung. Die vielen Leut’. Und a Geiger, der sich in nix auflöst.“ Böhm wollte noch weitersprechen. Doch der Orchesterinspektor drückte ihm das Dirigentenstäbchen in die Hand.

Ja, man könnte es garnicht zutreffender schildern! Ein Geiger hat sich, während er die Solokadenz im ersten Satz von Ludwig van Beethovens Violinkonzert spielte, in nichts aufgelöst. Wie hieß er nur? Wie konnte mir nur sein Name entfallen! Vielleicht Ten Steude- mann. Das könnte ich jetzt aber nicht beschwören.

Karl Böhm, damals erst 86 Jahre jung, hat dirigiert. Zuerst die „Geschöpfe des Prometheus“, danach, wie gesagt, das Violinkonzert. Wie schön, daß Sie wissen, wer Beethoven war. Mein russischer Geheimagent hielt Ludwig van Beethoven Für den Leibarzt Maria Theresias. Aber das, worauf es ankommt, daß sich ein Mensch in einer ihm wichtig scheinenden Sache selbst und natürlich auch allen übrigen abhanden kommen kann, das hat er beim sechsten Glas Schnaps begriffen.

Und Sie? Anders kann ich’s Ihnen nicht explizieren. Auf einmal, inmitten der Solokadenz, war er weg. Man hörte ihn nur spielen. Karl Böhm hätten Sie sehen sollen. Er erhob sich von seinem Sitz, schaute, mit der rechten Hand mechanisch den Takt schlagend, betroffen um sich, verließ sein Podest und machte sich zwischen den ersten Geigenpulten auf die Suche nach seinem verlorenen Solisten, dem er bedächtig einen jeden Einsatz gab und der unsichtbar, doch ganz präzise und mit hinreißendem Elan seinen Part geigte.

Im Publikum, aber auch unter den exakt vor sich hin musizierenden Wiener Philharmonikern entstand Unruhe. Nach dem Ende des ersten Satzes sprangen einige ängstliche Damen auf und wollten das Große Festspielhaus verlassen. Andere lachten. Karl Böhm rief mit näselnder Stimme: „Ja wo rs’ er denn? Sehn’S mi überhaupt? So kom- men’S doch wieder her.“ Es half nichts. Der Solist blieb auch während der beiden folgenden Sätze unsichtbar. Es gab Beifall. Es gab Entsetzensschreie. Böhm verneigte sich kurz und ließ sich dann auch nicht mehr blicken.

Nach der Pause folgte ohne Zwischenfall die „Pastorale“. Doch nach Ende des Konzerts kam aufgeregt der Pressereferent der Salzburger Festspiele zu mir und bat mich und meine Kollegen ins Pressezentrum, wo uns vor dem versammelten Direktorium der Salzburger Festspiele erklärt wurde, man habe einen neuen technischen Illusionseffekt der Großen Festspielbühne, den sich Herbert von Karajan mit seinen Ingenieuren ausgedacht hat, erproben wollen.

Was Sie, sehr verehrter Herr Chefredakteur, nun durch irgendwelche Informationen als sicher annehmen, war mir auch damals schon klar: der Mann, den man uns während dieser eilig einberufenen Pressekonferenz als den Solisten dieses Konzertes, den man angeblich nur durch irgendwelche optische Effekte vorübergehend unsichtbar gemacht hatte, vorführte, war selbstverständlich ein anderer. Ein Double, das man in aller Eile in einen Frack gezwängt hatte.

Angesichts der Unruhe, die dieser Vorfall im Publikum ausgelöst hatte, ersuchte man uns, diesen in unserer Berichterstattung unerwähnt zu lassen, zumal die musikalische Seite der Interpretation ja, wie auch die Bandaufnahme dieses Konzertes bewies, keinerlei Einbußen erfahren hatte. Jetzt frage ich Sie, lieber Ex-Chef, was hätten Sie, was hätten unsere lieben Kollegen in der Redaktion, was hätten die Leser gesagt, hätte ich als einziger Berichterstatter behauptet, während der Solokadenz im ersten Satz des Beethoven-Violinkonzerts habe sich der Solist in nichts aufgelöst, sei er eben aufgegangen in seiner Aufgabe, habe er sich in Bezirke aufgemacht, aus denen er nie mehr zurückgekehrt ist.

Eine Flut von Entgegnungen hätte mir dieser Bericht eingetragen, Briefe empörter Leser hätten wir erhalten, und ich wette, bei aller Hochschätzung und bei aller Sympathie, Sie wären unsicher geworden, hätten sich gedacht, meine Phantasie wäre mit mir davongelaufen, und hätten mit fürderhin mißtraut. So habe ich. Sie verstehen mich, über die Wespen geschrieben und habe ihnen, den Kollegen und den Lesern das Unglaubliche, das Unfaßbare erspart. Mein Beileid, mein Lieber, ich kann Ihnen nicht raten und nicht helfen. Werden Sie mit dem Unglaublichen fertig, wie Sie können.

luadislaus Boros schreibt einmal, nur in der Todesstunde sei der Mensch in der Lage, der gesamten Wahrheit seiner Existenz die Stirn zu bieten. Wahrheit aber schmiegt sich nicht in unsere Fassungskraft. Stündlich, minütlich das Unfaßbare fassend zu sterben und durch dieses gestärkt neu zu erstehen. Das wäre es. Sagen Sie es I hren Lesern. Und meinen einstigen Kollegen in der Redaktion und den vielen neuen, die ich nicht mehr kenne. Dann würde auch keiner von Euch, Ihr Lieben, die ich hiermit herzlich grüße, staunen, würde ich schreiben, ich bin eines stürmischen Abends in meinem Stammlokal am Ufer des Sees Genezareth gesessen und habe zwei Männer sicheren Schrittes über die Wellen gehen sehen.

Mein Russe hat mich begriffen. Ich hoffe auch Sie.

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