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"... immer zwischen allen Stühlen"

Friedrich Cerha, der am 17. Februar 80 Jahre alt wird, gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der Neuen Musik in Österreich nach 1950. Das Spektrum seiner Werke reicht von reinen Klangkompositionen wie dem monumentalen "Spiegel"-Zyklus bis hin zur Auseinandersetzung mit Wiener Volksmusik, z. B. in der "Keintate".

Die Furche: Herr Cerha, was hat Sie motiviert, immer wieder Neues auszuprobieren?

Friedrich Cerha: Ich war immer ein neugieriger Mensch, und ich habe stets meine Arbeit reflektiert. Wenn eine Komposition fertig war, wollte ich mir bewusst machen, was in dem Werk eigentlich vor sich gegangen ist. Das hat mich auch für neue Einflüsse offen gemacht.

Die Furche: Wo stehen Sie heute als Komponist?

Cerha: Ich habe mich vom Außenseiter, vom Avantgardisten zum Unangepassten entwickelt (lacht). Ich gehöre heute also weder zu den Traditionalisten noch zu den Avantgardisten mit ihren Tabus. Eigentlich bin ich immer schon zwischen den herrschenden Stühlen gesessen. Das ist ein Platz, an dem ich mich im Laufe der Zeit immer wohler gefühlt habe. Und das ist auch heute noch so.

Die Furche: Sie haben wertvolle Aufbauarbeit für die Neue Musik im österreichischen Konzertbetrieb der Nachkriegszeit geleistet ...

Cerha: Ich bin in der Nazi-Zeit aufgewachsen. Meine Eltern und meine Geigenlehrer waren Anti-Nazis. Ich bin also in einer Distanz zur damaligen Gesellschaft aufgewachsen. Dieser Slogan "Du bist nichts, dein Volk ist alles!", der mich infizieren sollte während meiner Hitler-Jugendzeit, hat mich zum Rebellen gemacht. Ich habe mich nicht als Mitglied der herrschenden Gesellschaft gefühlt. Und Ende der 50er Jahre war ich als musikalischer Avantgardist verschrien. Ich wurde in einigen Zeitungsnotizen als störendes oder sogar als zerstörerisches Element bezeichnet. Da fühlte ich mich erneut außerhalb der Gesellschaft.

Die Furche: Ihre Pionierarbeit in der Nachkriegszeit ist auch auf Ablehnung gestoßen. Was hat Sie denn überhaupt motiviert, sich diese Arbeit anzutun?

Cerha: Dass die Gefahr bestand - und übrigens auch heute noch besteht -, dass jeweils die Bindung der Gegenwart an die Tradition abreißt und hier eine Kluft entsteht. In dieser Hinsicht wollten wir, also vor allem Kurt Schwertsik und ich, ein Forum schaffen, wo ständig Neue Musik gespielt wird. Wir wollten die Öffentlichkeit mit dem Schaffen der Gegenwart vertraut machen. Unmittelbar nach dem Krieg, zwischen 1945 und 1950, haben die Besatzungstruppen Orchesterkonzerte veranstaltet und die lebenden Komponisten ihres Landes präsentiert, also zum Beispiel Britten, Gershwin, Milhaud, Prokofjew und auch Schostakowitsch. Auf diese Weise konnte man einen Teil des Nachholbedarfs decken. Als das aufhörte - das war ungefähr 1950 -, brach für Wien das konservativste Jahrzehnt an. Die Zweite Wiener Schule - also Schönberg, Berg, Webern - wurde kaum gespielt. Dafür gab es eine Unzahl von Aufführungen von Honegger, Strawinsky und Hindemith. So haben wir 1958 das Ensemble "die reihe" gegründet und Jahrzehnte lang die neueste Musik gespielt. Aber im Unterschied zu Ensembles in anderen Ländern haben wir auch Musik aus der Zeit um 1900 präsentiert. Wir wollten die Entwicklung zeigen, die sich von der Spätromantik bis zur damaligen Gegenwart vollzogen hat. Und das Publikum ist da eigentlich sehr gut mitgegangen. Offenbar gab es danach ein Bedürfnis.

Die Furche: Wie entsteht eine Komposition, was inspiriert Sie?

Cerha: Mich haben immer bestimmte Klangereignisse verfolgt, die mich einfach nicht losgelassen haben. Das waren zum Beispiel Klangfarben, motivische Wendungen, melodische Gebilde, rhythmische Konstellationen. Diese Klanggebilde wurden durch Gehörtes angeregt: also durch die Art, wie die Welt klingt, wie Menschen aus der Umgebung sprechen, den Tonfall ihrer Stimmen oder durch Naturlaute, Tierlaute, Wind, Meer und dergleichen. Das formt sich dann zu einem Traum von Klang. Vor allem in der Zeit am Morgen, zwischen Schlafen und Wachen, also unmittelbar vor dem bewussten Aufwachen, stellt sich mir oft plötzlich eine Klangwelt dar. Ich versuche dann, diese zu realisieren. Und oft, wenn ich an einem Tag mit einer Komposition nicht weiterkomme, ist die Lösung am nächsten Morgen plötzlich da (lacht).

Die Furche: Gibt es Stationen in Ihrem Leben, die Sie heute als richtungsweisend bezeichnen würden?

Cerha: Der wichtigste Punkt in meinem Leben war das Erlebnis des Kriegsendes. Während meiner Jugend begleitete mich ständig die Angst, in einer von den Nazis dominierten Welt leben zu müssen. Und diese Furcht hat mich bis zuletzt verfolgt, weil ja in den letzten zwei Kriegsjahren immer von den "Wunderwaffen" die Rede war, die die Nazis entwickelt hätten. Ich war dann noch an der Ost-und an der Westfront. Ich bin verwundet desertiert, mit einem Fußmarsch von Göttingen nach Tirol und einem unglaublichen inneren Aufatmen: Jetzt gehört die Welt wieder mir! Es war für mich eine Art zweiter Geburt. Da ich keine Papiere hatte, war ich gezwungen in den Bergen zu leben. Ich bewirtschaftete eine Schutzhütte und verdingte mich als Bergführer. Hier habe ich mich - nach diesen schrecklichen Eindrücken des Kriegs, wo ich als junger Mensch ganz unvorbereitet fast jeden Tag mit dem Tod konfrontiert war - selbst gefunden. Hier konnte ich auch eins werden mit der Natur. Das hat mich sehr geprägt.

Die Furche: Wie leben und arbeiten Sie heute?

Cerha: Ich bin ein Mensch mit vielen atavistischen Zügen. Ich lebe gerne ohne Zeit, ohne Uhr, ohne Termine. Was oft sehr schwierig war, weil ich ja eine Zeit lang gleichzeitig an einem Gymnasium und an der Musikuniversität unterrichtet habe, weiters dirigiert, als Geiger konzertiert und noch komponiert habe. Jetzt, in meinen späten Jahren, geht es mir diesbezüglich viel besser. Ich habe immer wieder solche Phasen der Zeitlosigkeit in meinem Haus in Maria Langegg. Leider heuer und im nächsten Jahr - wegen meines seligen oder unseligen Geburtstags - etwas weniger (lacht).

Das Gespräch führte Ursula Strubinsky.

Wach, mutig, nachdenklich

"Ich war immer ein neugieriger Mensch", so Friedrich Cerha. Und das zeigt auch sein Lebenslauf: neben seiner Ausbildung als Geiger und Komponist studierte der gebürtige Wiener Germanistik, Musikwissenschaft und Philosophie. Unzufrieden mit der Situation der zeitgenössischen Musik im Österreich der Nachkriegszeit, gründete er das Ensemble "die reihe", um Abhilfe zu schaffen. Seit den 60er Jahren ist er auch als Dirigent im In-und Ausland aktiv. Jahrzehnte lang hat er auch an der Wiener Musikuniversität unterrichtet. Friedrich Cerhas künstlerische Tätigkeit hat internationale Anerkennung gefunden. Einst als "Enfant terrible" empfunden, wird der Komponist heute als Doyen der österreichischen Gegenwartsmusik gefeiert. Friedrich Cerha ist ein historisch interessierter Mensch. Dabei befasst er sich nicht nur mit Geschichte im Allgemeinen, sondern auch mit Alter Musik. Darüber hinaus arbeitet er schon seit Jahrzehnten als bildender Künstler.

Tipps:

Am Freitag, 17. 2. wird das Geburtstagskonzert von Friedrich Cerha im Wiener Konzerthaus live im Programm Ö1 um 19.30 übertragen.

Am Sonntag, 19. 2. kann man im Rahmen von "Streifzug Kultur" die Hommage "Friedrich Cerha - So möchte ich auch fliegen können" (ein Film von Robert Neumüller) in ORF2 um 9.30 sehen.

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