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"Einmal muss der Abschied sein"

Günter Pichler, Primarius des Alban Berg Quartetts, das nach fast vier Jahrzehnten gemeinsamen Musizierens Abschied nimmt und diese Woche zwei seiner letzten Konzerte in Wien spielt, über die Genese des Ensembles, zur Frage, wieso er einen Konzermeisterposten bei den Wiener Philharmonikern aufgegeben hat - und über die Schwierigkeiten aufzuhören.

Die Furche: Herr Professor Pichler, wie kam es zur Gründung des Alban Berg Quartetts?

Günter Pichler: Nachdem ich die Wiener Philharmoniker verlassen hatte, habe ich mich aus einer Kombination von Liebe und Fähigkeiten für das Streichquartett entschieden. Schon als ich nach Wien kam, hatte ich den Zyklus mit dem Konzerthausquartett, das mich begeisterte, abonniert. Um diese Zeit hörte ich aber auch zum Beispiel das Juilliard Quartet, das Amadeus Quartett, das Quartetto Italiano, das Smetana-, das Janácek Quartett. Später merkte ich, dass man jenen Quartetten, die ausschließlich Quartett spielen, den Vorzug geben muss. Mitte der sechziger Jahre fand ich keine Partner, um selbst ein Quartett zu gründen. In den folgenden Jahren habe ich die gesamte Sonatenliteratur für Violine und Klavier erarbeitet und bin als Solist aufgetreten, aber ich wusste, das ist es nicht. Schließlich konnte ich den damaligen Konzertmeister der Wiener Symphoniker, Klaus Maetzl, überreden, dann den Bratscher Hatto Beyerle, aus Paris kam frisch vom Studium der Cellist Valentin Erben, er war auf der Suche nach einem Quartett. Ende 1969 haben wir begonnen zu spielen und gaben erste Konzerte in der Provinz. Im Frühjahr 1970 gastierte das LaSalle Quartet in Wien. Als Walter Levin, der Primarius des Lasalle Quartets, erfuhr, dass ich gerade ein Streichquartett gegründet habe, erzählte er mir von einem neuen Stipendium in Cincinnati. Wir sind dann für neun Monate hinübergegangen und haben intensiv an unserem Repertoire gearbeitet.

Die Furche: Wer waren dann ihre Brückenbauer zurück nach Wien?

Pichler: Der Dirigent Josef Krips, der mich besonders mochte, versprach, sich für mich einzusetzen. Das Musikvereinsquartett befand sich in Auflösung, aber Krips starb und konnte mir nicht mehr helfen. Ich wandte mich an den Generalsekretär der Konzerthausgesellschaft Peter Weiser. Das Weller Quartett war vom Musikverein ins Konzerthaus gewechselt, aber Weller hörte auf Geige zu spielen und begann zu dirigieren. Weiser griff zu und lud uns zu einem Zyklus im kleinen Schubertsaal ein, der hatte damals keine gute Reputation. Ich war ganz niedergeschlagen, darauf sagte Levin: "Günter, wo Sie spielen, ist ganz egal, wie Sie spielen, das ist wichtig." Weiser hat uns zu einem enormen Start verholfen, er sorgte, dass der Saal voll war und fand einen Sponsor.

Die Furche: Wie kam es zum Namen Alban Berg Quartett?

Pichler: Auf meinen Reisen erlebte ich, dass Wien als erzkonservativ abgestempelt wird. Das passte mir überhaupt nicht. Zudem war ich der Meinung, dass sich junge Künstler stark für Musik des 20. Jahrhunderts einsetzen müssen. Wir wollten zeigen, dass wir aus Wien kommen, aber nicht das herkömmliche Klischee bedienen, also nannten wir uns Schönberg Quartett, erkannten aber bald unsere große Liebe zu Alban Berg. Die Namensänderung war aber nicht so einfach, wir mussten die Berg Stiftung fragen. Dann haben wir in der Wohnung von Baron Mayr vor Helene Berg gespielt. Sie war zuerst skeptisch und dann sehr glücklich.

Die Furche: Was haben Sie der Witwe von Alban Berg vorgespielt?

Pichler: Bergs Opus 3 und Schuberts Rosamunde-Streichquartett.

Die Furche: War es aus heutiger Sicht ein großes Wagnis, sich auf den freien Markt mit einem neuen Streichquartett zu wagen?

Pichler: Ganz oben ist nie mehr als eine Handvoll, die Breite war wesentlich geringer als heute. Trotzdem hat einem jeder abgeraten Quartett zu spielen, das sei viel zu riskant, gerade in Wien.

Die Furche: Zusätzlich zu Ihrer Tätigkeit im Quartett hatten Sie aber schon eine Professur an der Wiener Musikhochschule …

Pichler: 1963, nachdem ich meine Konzertmeisterstelle bei den Philharmonikern aufgegeben hatte, gab mir der damalige Akademiepräsident Sittner einen Lehrauftrag, aus dem später eine Professur wurde. Die übrigen Quartettmitglieder konnte ich nachziehen. Das war damals alles möglich, es gab keine Kommissionen, sondern neben dem Präsidenten nur noch einen Abteilungsleiter und einen Ministerialrat im Ministerium, die man überzeugen musste.

Die Furche: Warum sind Sie vom Orchester weggegangen?

Pichler: Es waren wunderschöne Jahre, ich will sie nicht missen. Aber mit 23 Jahren habe ich plötzlich gesehen, es sind mindestens vierzig Jahre vor mir, in denen ich mich nicht verändern kann, das war für mich keine Perspektive.

Die Furche: Was ist für Sie der ideale Quartettklang?

Pichler: Sehr viele Quartette sind orchestral geschrieben oder gemeint und wurden auch für Orchester bearbeitet. Das Quartett sollte orchestral klingen, aber natürlich muss es auch ganz delikat und intim sein können. Das Schwierigste ist ein tragendes Pianissimo und einen großen Klang zu haben, daran haben wir lange gearbeitet.

Die Furche: Wie ist es zum Entschluss gekommen, jetzt aufzuhören?

Pichler: Das war eine Entscheidung unseres Cellisten, der mir anlässlich eines zufälligen Zusammentreffens in Florenz gesagt hat, er möchte jetzt aufhören. Im ersten Moment habe ich es nicht ganz ernst genommen, dann konnte ich die Idee nicht fassen. Aber einmal muss Abschied genommen werden, und warum nicht zu einer Zeit, wo man alles erreicht hat? Valentin Erben war für mich der Engel des Quartetts, ohne sein ausgleichendes Element wäre es nicht so gut gegangen, vier Kämpfer, wie ich einer bin, das geht nicht. Wenn er sagt, er will nicht weitermachen, ist es eindeutig.

Die Furche: In Wien verabschieden sie sich nicht mit einem Quartett, sondern mit zwei Quintetten - warum diese Wahl?

Pichler: Es war eine ganz eigenartige Situation der Angst, alleine Abschied zu nehmen von einem Publikum und einer Stadt, die unser Leben war, auch wenn später London, Paris, Köln, Zürich, Frankfurt und Madrid und weitere dazugekommen sind. So kam die Idee, mit Freunden den Abschied zu feiern.

Das Gespräch führte Walter Dobner.

Eine Ära geht zu Ende

Wie feiert man den Abschied nach einer weltumspannenden Karriere: in der angestammten Besetzung oder mit Freunden? Lange haben die Mitglieder des Alban Berg Quartetts nachgedacht, ehe sie darauf Antworten gefunden haben. Nun gibt es einen zweifachen Abschied in Wien: am 16. und 17. Mai mit Haydn, Beethoven und - wie könnte es anders sein - dem Opus 3 des Namensgebers Alban Berg, sowie am 20. Juni zusammen mit dem Cellisten Heinrich Schiff und der Pianistin Elisabeth Leonskaja mit dem Forellenquintett und dem C-Dur-Quintett von Schubert (alle Konzerte im Wiener Konzerthaus). Eine Ära geht damit zu Ende: Ohne das seit vier Jahrzehnten musizierende Alban Berg Quartett wäre nicht nur die heimische, sondern auch die internationale Quartettszene ärmer, hätte man auf viele Sternstunden verzichten müssen. Noch können sich Musikfreunde gar nicht mit der Idee anfreunden, diese Formation, die im Laufe der Jahre nur dreimal wechselte - Gerhard Schulz folgte Klaus Maetzl an der 2. Violine, die Bratscherstelle hatte zuerst Hatto Beyerle inne, dann Thomas Kakuska, nach seinem Tod übernahm sie Isabel Charius -, nicht mehr zu hören. Aber einmal, befanden die Quartettmitglieder, muss Schluss sein, noch dazu, wenn es die Möglichkeit gibt, am Höhepunkt aufzuhören und Einspielungen das längst Legende gewordene Quartett weiterleben lassen, wie etwa die beiden (bei EMI) zum Abschied erschienenen Boxen: ABQ Alban Berg Quartett Hommage (5 CD mit Ausnahmeinterpretationen von Wiener Klassik bis zu Berg, Strawinsky, Rihm, Strauss und Lanner) und ABQ Alban Berg 20th Century Masterpieces (eine 3 CD-Auswahl mit Werken der 2. Wiener Schule bis Einem, Lutosawski, Berio und Piazzolla-Tangos). dob

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