6990292-1986_42_23.jpg
Digital In Arbeit

Die Klage des Lehrers H.

Der Lehrer H. ist, sagt Rosa, an einem Sonntagvormittag zu mir gekommen, um mir ein Buch zurückzubringen, hat dann aber begonnen, mir von seiner Klasse zu erzählen.

Während meiner ganzen Tätigkeit als Lehrer, hat er gesagt, habe ich nie eine so furchtbare Klasse gehabt. Jeder von den Schülern ist auf eine ganz besondere Weise unangenehm. Wenn man in dieser Klasse steht, wird man das Gefühl nicht los, daß jeden Augenblick etwas passieren kann, was man nicht voraussehen konnte. Man lebt in einer dauernden Spannung, man muß seine Augen ständig überall haben, man darf kei nen von den Schülern aus den Augen lassen, weil man nicht weiß, was ihm in der nächsten Sekunde einfällt. Man kommt sich vor wie ein Dompteur, man wagt nicht, sich umzudrehen, die Schüler auch nur für ein paar Augenblicke allein zu lassen, weil man nicht sicher ist, ob nicht in der nächsten Minute einer von ihnen aufsteht, über einen anderen herfällt, ihn verprügelt, ihm etwas an den Kopf wirft, ihm ein Buch oder ein Heft wegnimmt und zerreißt und so fort. Wenn man die Schüler dieser Klasse einmal für längere Zeit sich selbst überlassen würde mit ihren aufgestauten Aggressionen, würden sie sich gegenseitig umbringen, krankenhausreif schlagen, ausrotten. Der Stärkste von ihnen würde dann vielleicht übrigbleiben.

Wie erwähnt, ist mir Leopold H. bis dahin immer sympathisch gewesen, das aber, was er mir an jenem Vormittag erzählt hat, und vor allem, wie er es erzählt hat, hat mir nicht gefallen. Ich habe das Gefühl gehabt, daß er dabei stark übertreibt. Übertreibungen aber habe ich immer gehaßt. Ich habe ihn aber zuerst einmal weiterreden lassen, ohne ihn zu unterbrechen.

Der Verdacht, daß er dummen Streichen seiner Schüler zu große Bedeutung beimißt, schien mir bestätigt, als er mir von einem Konzertbesuch erzählte, den er einmal mit seiner Klasse unternommen hat.

Ich bin also mit dieser Klasse in ein Konzert gegangen, hat Leopold H. gesagt, ich wollte den Kindern zwei Stunden ihrer freien Zeit angenehm gestalten, ich wollte ihnen zeigen, daß es das gibt, die meisten von ihnen sind noch nie in einem Konzert gewesen. Dank habe ich mir keinen erwartet, aber auch nicht das, was eingetreten ist.

Wir sitzen also im Saal, die Musiker haben schon ihre Plätze eingenommen, da greift sich der erste Geiger plötzlich ans Knie, schaut ins Publikum und schüttelt den Kopf. Gleich darauf gibt es mitten in die Stille hinein einen kleinen, scharfen Knall, kurz darauf einen zweiten. Der Cellist schaut an seinem Instrument hinunter, blickt zu Boden, hebt etwas auf, zeigt es unter den Musikern herum, steht auf, sagt, unter diesen Umständen will er nicht spielen. Die anderen Musiker stehen auch auf, räumen die Noten weg, packen ihre Instrumente zusammen. Was der Cellist aufgehoben hat, wollen Sie wissen? Ein U-Hakerl hat er aufgehoben. Und noch andere U-Ha-kerln sind herumgelegen. Und dreimal dürfen Sie raten, woher die U-Hakerln gekommen sind.

Sie müssen sich das vorstellen, hat Leopold H. gesagt, ein Saal voller Leute, eintausendachthundert sollen es gewesen sein. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis die eintausendachthundert Leute begriffen haben, was eigentlich los ist. Daß gar nichts mehr los ist. Daß das Konzert zu Ende ist, ehe es angefangen hat. Daß sie nach Hause gehen müssen. Das, hat der Lehrer gesagt, ist diese Klasse imstande gewesen, das hat sie zuwege gebracht.

Ich habe mir nicht helfen können, sagt Rosa, ich habe gelacht. Ich habe mir die Gesichter der Leute im Saal vorgestellt und die Gesichter der Lehrer, das ganze Theater, das da stattgefunden hat, ich habe mich einer gewissen Sympathie für den U-Hakerl-Schießer nicht erwehren können. Ich habe in dieser Minute einfach nicht daran gedacht, daß es ja nicht irgendwelche Instrumente sind, die von den Musikern großer Orchester gespielt werden, daß es sich in vielen Fällen um sehr teure, ja kostbare Instrumente handelt, daß der Cellist sein Instrument natürlich nicht von einem vierzehnjährigen U-Hakerl-Schießer ruinieren lassen wird und daß keiner der Musiker sich der Gefahr aussetzen wird, sich von einem Vierzehnjährigen ein Auge ausschießen zu lassen.

Ich habe mich in den U-Hakerl-S.chießer hineinversetzt, der natürlich überhaupt nicht darüber nachgedacht hat, was er anrichten kann, der nichts anderes im Sinn gehabt hat als einen großen Spaß und dem dieser Spaß auch gelungen ist. Ich habe mich mit dem U-Hakerl-Schießer identifiziert, und weil ich mich mit ihm identifiziert habe, habe ich mich auch mit ihm gefreut, sein gelungener Spaß war auch mein gelungener Spaß, der Unterschied zwischen uns hat nur darin bestanden, daß ich meine Freude ungetrübt genossen habe, während die Freude des U-Hakerl-Schießers wahrscheinlich, sogar sicher, durch die Angst vor Entdeckung getrübt worden ist.

Leopold H. ist dagesessen und hat mich angeschaut, eine Art Lächeln im Gesicht, das jedoch kein echtes Lächeln gewesen ist, eher eines aus Höflichkeit. Sie lachen, hat er gesagt, Sie können leicht lachen, Sie waren ja nicht dabei, Sie haben den Ärger und den Zorn der Leute im Saal nicht miterlebt. Jetzt werde ich Ihnen erzählen, worüber Sie nicht lachen werden, worüber es Ihnen unmöglich sein wird, zu lachen.

Sie haben, wie ich Ihnen die Brutalität und den Sadismus der Schüler dieser Klasse geschildert habe, anscheinend nicht genau hingehört. Sie haben das, was ich Ihnen darüber berichtet habe, nicht genügend ernst genommen. Vielleicht haben Sie geglaubt.daß ich übertreibe, daß es in Wirklichkeit nicht so arg, nicht so furchtbar ist. Sie haben sich gleich von vornherein ganz auf die Seite der Schüler gestellt, ich sehe Ihnen an, daß Sie überhaupt nichts über Schüler und Lehrer wissen. Weil ich Ihnen gesagt habe, daß ich mit diesen entsetzlichen Schülern f er-tigzuwerden habe, haben Sie gleich von Fertigmachen gesprochen. Ich werde Ihnen erzählen, wie in dieser Klasse, die leider meine Klasse ist, ein Schüler von seinen Altersgenossen auf die grausamste, gemeinste Weise und mit voller Absicht fertiggemacht worden ist. Wenn ich Ihnen diese Geschichte erzählt haben werde, dann werden Sie vielleicht damit aufhören, hier in Ihrem Zimmer Geschichten zu erfinden, dann werden Sie damit anfangen zu erzählen, was wirklich geschieht.

Aus der längeren Erzählung „Gespräch mit dem Lehrer Leopold H.“.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau