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"Jedes Mal ein Wagnis“

Franz Welser-Möst über seine erste Saison an der Wiener Staatsoper, Vergleiche mit Zürich, Risiken, neue Dirigenten, Salzburger Pläne und philharmonische Harmonie.

Am 25. und 27. August steht Franz Welser-Möst mit einem Schubert- und Zemlinksky-Programm bei den Salzburger Festspielen am Pult der Wiener Philharmoniker, eine Woche später startet er in seine zweite Spielzeit im Haus am Ring.

DIE FURCHE: Herr Welser-Möst, Ihre erste Saison als Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper ist vorbei, welches Resümee ziehen Sie?

Franz Welser-Möst: Wenn man sich die Geschichte des Hauses ansieht, gab es bei keiner Direktion eine erste Saison, in der alles klaglos gelaufen ist. Das gilt auch für uns, andrerseits haben wir eine sehr hohe Auslastung, und es gab viele unglaublich schöne Dinge: Wir haben einen tollen Start hingelegt, dann hat es etwas geholpert, und jetzt ein tolles Finale. Ich erinnere mich mit großer Freude an Repertoirevorstellungen - wie zu Saisonbeginn "La Bohème“ und jetzt an die beiden letzten "Walküren“ ohne Orchesterprobe. Das ist die Stärke eines solchen Hauses, dass man mit einem großen Ausmaß an Spontaneität und Improvisation packende Vorstellungen hinbekommt.

DIE FURCHE: Nicht geklappt hat der Mozart-Block, hier gab es wohl Differenzen zwischen Ihnen und Direktor Dominique Meyer - oder kann man dies nicht so sagen?

Welser-Möst: Es gab Meinungsverschiedenheiten. Diese sind jedoch noch lange keine Krise. Im Februar habe ich gesagt, die Beziehung zwischen Dominique Meyer und mir ist ein Sich-Finden, das im Werden begriffen ist. Am Ende der Saison würde ich sagen, wir haben sehr große Fortschritte gemacht.

DIE FURCHE: Ein früherer Wiener Operndirektor, Claus Helmut Drese, hat seine Erinnerungen betitelt mit "Im Palast der Gefühle“. Wenn Sie Ihre erste Wiener Saison mit Ihren langjährigen Erfahrungen als GMD an der Zürcher Oper vergleichen, wo lagen die Unterschiede?

Welser-Möst: Zürich ist mehrheitlich ein Stagionebetrieb mit einem unglaublichen Output - mit 16 Premieren, zahlreichen Wiederaufnahmen, die großteils in gleicher Besetzung gespielt, gesungen und dirigiert werden. Das lässt sich mit Wien schwer vergleichen. Seit Lorin Maazel gibt es an der Staatsoper zwar so etwas wie ein Blocksystem, wir versuchen aber, zu variieren und etwa die Werke nicht immer in der selben Besetzung auszuführen. Das beste Beispiel war die letzte "Walküre“, wo der weltbeste Alberich, Tomasz Konieczny, bei uns den Wotan gesungen hat - und das sehr erfolgreich. In einem Repertoirehaus hat man die Chance, Sängerentwicklungen vorwärts zu treiben, darin sehe ich auch wesentlich meine Aufgabe als Generalmusikdirektor. Zürich ist auch anders hinsichtlich der Kollektivverträge und durch die sehr dominante Persönlichkeit von Alexander Pereira, der das Haus seit fast 20 Jahren führt.

DIE FURCHE: Ihre letzte Premiere war "Kátja Kabanová“, nächste Saison setzen sie diesen Janáˇcek-Zyklus fort mit "Aus einem Totenhaus“. Das ist eine Koproduktion mit Zürich, die dort bereits Premiere hatte und szenisch sehr kritisch aufgenommen wurde. Wie geht man mit solchen Urteilen um, wenn man eine Produktion "nachdirigiert“?

Welser-Möst: Jede neue Produktion ist ein Risiko, eine Koproduktion ebenso. Ich war der Überzeugung, dass Peter Konwitschny der richtige Regisseur gerade für so ein Stück ist. Ich kenne ihn noch nicht persönlich, werde ihn treffen, und es wird interessant sein, zu sehen, ob er gewisse Änderungen aus dieser Erfahrung heraus vorhat, ob er dialogbereit ist. Ich sage immer, Oper ist die schönste Kunstform, wenn alles funktioniert, und sie ist die grässlichste, wenn es daneben geht. Eigentlich ist es ein Wunder, wenn alle Zahnräder ineinander greifen. Es ist jedes Mal ein Wagnis, auch mit Dirigenten. Aber es macht keinen Unterschied, ob man eine neue Produktion einstudiert oder eine Koproduktion übernimmt.

DIE FURCHE: Musikdirektor eines Opernhauses zu sein, erschöpft sich nicht im Dirigieren von Premieren. Wie viele Abende müssen Sie jedenfalls in der Oper dirigieren?

Welser-Möst: Ausnahmsweise habe ich in dieser ersten Saison vier Premieren dirigiert - das ist sehr viel und wird nicht mehr vorkommen. Ich bin vertraglich verpflichtet, 35 Abende am Haus zu dirigieren, dieses Pensum erfülle ich auch.

DIE FURCHE: Sie bringen auch neue Dirigenten, auch das ist eine Aufgabe eines Musikdirektors - oder des Direktors? Wie ist das geregelt?

Welser-Möst: Wenn man alles festlegen wollte, wie es die Amerikaner machen, wäre mein Vertrag wahrscheinlich 500 Seiten, jetzt ist er, glaube ich, fünf, sechs Seiten. Gewisse Dinge müssen sich einspielen. Dominique Meyer hat Ideen, ich habe Ideen, es gibt eine Letztinstanz, das ist er. Für die Vorstellungen, die ich dirigiere, habe ich das Sagen. Auch in Zürich war ich der Überzeugung, es braucht einen Kopf, damit habe ich überhaupt kein Problem. Um Namen von zwei sehr erfolgreichen Dirigenten der jüngeren Generation zu nennen: Patrick Lange habe ich vorgeschlagen, Alain Altinoglu hat Dominique Meyer mitgebracht - so soll es auch funktionieren. Ich nenne bewusst diese beiden: Altinoglu dirigiert mit einem Können und einer Passion Repertoirevorstellungen - "Faust“ und "Romeo“ -, denen sich viele Kollegen entziehen, weil sie sagen, das ist mir nicht gut genug. Es scheint uns zu gelingen, eine neue Generation an Dirigenten heranzuziehen, die auch sehr gute Repertoiredirigenten sind.

DIE FURCHE: Nächsten Sommer wird Alexander Pereira Intendant der Salzburger Festspiele. Ihre in Zürich begonnene Zusammenarbeit wird wohl auch an der Salzach fortgesetzt werden …

Welser-Möst: Pereira hat mir vieles angeboten, aber auch mein Jahr ist limitiert, und ich bin nicht jemand, der 52 Wochen im Jahr arbeiten will - das würde ich physisch auch nicht schaffen. 2012 werde ich mit dem Cleveland Orchestra am Schluss seiner ersten Salzburger Saison kommen. Es gibt auch Gespräche über Opern, zum Beispiel über eine "Così“, und dass wir einen Kompositionsauftrag an Jörg Widmann vergeben - hier ist an eine Koproduktion mit der Wiener Staatsoper gedacht. Widmann ist für mich ein unglaubliches Talent. Vor wenigen Wochen habe ich ein Flötenkonzert von ihm uraufgeführt und zum ersten Mal bei einer Uraufführung Standing Ovations erlebt.

DIE FURCHE: In Salzburg sind Sie schon diesen Sommer zu Gast, mit einem Konzert der Wiener Philharmoniker (25./27. 8.; Anm.). Dafür haben Sie ein Programm ausgesucht, wie es österreichischer kaum sein könnte - Schuberts "Der Tod und das Mädchen“ in der Orchestrierung von Mahler und die "Lyrische Symphonie“ von Zemlinsky.

Welser-Möst: Dieses Programm ist aus einem Gespräch mit Markus Hinterhäuser entstanden. Schubert ist eine "schwache Stelle“ bei mir, Hinterhäuser wünschte sich den Zemlinsky und irgendeine Verbindung zu Mahler, da fiel mir plötzlich dieser Schubert ein. Mit diesem Orchester diese Werke zu spielen, ist schon etwas Besonderes. Ich vermute, dass das eine ähnliche Erfahrung wie beim Neujahrskonzert wird, wo man vor Musikern steht, die diese Sprache mit einer Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit ohnegleichen sprechen.

* Das Gespräch führte Walter Dobner • Foto: Mirjam Reither |

Wien, Cleveland, wenige Gastspiele

"Da gehen sich schöne Ferien aus“, kommentiert Franz Welser-Möst launig, dass er fixe Verpflichtungen für 38 Wochen - 22 als Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper, 16 als Musikdirektor des Cleveland Orchestra - hat. Die übrigen Wochen aber dienen keinesfalls nur der Erholung, sondern der Vorbereitung seiner Opern- und Konzertauftritte, der Durchsicht und der Erarbeitung neuer Werke. Und, selbstverständlich, einigen wenigen Auftritten an der Spitze der Wiener Philharmoniker und seiner Langzeitliebe, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, zu dessen ständigen Gästen Wiens GMD seit 1989 zählt. Neben Janácˇeks "Aus einem Totenhaus“ wird er kommende Saison als zweite Premiere die vieraktige Fassung von Verdis "Don Carlo“ dirigieren. Ende Oktober, Anfang November wird er mit seinem Cleveland Orchestra drei Konzerte mit einem von Mozart bis John Adams reichenden Programm bestreiten, im Dezember ein "Philharmonisches“ mit Werken von Brahms und Dvorˇák. (dob)

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