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Großes Sängertheater in der Blackbox

Einen schließlich packenden Abend bescherte der von Franz Welser-Möst dirigierte und prominent besetzte neue "Don Carlo“ im Haus am Ring.

Dreiundzwanzig Jahre liegt die letzte "Don Carlo“-Neuinszenierung an der Wiener Staatsoper zurück. Damals dirigierte Claudio Abbado in Bühnenbildern von Pier Luigi Pizzi, der auch für Regie und Kostüme verantwortlich zeichnete. Klingend die Namen der damaligen Premiere: Ruggero Raimondi als König Philipp, Luis Lima in der Titelpartie, Renato Bruson als Posa, Anatolij Kotscherga als Großinquisitor, die Freni als Elisabeth, die Baltsa als Eboli. Große Vergangenheit!

Durchaus möglich, dass man dies auch einmal von der jüngsten "Don Carlo“-Neuproduktion sagen wird, die pointiert die Brücke zur damaligen schlug. Denn Regie führte Abbados Sohn Daniele, der damit im Haus am Ring debütierte. Er ließ sich von Angelo Linzalata eine das dunkle Ambiente des Stücks betonende Blackbox entwerfen, mit der sich die unterschiedlichen Handlungsorte durch entsprechende Verschiebung der einzelnen Wände gut suggerieren lassen.

Musik schlägt Szene

Sie gibt den konventionell gekleideten Protagonisten (Kostüme: Carla Teti) genügend Raum, sich selbst darzustellen. Die Ambition, ihnen seine Sicht dieser Verdi-Oper aufzuoktroyieren, verspürte der sonst an italienischen Häusern arbeitende Regisseur nicht. Vor- und Nachteile einer solchen Inszenierung liegen auf der Hand: Die individuelle Persönlichkeit der Singschauspieler kann sich stärker entfalten, die Interaktion, die oft erst die Handlung weiterführt, bleibt meist auf der Strecke. Das Ergebnis war dementsprechend: In sich geschlossene, stimmige Bilder, die man sich auch für andere Sujets vorstellen könnte. Mehr als konventionelles Rampentheater ist Abbado auch für die Führung der Chöre nicht eingefallen.

Der Fokus des Abends war ohnedies auf die Musik gerichtet. Neben Mozarts "Così fan tutte“ und Wagners "Parsifal“ sei dieser Verdi seine Lieblingsoper, ließ GMD Franz Welser-Möst im Vorfeld der Premiere wissen. Die Spannung heizte ein solches Bekenntnis noch an, und nach der Pause entfachte Welser-Möst mit seinen Sängern auch großes Musiktheater und holte aus ihnen, dem bestens disponierten Staatsopernorchester und den von Thomas Lang einstudierten Choristen die mannigfachen Farben dieser Partitur - gespielt wird unter den insgesamt sieben möglichen "Don Carlo“-Versionen die vieraktige - überzeugend heraus. Wobei er bei aller Dramatik ebenso besonderen Wert auf die intimen, poetischen Momente dieser Musik legte. Nicht zuletzt betont eine solche Sicht die Hoffnungsschimmer des Finales.

Eben darauf hatte Welser-Möst seine Dramaturgie aufgebaut. Das erklärte auch die geradezu monumentale Wucht, die er von seinen Musikern in den beiden ersten Akten forderte. Die Sänger trugen dieses durch viel Liebe zum sorgfältig modellierten Detail begleitete Konzept überzeugend mit - wenn auch mit qualitativen Unterschieden. Vor allem Ramón Vargas als Carlos benötigte einige Zeit, um sich entsprechend frei zu singen und beinahe an seine früheren Glanzzeiten, vor allem was unangestrengte Höhen anlangt, anzuschließen. Untadelig, wenn auch mit etwas gestalterischem Understatement, Simon Keenlyside als Posa. Gerade ihn hätte die Regie stärker zeichnen müssen.

Prachtvolle Bässe

Ein Kabinettstück für sich René Pape als mächtig auftretender wie von höchster Verzweiflung erfüllter, durch stimmliche Markanz und exemplarische Wortdeutlichkeit charakterisierter König Philipp. Ihn wünschte man sich viel öfter in Wien. Eric Halfvarson, von seinem tiefgründigen Claggart in der Staatsopernmodellproduktion von Brittens "Billy Budd“ in bester Erinnerung, prunkte ebenso als Großinquisitor. Konturenscharf Dan Paul Dumitrescu in der Doppelrolle Mönch/Karl V. Glockenhell und artikulationsklar sang die junge Valentina Nafornita die Stimme vom Himmel. Eine Entdeckung!

Luciana D’Intino gab eine mächtig orgelnde, selbstbewusst die Intrige schürende Eboli, die auch gewaltig aufbrausenden Orchesterwogen Paroli bot. Untadelig Ileana Tonca als Tebaldo. Die vokale Krone an diesem Premierenabend gebührte Krassimira Stoyanova, die sich erstmals in der Rolle der Elisabeth vorstellte. Sie gestaltete die Figur mit einer hinreißenden Emphase, vokal auf höchstem Niveau und lebte den seelischen Zwiespalt, in den sie durch das Schicksal ihres Lebens geführt wird, unmittelbar und packend vor.

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22., 26., 29. Juni

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