Camilla Nylund - Auf dem Weg zum Mensch-Sein: ­Camilla ­Nylund in der Rolle der ­Kaiserin. - © Foto: Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn
Musik

Musikalische Sternstunde

1945 1960 1980 2000 2020

Mit einer glänzend besetzten „Frau ohne Schatten“ feierte das Haus am Ring sein 150-jähriges Bestehen.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit einer glänzend besetzten „Frau ohne Schatten“ feierte das Haus am Ring sein 150-jähriges Bestehen.

„Es gibt in dieser Oper so viele Fenster, durch die man blicken kann und die jeweils etwas Neues entdecken lassen“, nennt der an der Staatsoper debütierende, einstige Assis­tent von Patrice Chéreau, Vincent Huguet, einen wesentlichen Aspekt seiner Inszenierung. Der gelernte Kunsthistoriker will damit nicht belehren, und schon gar nicht das Märchenhafte durch eine plakative Schilderung der Handlung in den Hintergrund drängen. Deshalb nimmt sich selbst der Weltuntergang am Ende des zweiten Aufzugs geradezu zahm aus.
Umso mehr arbeitet Huguet mit Metaphern, die er Hofmannsthal entlehnt. Am deutlichsten wird dies durch die das Bühnenbild (Aurélie Maestre) bald beherrschenden, in die Höhe ragenden Steinfelsen, die in einem doppelten Sinn zu verstehen sind: als Kulisse, hinter der sich der die ganze Oper unsichtbar bleibende Vater der Kaiserin, der Geisterkönig Keikobad, verbirgt, und als Symbol der Versteinerung, die dem Kaiser droht, falls die Kaiserin keinen Schatten wirft. Bilder, die sich in ihrer Tiefenschärfe nicht im ersten Moment entschlüsseln. Sie verweisen aber auf das in vielem geheimnisvoll Bleibende dieses vielschichtig erdachten, in kunstvolle Prosa übersetzten Sujets, dessen spezifische Botschaft sich mit gelebter Humanität und Verständnis für ein respektvolles Miteinander zusammenfassen lässt. Anliegen, deren Bedeutung sich nicht zuletzt in Zeiten politischer Wirren als besonders wichtig und dringlich erweisen.

Fulminante Inszenierung

Auch unter diesem Aspekt eine glänzende Wahl, nicht mit der seinerzeitigen Eröffnungsproduktion, Mozarts „Don Gio­vanni“, den hundertsten Geburtstag des Hauses am Ring zu feiern, sondern mit jener Oper von Richard Strauss, die hier ihre Uraufführung erlebte. Übrigens nicht unter der Leitung des Komponisten, sondern unter Franz Schalk, dessen Partitur auch der Dirigent dieser Neuproduktion, ­Christian Thielemann, verwendet. Ein kostbarer Schatz, denn darin finden sich Eintragungen späterer prominenter Dirigenten dieser bedeutendsten Oper aus der gemeinsamen Werkstatt von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Darunter des vom Komponisten besonders geschätzten Karl Böhm, der wesentlich zur internationalen Durchsetzung dieser Oper in drei Aufzügen beitrug. Wie auch von Herbert von Karajan. Er meinte, aus Gründen der Logik, einige szenische Umstellungen vornehmen zu müssen, wie man in einem Live-Mitschnitt nachhören kann.
Nichts davon in dieser neuen „Frau ohne Schatten“: Erstmals erklang diese Oper an der Wiener Staatsoper in ihrer vollen Länge, auch die von Strauss autorisierten Striche wurden aufgemacht. Allein deswegen wäre es – abseits aller sonstigen an diesem Premierenabend begangenen Jubiläen – ein besonderer Abend gewesen. Aber nicht nur das bestimmte diese Gala-Premiere. Vor allem war es die dafür aufgebotene Besetzung, die selbst gegen längst legendäre Vorgänger souverän bestehen kann. Nina Stemmes hochdramatische Färberin lässt sich durchaus in einem Atemzug mit Birgit Nilsson nennen, der ebenso fulminant seine Aufgabe lösende Wolfgang Koch als Färber darf sich auf eine Stufe mit einem Walter Berry stellen. Auch die kräfteraubende, immer wieder Höhenglanz verlangende Partie der Kaiserin kann man heutzutage nicht besser besetzen als mit der für ihre intensive Interpretation gleichfalls zu Recht umjubelte Camilla Nylund.
Auf hohem Niveau Stephen Goulds wenngleich schon etwas in die Jahre gekommener Kaiser und Evelyn Herlitzius in der anspruchsvollen Rolle der in dieser Inszenierung nicht nur als böse, sondern von Beginn weg betont ambivalent gezeichneten Amme. Wie überhaupt Vincent Huguet in seiner Personenzeichnung jede Einseitigkeit meidet. Anstelle dessen richtet er den Blick auf das durch die jeweilige Situation hervorgerufene Handeln der einzelnen Personen. Damit schält er einen wesentlichen Aspekt dieses Werks heraus, den man aus dem Blickwinkel seiner Entstehungszeit als revolutionär ansehen kann: die Dominanz der Frauen gegenüber den in dieser Szenerie wenn schon nicht als schwächlich, so in vielem als unentschlossen dargestellten Männern.
Schade, dass die Regie die Choristen nur zum Teil in das Bühnengeschehen einbindet, womit der Fokus besonders eindringlich auf die beiden dominierenden Paare, Kaiser und Kaiserin und Barak und die Färberin, sowie die Amme gelegt wird, ohne damit die übrigen Protagonisten zu vernachlässigen. Auch diese waren bes­tens besetzt, kamen ideal zur Geltung, stets souverän assistiert vom Staatsopernorchester, das sich an diesem Abend von seiner allerbesten Seite zeigte. Wann war es zuletzt der Fall, dass das Orchester so verschwenderisch mit seiner Kompetenz prunkte, so selbstverständlich die Sänger trug, bei den Zwischenspielen vorzeigte, dass kein Opernorchester auf der Welt es ihm hier gleichtun kann? Ermöglicht wurde diese musikalische Sternstunde durch Christian Thielemann: differenzierter im Detail, spannungsvoller in den großen Bögen, ­packender im Ausdruck, subtiler in den Stimmungen lässt sich diese Partitur nicht darstellen. Fulminant.
„Es gibt in dieser Oper so viele Fenster, durch die man blicken kann und die jeweils etwas Neues entdecken lassen“, nennt der an der Staatsoper debütierende, einstige Assis­tent von Patrice Chéreau, Vincent Huguet, einen wesentlichen Aspekt seiner Inszenierung. Der gelernte Kunsthistoriker will damit nicht belehren, und schon gar nicht das Märchenhafte durch eine plakative Schilderung der Handlung in den Hintergrund drängen. Deshalb nimmt sich selbst der Weltuntergang am Ende des zweiten Aufzugs geradezu zahm aus.
Umso mehr arbeitet Huguet mit Metaphern, die er Hofmannsthal entlehnt. Am deutlichsten wird dies durch die das Bühnenbild (Aurélie Maestre) bald beherrschenden, in die Höhe ragenden Steinfelsen, die in einem doppelten Sinn zu verstehen sind: als Kulisse, hinter der sich der die ganze Oper unsichtbar bleibende Vater der Kaiserin, der Geisterkönig Keikobad, verbirgt, und als Symbol der Versteinerung, die dem Kaiser droht, falls die Kaiserin keinen Schatten wirft. Bilder, die sich in ihrer Tiefenschärfe nicht im ersten Moment entschlüsseln. Sie verweisen aber auf das in vielem geheimnisvoll Bleibende dieses vielschichtig erdachten, in kunstvolle Prosa übersetzten Sujets, dessen spezifische Botschaft sich mit gelebter Humanität und Verständnis für ein respektvolles Miteinander zusammenfassen lässt. Anliegen, deren Bedeutung sich nicht zuletzt in Zeiten politischer Wirren als besonders wichtig und dringlich erweisen.

Fulminante Inszenierung

Auch unter diesem Aspekt eine glänzende Wahl, nicht mit der seinerzeitigen Eröffnungsproduktion, Mozarts „Don Gio­vanni“, den hundertsten Geburtstag des Hauses am Ring zu feiern, sondern mit jener Oper von Richard Strauss, die hier ihre Uraufführung erlebte. Übrigens nicht unter der Leitung des Komponisten, sondern unter Franz Schalk, dessen Partitur auch der Dirigent dieser Neuproduktion, ­Christian Thielemann, verwendet. Ein kostbarer Schatz, denn darin finden sich Eintragungen späterer prominenter Dirigenten dieser bedeutendsten Oper aus der gemeinsamen Werkstatt von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Darunter des vom Komponisten besonders geschätzten Karl Böhm, der wesentlich zur internationalen Durchsetzung dieser Oper in drei Aufzügen beitrug. Wie auch von Herbert von Karajan. Er meinte, aus Gründen der Logik, einige szenische Umstellungen vornehmen zu müssen, wie man in einem Live-Mitschnitt nachhören kann.
Nichts davon in dieser neuen „Frau ohne Schatten“: Erstmals erklang diese Oper an der Wiener Staatsoper in ihrer vollen Länge, auch die von Strauss autorisierten Striche wurden aufgemacht. Allein deswegen wäre es – abseits aller sonstigen an diesem Premierenabend begangenen Jubiläen – ein besonderer Abend gewesen. Aber nicht nur das bestimmte diese Gala-Premiere. Vor allem war es die dafür aufgebotene Besetzung, die selbst gegen längst legendäre Vorgänger souverän bestehen kann. Nina Stemmes hochdramatische Färberin lässt sich durchaus in einem Atemzug mit Birgit Nilsson nennen, der ebenso fulminant seine Aufgabe lösende Wolfgang Koch als Färber darf sich auf eine Stufe mit einem Walter Berry stellen. Auch die kräfteraubende, immer wieder Höhenglanz verlangende Partie der Kaiserin kann man heutzutage nicht besser besetzen als mit der für ihre intensive Interpretation gleichfalls zu Recht umjubelte Camilla Nylund.
Auf hohem Niveau Stephen Goulds wenngleich schon etwas in die Jahre gekommener Kaiser und Evelyn Herlitzius in der anspruchsvollen Rolle der in dieser Inszenierung nicht nur als böse, sondern von Beginn weg betont ambivalent gezeichneten Amme. Wie überhaupt Vincent Huguet in seiner Personenzeichnung jede Einseitigkeit meidet. Anstelle dessen richtet er den Blick auf das durch die jeweilige Situation hervorgerufene Handeln der einzelnen Personen. Damit schält er einen wesentlichen Aspekt dieses Werks heraus, den man aus dem Blickwinkel seiner Entstehungszeit als revolutionär ansehen kann: die Dominanz der Frauen gegenüber den in dieser Szenerie wenn schon nicht als schwächlich, so in vielem als unentschlossen dargestellten Männern.
Schade, dass die Regie die Choristen nur zum Teil in das Bühnengeschehen einbindet, womit der Fokus besonders eindringlich auf die beiden dominierenden Paare, Kaiser und Kaiserin und Barak und die Färberin, sowie die Amme gelegt wird, ohne damit die übrigen Protagonisten zu vernachlässigen. Auch diese waren bes­tens besetzt, kamen ideal zur Geltung, stets souverän assistiert vom Staatsopernorchester, das sich an diesem Abend von seiner allerbesten Seite zeigte. Wann war es zuletzt der Fall, dass das Orchester so verschwenderisch mit seiner Kompetenz prunkte, so selbstverständlich die Sänger trug, bei den Zwischenspielen vorzeigte, dass kein Opernorchester auf der Welt es ihm hier gleichtun kann? Ermöglicht wurde diese musikalische Sternstunde durch Christian Thielemann: differenzierter im Detail, spannungsvoller in den großen Bögen, ­packender im Ausdruck, subtiler in den Stimmungen lässt sich diese Partitur nicht darstellen. Fulminant.

Erstmals erklang diese Oper an der Wiener Staatsoper in ­ihrer vollen Länge, auch die von Strauss autorisierten Striche ­wurden aufgemacht.