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Intrigen, Feldherren und hohe und niedere Töne

1945 1960 1980 2000 2020

Vorösterliche Vielfalt: Händels "Agrippina" am Theater an der Wien, Verdis "Otello" bei den Salzburger Osterfestspielen und Borodins "Fürst Igor" an der Volksoper.

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Vorösterliche Vielfalt: Händels "Agrippina" am Theater an der Wien, Verdis "Otello" bei den Salzburger Osterfestspielen und Borodins "Fürst Igor" an der Volksoper.

Lügen, Intrigen und Sex bilden allemal ein ideales Gerüst für einen spannenden Opernoder Theaterabend. Das wusste schon der 22-jährige Georg Friedrich Händel. Um diese Themen dreht sich sein von den Ereignissen am Hof des römischen Kaisers Claudius inspirierter Dreiakter "Agrippina", der nun am Theater an der Wien zu sehen ist. Regisseur Robert Carsen lässt die Oper in Rom spielen, versetzt sie aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert aber in die jüngere Vergangenheit.

Auch in einem solchen Umfeld macht diese Geschichte der Kaiserin Agrippina Sinn. Agrippina setzt nach dem vermeintlichen Unfalltod ihres Gatten Claudio alles daran, um Nerone, ihren Sohn aus einer früheren Ehe, auf den scheinbar verwaisten Kaiserthron zu hieven, um im Hintergrund das eigentliche Sagen zu haben. Der nur gerüchteweise ertrunkene, erfolgreiche Feldherr Claudio weist die Züge Mussolinis oder Berlusconis auf. Er aalt sich, stets umgeben von hübschen Mädchen, am Pool oder tritt markant in fantasievoller Dikatorenuniform auf. In entsprechender Umgebung, denn gespielt wird in der Szenerie des Gebäudes des italienischen Faschismus: dem protzigen, unvollendet gebliebenen Palazzo della civiltà italiana. Dessen markante Architektur bildet auch den Hintergrund des von Carsen weitergedachten Stückfinales. Während im Original Claudio Nerone auf den Thron hilft und Poppea mit Ottone vermählt und es damit zu einem Happy End kommt, lässt Carsen Nerone, kaum zum Kaiser gekürt, Agrippina und Poppea töten.

Unverkrampft aktualisiert

Die Meriten dieser Produktion liegen neben der unverkrampft aktualisierten Handlung - womit wieder einmal bewiesen wird, dass sich Geschichte stets wiederholt - in der ebenso lebendigen musikalischen Realisierung durch das vital aufspielende Balthasar Neumann Ensemble und seinem am Theater an der Wien damit erfolgreich debütierenden Gründer und Leiter, Thomas Hengelbrock, sowie einem homogenen Solistenensemble - angeführt von Patricia Bardons kraftvoller Agrippina, dem als Neurotiker gezeichneten Nerone von Jake Arditti, dem profunden Claudio von Mika Kares und der emphatischen Danielle de Niese als Poppea.

Dass es mitunter einfacher sein kann, eine Schlacht zu gewinnen, als sich gegen die Intrigen in den Niederungen des Alltags erfolgreich zu wehren, zeigt auch Verdis "Otello", mit dem die 49. Salzburger Osterfestspiele eröffnet wurden. Auch die Programme der diesjährigen Konzerte kreisen um durch Shakespeare angeregte Themen. Zudem hat sich der künstlerische Leiter, Christian Thielemann, wiederum am Pult seiner diesmal nicht so brillant und präzise klingenden Sächsischen Staatskapelle Dresden, ausdrücklich diesen Verdi als heurige Festspieloper gewünscht.

Dass er dazu eine besondere Affinität hätte, vermochte er mit seinem Dirigat nicht deutlich zu machen. Da fehlte es nicht nur an wirklich aufwühlender Dramatik, auch gefiel er sich sehr im Zelebrieren so mancher lyrischer Passagen und machte es den Sängern nicht immer leicht, sich im ohnedies schwierigen akustischen Ambiente des Großen Festspielhauses gegen die Orchesterklänge durchzusetzen.

Von den Protagonisten verlangt Regisseur Vincent Boussard, der das Geschehen in einem von Vincent Lemaire nicht näher definierten, meist in dunkles Licht gehüllten Einheitsbühnenraum ablaufen lässt und dabei die Handlung nur andeutungsweise skizziert, kaum mehr als enttäuschendes, längst überholt geglaubtes Rampentheater. Daran kann auch die Einführung eines Totenengels, den Otello vor seinem Selbstmord erschießt, nicht hinwegtäuschen. Eine unnötige Pointe.

Anstelle dessen hätte man sich eine rollendeckendere Besetzung gewünscht als den vor allem durch Routine überzeugenden, in die Jahre gekommenen José Cura als Otello, die gegen Höhenprobleme ankämpfende und um klare Diktion bemühte Dorothea Röschmann als - schließlich mit innigen Tönen aufwartende - Desdemona oder den mit seiner eleganten Rückhaltung geradezu sympathisch erscheinenden Jago von Carlos Álvarez. Entsprechend lau reagierte das Publikum.

Sonnenblumen und Spiegelwand

Ein Feldheer steht auch im Mittelpunkt von Alexander Borodins einziger, von Nikolai Rimskij-Korsakow vollendeter Oper, Fürst Igor, der diesem Vierakter auch den Namen gegeben hat. Sie steht erstmals in der Wiener Volksoper auf dem Spielplan. In einer vom Chefdramaturgen des Hauses, Christoph Wagner-Trenkwitz, gestrafften Version, was Längen nach der Pause nicht ganz ausschließt.

Thomas Schulte-Michels erzählt diese Parabel in seiner zwischen überdimensionalen Sonnenblumen und Spiegelwänden changierenden, den Kitsch bewusst streifenden Ausstattung in den dazu passenden Kostümen von Renate Schmitzer mit viel Schwung und ironischem Witz, bei der die Zeichnung der einzelnen Charaktere nicht zu kurz kommt und für die man auch die entsprechenden Sänger parat hat. Voran Sebastian Holecek als persönlichkeitsstarken, artikulationsklaren Igor, Melba Ramos als seine emphatische Gattin, Martin Winkler als hinterlistig-brutalen Fürsten Galitzky, Sorin Coliban als profunden Kontschak und Annely Peebo als dessen liebreizende Tochter Kotschakowna, denen Alfred Eschwé am Pult engagiert musizierenden Volksopernorchester einen idealen Teppich legt.

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