Solide Sandmännchen-Auftritte

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht perfekt, aber sehenswert sind die aktuellen Musiktheater-Produktionen in Wien: Achim Freyers "Don Giovanni" an der Volksoper und Adrian Nobles "Hänsel und Gretel" an der Staatsoper.

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht perfekt, aber sehenswert sind die aktuellen Musiktheater-Produktionen in Wien: Achim Freyers "Don Giovanni" an der Volksoper und Adrian Nobles "Hänsel und Gretel" an der Staatsoper.

Um Erlösung durch Liebe geht es in Richard Wagners "Der Fliegende Holländer". Diesmal war die Oper im Theater an der Wien in der Urfassung zu sehen, in einer Produktion, die konzertant bereits im Wiener Konzerthaus zu hören war. Nun ließ Marc Minkowski die Musiker seines Ensembles "Les Musiciens du Louvre" zur Inszenierung von Olivier Py vor allem lautstark aufspielen. Er hat sich von Pierre-André Weitz einen auf die Möglichkeiten der Drehbühne des Theaters exakt angepassten Bretterverschlag bauen lassen, der sich zuweilen mit einer schiefen Ebene verbindet und effektvoll nach hinten verjüngt. Eine tolle Spielfläche, auf der man die Choristen (exzellent der Arnold Schoenberg Chor) auch als Emigranten zeigen kann.

Ungebrochene Originalität

Zwischen Erlösung und Erwartung verortet Py diesen Wagner, dessen Titelpart Samuel Youn ziemlich ungeschlacht sang und in Ingela Brimberg als emphatische Senta und Lars Woldt als konturierter Donald die übrigen Protagonisten dominierten. Von Sex und Crime bestimmte Obsessionen führten zur Finallösung, Liebe hat keinen Platz. Ein Satan als zusätzlich (und unnötig) eingefügte Begleitfigur (Pavel Strasil) soll diese düstere Lesart verdeutlichen. Wagners Libretto könne man nicht ernst nehmen, gehe es doch in diesem "Fliegenden Holländer" um Kunst und ihre Rätsel, ließ der Regisseur vorab in Interviews ausrichten. Warum demonstriert er dies nicht an einem Werk, das dies wirklich zum Thema hat? Um zu provozieren, sich interessant zu machen?

Da ist es allemal sinnvoller, sich einem Stück zu widmen, an dessen Botschaft man grundsätzlich glaubt. Dann öffnet es sich selbst einer unkonventionell-überbordenden Fantasie, wie sie Altmeister (und hier ist das Wort bewusst gewählt) Achim Freyer für seinen neuen "Don Giovanni" an der Volksoper faszinierend einbringt. Natürlich wieder mit den für ihn typischen, die Grenze zwischen Realität und Komik verwischenden Figuren.

Spielerisch und hintergründig erzählt er die Geschichte. Etwa, wenn er drei Fischer einen Fisch fangen lässt, der dem schon durch seine Persönlichkeit anziehend wirkenden Don Giovanni (souverän Josef Wagner) zum letzten Mahl vorgesetzt wird, ehe er selbst unvermutet verspeist wird. Immer wieder durchqueren Symbole des Todes die als eine Art Pawlatsche gestaltete, sparsam möblierte zauberhafte Bühne, in der, zu Ende des ersten Aktes, Don Giovanni gerade noch einen rettenden Anker erreicht. Er wird in dieser Inszene auch nicht als bewusster Mörder gezeichnet. Ihm scheint der Tod des gewohnt als Monument auf Bühne gestellten Komtur (Andreas Mitschke) während der Konfrontation eher passiert.

Auch die anderen Figuren bekommen ihr klares Profil, wie die als übersteigert-hysterisch agierende Donna Elvira (Esther Lee) oder die sich trotz aller Enttäuschung in ihr Schicksal fügende Donna Anna (Kristiane Kaiser). Da nimmt man in Kauf, dass Dirigent Jac van Steen die penibel studierten Ensembles des Hauses und die insgesamt homogenen Solisten, darunter Jörg Schneider als nobel phrasierenden Don Ottavio und Anita Götz als bagschierliche Zerlina, mehr behutsam als mit dramatischer Verve durch die Partitur führte.

Eine englische Familie am Weihnachtsabend, die ihren Kindern eine Laterna magica schenkt, mit deren Projektionen sie sich in ein Märchenland träumen: Mit dieser Rahmenhandlung beginnt an der Staatsoper Regisseur Adrian Noble seine mit üblichen Märschen-Klischees bestickte, mehr englische Garten-als deutsche Waldlandschaft suggerierende, von Luftballonen begleitete Inszenierung von Humperdincks "Hänsel und Gretel", was ihm bei der Premiere einige, wenn auch verhaltende Buh-Rufe bescherte.

Thielemann als Ereignis

In der betulichen Szenerie (Ausstattung: Anthony Ward) vermisst man eine entsprechende Führung der Protagonisten. Das würde man in dieser auf harmlose Noblesse zielenden Arbeit mehr goutieren, wäre sie für ein erstes Haus rollendeckend besetzt. Das lässt sich weder von Daniela Sindrams steifem Hänsel noch Ileana Toncas kleinstimmiger Gretel, der zuweilen tremolierenden Hexe Michaela Schusters, schon gar nicht vom -in letzter Minute für Adrian Eröd eingesprungenen -Clemens Unterreiner als auch textschwachen Peter sagen.

Janina Baechles behäbige Gertrud und Annika Gerhards solide Sandmännchen und Taumännchen-Auftritte fügen sich in dieses Bild. Dabei legte ihnen Christian Thielemann mit dem meisterlich aufspielenden Orchester einen Klangteppich wie er funkelnder, brillanter, differenzierter nicht sein könnte. Somit demonstrierte er, welch ein Meisterwerk dieser Humperdinck ist.

Don Giovanni Volksoper 27. Nov., 1. Dez.

Hänsel und Gretel Staatsoper 29. Nov., 1., 4. Dez.

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