Alcina - <strong>Barocke Rarität</strong><br />
­„Polifemo“ von ­Nicola Porpora, ­einem der schillerndsten Vertreter des musikalischen Barock, ist heute kaum noch bekannt. - © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli
Musik

Bewegende Momente ersterbenden Zaubers

1945 1960 1980 2000 2020

Wie erwartet brillierte Cecilia Bartoli bei den Salzburger Pfingstfestspielen in Händels „Alcina“. Ein Rück- und Ausblick.

1945 1960 1980 2000 2020

Wie erwartet brillierte Cecilia Bartoli bei den Salzburger Pfingstfestspielen in Händels „Alcina“. Ein Rück- und Ausblick.

Für dieses Pfingstfestival hatte sich die Bartoli – ihr Intendantenvertrag wurde gerade bis 2026 verlängert – den Schwerpunkt Kastraten vorgenommen. Wie leicht hätte sie es sich machen können, einige Countertenöre für große Auftritte einzuladen. Schon das hätte Zugkraft gehabt, ein Fest der Stimmen garantiert. Sie wollte, wie stets, mehr: spezifischen thematischen Bezügen nachspüren, Vergessenes wieder an die Oberfläche bringen. Wie die dreiaktige Oper „Polifemo“ des heute nur mehr einem kleineren Kreis bekannten Nicola Porpora, einem der Lehrer Joseph Haydns. Oder die in der Wiener Hofkapelle uraufgeführte zweiaktige Azione sacra „La morte d’Abel“ des Wiener Vizehofkapellmeisters Antonio Caldara. Beides Werke maßgeschneidert für den – wie wir heute sagen würden – Superstar unter den Kastraten, Farinelli, mit bürgerlichem Namen Carlo Broschi. An ihn erinnerte man bei diesem begeistert aufgenommenen Festival auch mit einem Film sowie in einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde.

Zu den bedeutenden Kastraten seiner Zeit zählte auch Giovanni Carestini. Für ihn hat Georg Friedrich Händel eine seiner heute erfolgreichsten Opern komponiert, „Alcina“. Sie war in jüngerer Vergangenheit auch in Wien, sowohl an der Staatsoper als auch am Theater an der Wien, auf dem Programm. Die Geschichte einer mit Zauberkräften ausgestatteten Frau, die Menschen auf ihre Insel lockt, sie nach eigenem Gutdünken in Tiere, Steine oder Pflanzen verwandelt. Am Ende gelingt es, ihre Zaubermacht zu brechen. Die Menschen erhalten ihre ursprüngliche Gestalt zurück. Alcina verliert alles: Macht, ihren Liebhaber, muss schließlich ihr Leben lassen. Sie stürzt von Selbstsicherheit in tiefe Verzweiflung. Eine Parabel über das Verlassen der Kräfte, aber auch alles Vergängliche.

Hätten nicht eine kahle Bühne und einige gezielte Lichteffekte genügt, um die einzelnen Stränge dieser auch um die Heimholung eines Geliebten kreisende Handlung plausibel darzustellen? Für die Bartoli gewiss. Suggestiv schilderte sie das Schicksal der Alcina in ihren sechs großen Arien, bestach durch glasklare Artikulation wie eloquente Phrasierung, unterstützte die Musik mit wenigen, dafür umso aussagekräftigeren Gesten. Regisseur Damiano Michieletto sah das Sujet besser in einem Hotel voller Illusionen aufgehoben. Einem Ort, an dem sich die Protagonisten oft wie zwischen zwei Stühlen vorkommen, wie das Bühnenbild (Bühne: Paolo Fantin) gleich zu Beginn demonstriert. Bald lässt der Regisseur ein weiteres, sich nicht immer genau erschließendes Geschehen hinter einer sich drehenden Glaswand ablaufen. Warum, bleibt offen. Denn diese Idee trägt weder etwas zur Klarstellung der Handlung bei, noch lässt sie die teilweise läppisch zum Hotelpersonal umgedeuteten Protagonisten in einem deutlicheren Licht erscheinen.

Für dieses Pfingstfestival hatte sich die Bartoli – ihr Intendantenvertrag wurde gerade bis 2026 verlängert – den Schwerpunkt Kastraten vorgenommen. Wie leicht hätte sie es sich machen können, einige Countertenöre für große Auftritte einzuladen. Schon das hätte Zugkraft gehabt, ein Fest der Stimmen garantiert. Sie wollte, wie stets, mehr: spezifischen thematischen Bezügen nachspüren, Vergessenes wieder an die Oberfläche bringen. Wie die dreiaktige Oper „Polifemo“ des heute nur mehr einem kleineren Kreis bekannten Nicola Porpora, einem der Lehrer Joseph Haydns. Oder die in der Wiener Hofkapelle uraufgeführte zweiaktige Azione sacra „La morte d’Abel“ des Wiener Vizehofkapellmeisters Antonio Caldara. Beides Werke maßgeschneidert für den – wie wir heute sagen würden – Superstar unter den Kastraten, Farinelli, mit bürgerlichem Namen Carlo Broschi. An ihn erinnerte man bei diesem begeistert aufgenommenen Festival auch mit einem Film sowie in einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde.

Zu den bedeutenden Kastraten seiner Zeit zählte auch Giovanni Carestini. Für ihn hat Georg Friedrich Händel eine seiner heute erfolgreichsten Opern komponiert, „Alcina“. Sie war in jüngerer Vergangenheit auch in Wien, sowohl an der Staatsoper als auch am Theater an der Wien, auf dem Programm. Die Geschichte einer mit Zauberkräften ausgestatteten Frau, die Menschen auf ihre Insel lockt, sie nach eigenem Gutdünken in Tiere, Steine oder Pflanzen verwandelt. Am Ende gelingt es, ihre Zaubermacht zu brechen. Die Menschen erhalten ihre ursprüngliche Gestalt zurück. Alcina verliert alles: Macht, ihren Liebhaber, muss schließlich ihr Leben lassen. Sie stürzt von Selbstsicherheit in tiefe Verzweiflung. Eine Parabel über das Verlassen der Kräfte, aber auch alles Vergängliche.

Hätten nicht eine kahle Bühne und einige gezielte Lichteffekte genügt, um die einzelnen Stränge dieser auch um die Heimholung eines Geliebten kreisende Handlung plausibel darzustellen? Für die Bartoli gewiss. Suggestiv schilderte sie das Schicksal der Alcina in ihren sechs großen Arien, bestach durch glasklare Artikulation wie eloquente Phrasierung, unterstützte die Musik mit wenigen, dafür umso aussagekräftigeren Gesten. Regisseur Damiano Michieletto sah das Sujet besser in einem Hotel voller Illusionen aufgehoben. Einem Ort, an dem sich die Protagonisten oft wie zwischen zwei Stühlen vorkommen, wie das Bühnenbild (Bühne: Paolo Fantin) gleich zu Beginn demonstriert. Bald lässt der Regisseur ein weiteres, sich nicht immer genau erschließendes Geschehen hinter einer sich drehenden Glaswand ablaufen. Warum, bleibt offen. Denn diese Idee trägt weder etwas zur Klarstellung der Handlung bei, noch lässt sie die teilweise läppisch zum Hotelpersonal umgedeuteten Protagonisten in einem deutlicheren Licht erscheinen.

Zu den bedeutenden Kastraten seiner Zeit zählte Giovanni Carestini. Für ihn hat Georg Friedrich Händel eine seiner heute erfolgreichsten Opern komponiert, ,Alcina‘.

Die hatten es neben der alle Register ihrer Bühnenpräsenz ziehenden Bartoli ohnedies schwer. Am meisten überzeugte in dieser skurrilen Hotel-Szenerie, die bald allen zum Albtraum wird, die mit erotischen Reizen nicht geizende Sandrine Piau in der Rolle von Alcinas Schwester Morgana. Bis an die Grenzen ihrer vokalen Möglichkeiten gefordert, gestisch steif agierte die dieser Aufgabe mittlerweile entwachsene Kristina Hammarström als Ruggieros Braut Bradamante. Philippe Jarousskys noch so um Intensität bemühte Darstellung des Ruggiero konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er seinen Zenit bereits überschritten hat. Durchschnittlich die übrige Solistenbesetzung.

Gut studiert präsentierte sich der Bachchor Salzburg. Enttäuschend hingegen die Musiker von Les Musiciens du Prince-­Monaco. Ihnen vermochte ­Gianluca ­Capuano, seit Februar ihr Chefdirigent, nur einen Bruchteil jener Farbenvielfalt und Spannung zu entlocken, die in Händels Partitur steckt, was den über vier Stunden langen Abend nicht spannender machte.

Ob es klug ist, diese mehr ambitioniert als klanglich differenziert musizierende monegassische Formation mit ihrem diesmal wenig einfallsreich gestaltenden Musikdirektor für die Eröffnungspremiere der kommenden Pfingstfestspiele in das Haus für Mozart einzuladen? Dafür hat Cecilia Bartoli Donizettis „Don Pasquale“ ausgewählt. Damit avisiert sie ein Rollendebüt, denn für die Norina stand sie noch nie auf der Bühne. Anlass für diese Programmwahl ist das nächstjährige Motto: „Die Farbe der Zeit“. Dieses rückt die zahlreiche Komponisten inspirierende Primadonna Pauline Viardot-Garcia, zu deren Glanzpartien die Norina zählte, ins Zentrum des Festivals. Zu den weiteren Programmpunkten zählen die Alt-Rhapsodie von Brahms und das Requiem von Fauré unter Gardiner sowie Glucks „Orphée“ in der Bearbeitung von Berlioz in der Regie von John Neumeier.

Dass zum Festivalfinale Maxim Vengerov Mendelssohns Violinkonzert aufführen wird, soll in Erinnerung rufen, dass der Schwager der Viardot-Garcia einer der großen Violinvirtuosen seiner Zeit war: Charles-Auguste de Bériot, zahlreichen Geigenschülern durch seine Violinschule ein Begriff, erst recht den Virtuosen durch seine Violinkonzerte.