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Packend erzählt, nobel illustriert

In der Regie Guths entuppt sich 'Saul' als Psychothriller in Form einer Familienaufstellung, die nicht nur Sauls schwindende Macht im Staat, sondern auch gegenüber seiner Familie aufdeckt.

Barockoper in Wien? Das war vor einem Dezennium in Wien noch die Ausnahme. Dass sich das Bild mittlerweile gewandelt hat, ist dem Theater an der Wien zu danken. Als sich die Verantwortlichen der Stadt Wien entschlossen, das lange Jahre als Musicalbühne genutzte Haus wieder seiner ursprünglichen und -wie sich zeigte - besseren Bestimmung als Opernhaus zuzuführen, schlug auch die Stunde für regelmäßige Aufführungen von Barockwerken. Das war von Beginn seiner Intendanz eine der wichtigen Programmsäulen von Roland Geyer.

Blickt man zurück, waren es immer wieder Barockopern, die, szenisch wie musikalisch, besondere Furore machten, wie zuletzt Händels "Saul", im Original ein Oratorium. Dessen Inhalt lässt sich gleichwohl gut auf die Bühne bringen, packend und ganz ohne irgendwelche modische, gar von weit hergeholte Zutaten, wie die Inszenierung von Claus Guth bewies. Er hatte schon vor Jahren in diesem Ambiente einem Händel-Oratorium ein mustergültiges szenisches Kleid verpasst: dem "Messiah". Mit dem Unterschied, dass er dafür eine Geschichte erfand, während er bei "Saul" nahe an der Erzählung blieb.

Erfolgreiches Debüt

Den Kern arbeitete Guth entsprechend heraus: das Eindringen des als Feldherr erfolgreichen David in die Familie des längst seinen Glanz verloren habenden Herrschers Saul. Er scheut nicht davor zurück, David mit einer seiner Töchter verheiraten zu wollen, um seine Macht erhalten zu können. In der Regie Guths ein Psychothriller in Form einer Familienaufstellung, die nicht nur Sauls schwindende Macht im Staat, sondern auch gegenüber seiner Familie schmerzlich aufdeckt. Das Konzept wird durch das meist in Schwarz gehaltene Bühnenbild von Christian Schmidt auch bildlich ideal umgesetzt: Schmucklose Wände führen in die Höhe und suggerieren die Orte der Handlung unmissverständlich.

Mit Florian Boesch (Saul), Jake Arditti (David), Anna Prohaska und Giulia Semenzato als Sauls Töchter Merab und Michal, Andrew Staples (Jonathan) sowie dem -wie stets bei Guth -ideal ins Geschehen eingebundenen, herausragenden Arnold Schoenberg Chor (Einstudierung: Erwin Ortner) gibt es Protagonisten, wie man sie kaum besser hätte finden können. Makellos auch das mit eloquenter Feingliedrigkeit aufwartende Freiburger Barockorchester mit Laurence Cummings am Pult. Cummings, künstlerischer Leiter der Göttinger Händel-Festspiele und Musikdirektor des Londoner Händel Festivals, feierte damit sein erfolgreiches Theateran-der-Wien-Debüt.

Das führt gleich weiter ins Haus am Ring: Cummings war lange Jahre Assistent von William Christie, der seinerseits mit "Ariodante" erstmals an der Wiener Staatsoper auftrat und seinen exquisiten Klangkörper, "Les Arts Florissants", zu einem ebenso flexiblen Artikulieren und beredten Phrasieren animierte, wie es am Theater an der Wien zu hören war. Zuweilen raschere Tempi hätten sich mit der Eleganz und Noblesse seiner Interpretation durchaus vertragen.

Unterschiedlich zeigt sich die Besetzung mit den rollendeckenden, wenn auch zuweilen die Höhen zu steil ansingenden Chen Reiss als Ginevra und der etwas dünnstimmigen Hila Fahima als Dalinda sowie dem in der Rolle des intriganten Polinesso längst erprobten Staatsoperndebütanten Christophe Dumaux, der die mit Rainer Trost (Lurcanio), Wilhelm Schwinghammer (Il Re di Sozia) und Benedikt Kobel (Odoardo) nur durchschnittlich besetzten übrigen Männerpartien um einiges überragte.

Historisch inspiriert

Bei der "Ariodante"-Produktion der vorjährigen Salzburger Pfingstfestspiele, die im Sommer erfolgreich wiederholt wurde, war die Szenerie ganz auf die Intendantin, die allein mit ihrer Persönlichkeit mühelos eine Bühne dominierende Cecilia Bartoli, zugeschnitten. Christof Loy, der damit eine seiner überzeugendsten Arbeiten vorlegte, zeigte die von heftigen Intrigen beeinträchtigte, sich schließlich für beide zum Guten wendende komplexe Liebesgeschichte der schottischen Königstochter Ginevra mit dem italienischen Ritter Ariodante aus dem Blickwinkel heutiger Gender-Diskussion. Trotz der über vierstündigen Stückdauer garantierte dies eine an Spannung nie erlahmende, diskursive Aufführung.

An der Wiener Staatsoper hat sich Regisseur David McVicar, der damit nach "Falstaff", "Adriana Lecouvreur" und "Tristan und Isolde" seine vierte Inszenierung für das Haus am Ring vorlegte, für eine historisch inspirierte, bedingt auf Personenführung zielende Lesart des Sujets entschieden. Das wird durch eine entsprechend stilisierte Bühnenausstattung (Vicki Mortimer), die mit einer sehr britischen Bilderwelt konfrontiert, unterstützt. Die Protagonisten -darunter hat auch die kraftvolle Darstellerin der Titelpartie, Sarah Connolly, zu leiden -erscheinen weniger als vom Schicksal getroffene, klar charakterisierte Menschen als oftmals zu starren Figuren diminuiert. Aufgesetzt wirken die Balletteinlagen (Colm Seery). Dem aus Mitgliedern des Staatsopernchors besetzten, nur wenig Händelaffinen Gustav Mahler Chor (Einstudierung: Thomas Lang) bleibt die Bühne verwehrt. Er muss aus dem Orchestergraben singen, wird damit vom Geschehen ferngehalten.

Ariodante Staatsoper 1., 4., 8. März

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