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Doppelte Maria, neapolitanischer Romeo

1945 1960 1980 2000 2020

Diesmal war Cecilia Bartoli bei "ihren" Salzburger Pfingstfestspielen als Maria in Bernsteins "West Side Story" zu erleben - unterschiedlich brillant. Außerdem wurde "Giulietta e Romeo" in Salzburg gezeigt.

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Diesmal war Cecilia Bartoli bei "ihren" Salzburger Pfingstfestspielen als Maria in Bernsteins "West Side Story" zu erleben - unterschiedlich brillant. Außerdem wurde "Giulietta e Romeo" in Salzburg gezeigt.

Noch haben die Salzburger Festspiele nicht begonnen und schon hatten sie ihre erste Premiere. Ein Widerspruch? Keineswegs, denn auch diesen Sommer wird die Hauptproduktion der Pfingstfestspiele wiederholt.

Das Festivalmotto "Romeo und Julia" war ein Tribut an dieses Shakespeare-Jahr. Weil man es nicht mit einer der üblichen Opernvertonungen dieses Stoffes feiern wollte, entschied man sich - und dies erstmals im Rahmen dieses Festspiels - für ein Musical: Leonard Bernsteins "West Side Story". Dieses verlegt Shakespeares Sujet in das von Rassenkämpfen überschattete New York der 1950er-Jahre. Eine herbe, in meisterliche Revueform gekleidete Gesellschaftskritik mit zahlreichen Ohrwürmern, die seit jeher das Publikum in Begeisterung versetzt hat.

Auch in der Salzburger Felsenreitschule wurde am Ende lautstark gejubelt. Schließlich gab es schwungvoll-effektvolle Tanzszenen (Choreographie: Liam Steel), ließ sich der Broadway-erfahrene Regisseur Philip Wm. McKinley von George Tsypin über die gesamte Breite der Felsenreitschule eine Art Feuermauer mit Sgrafitti bauen, auf der drei Ebenen gleichzeitig bespielt werden können. Man kann sie in der Mitte teilen, womit Platz für so manches Geschehen im Zentrum geschaffen wird. Der Vorteil dieser Bühnenarchitektur: Die Szenen können unmittelbar hintereinander ablaufen. Der Nachteil: Es gibt oft zu vieles zu sehen, was den Blick auf den Plot der Geschichte in den Hintergrund drängt.

Kitschige "West Side Story"

Diese wird aber ohnedies etwas anders erzählt, als gewohnt. Nämlich aus der Perspektive der in die Jahre gekommenen Maria. Auch zwanzig Jahre nach der Ermordung ihres Tonys kann sie, mittlerweile Betreiberin eines Brautmodengeschäfts, seinen Tod nicht vergessen. Sie träumt ihre Zeit mit ihm nochmals nach und stürzt sich schließlich auf den Schienen New Yorks, ihren geliebten Tony als Erscheinung vor sich, in den Tod. Ein theatralischer, etwas ins Kitschige geweiteter Schluss. Und eine letzte Gelegenheit, die Bühnenpersönlichkeit der Festspielintendantin Cecilia Bartoli zu bewundern. Ihretwegen erzählt man diese Story aus dieser Perspektive. Eine 50-jährige wäre in der Rolle der Maria nicht glaubhaft gewesen. Entsprechend ziert die Bühne eine zweite Maria, Michelle Veintimilla, welche die Gesangspartien der Bartoli überlässt, die damit unterschiedlich brilliert.

Wie man sich auch einen strahlenderen Tony gewünscht hätte, als den ebenfalls verstärkt seinen Part singende Norman Reinhardt. Ungleich überzeugender Karen Olivo als auch darstellerisch prägnante Anita. Gut die übrige Besetzung und der von Alois Glaßner gewohnt präzise einstudierte Salzburger Bachchor. Gustavo Dudamel am Pult des energiegeladenen Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela hatten es erwartungsgemäß die zündenden Rhythmen von Bernsteins Musik mehr angetan als deren ebenso ausdruckstiefen lyrischen Passagen, die in dieser Interpretation zuweilen in billige Sentimentalität abglitten.

Durchschnittlich: "Giulietta e Romeo"

Dass Romeo und Julia sich auch sehr anders musikalisch darstellen lässt, machte im Haus für Mozart eine konzertante Aufführung des Dreiakters "Giulietta e Romeo" der neapolitanischen Mozart-Zeitgenossen Nicola Antonio Zingarelli deutlich. Ein vor allem auf die Persönlichkeit bedeutender Kastraten zugeschnittenes Werk, womit die Figur des Romeo im Mittepunkt steht. Eine Herausforderung, der sich der Counter Franco Fagioli schließlich mit Bravour stellte. Rollendeckend seine Giulietta Ann Hallenberg an der Spitze eines nur durchschnittlichen Sängerensembles. Ganz der historischen Aufführungspraxis verpflichtet, zeigte sich der vor allem in rasante Tempi verliebte George Petrou am Pult seines Armonia Atenea und seines gleichnamigen Chores. Eine Renaissance dieses Werks ist mit dieser ambitionierten Darstellung aber weder eingeleitet worden noch gelungen.

Nächste Salzburger Pfingsten lädt die Bartoli zu einer romantischen Traumreise ein -zu Händels Oper "Ariodante", Rossinis "La Donna del Lago", zum Ballettklassiker "Le Sylphide" und zu einem Konzert mit Anne-Sophie Mutter, die vor 40 Jahren bei den Pfingstfestspielen erstmals Salzburger Festspielluft atmete.

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