Stilsuche eines Komponisten

Frühe Opern von Kurt Weill bei den Bregenzer Festspielen - und die Wiederaufnahme einer noch rasanteren West Side Story.

David Pountney, der neue Intendant der Bregenzer Festspiele, setzt auf Kontinuität, nicht aber ohne Bewährtes mit neuen Ideen zu ergänzen: So wurde erstmals die Programmschiene der Opernraritäten im Festspielhaus in einen größeren Kontext gestellt und zu einem programmatischen Schwerpunkt erweitert - heuer gewidmet dem Komponisten Kurt Weill. Neben seinen "Sieben Todsünden" und dem "Berliner Requiem" stehen nicht weniger als vier unbekannte Bühnenwerke von Weill auf dem Programm der 59. Bregenzer Festspiele. Abgesehen von der Operette "Der Kuhhandel" handelt es sich dabei um frühe Werke des Komponisten, um seine Ballettpantomime "Die Zaubernacht" sowie um die beiden Opern "Der Protagonist" und "Royal Palace". Weill selbst hat die beiden Einakter als "Geschwisterpaar" bezeichnet; zu einer gemeinsamen Aufführungen ist es aber bisher - zumindest in Österreich - nie gekommen.

Spiel und Wirklichkeit

"Der Protagonist", 1926 in Dresden uraufgeführt, war Weills erste Oper; das auf einem Text des Expressionisten Georg Kaiser basierende Werk dreht sich um eine Schauspieltruppe, die in einem Gasthaus für die abendliche Vorstellung vor einem Herzog probt. Zuerst soll eine lustige Pantomime aufgeführt werden, dann verlangt der Herzog aber ein ernstes Stück. Der Opernfreund denkt dabei natürlich an das Vorspiel der "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss, wird aber auch an Leoncavallos "Bajazzo" erinnert, wenn sich der Protagonist immer mehr in seine Rolle hineinsteigert, Spiel und Wirklichkeit verwechselt und schließlich seine Schwester ermordet, als er erfährt, dass sie einen Liebhaber hat. Typische Weill-Klänge findet man in diesem Werk noch kaum, der junge Komponist war noch auf der Suche nach seinem Stil. Nur wenig später, bei "Royal Palace" (Uraufführung 1927 in Berlin), integrierte er bereits - in für ihn später charakteristischer Art - Elemente der U-Musik in sein Werk und lässt beispielsweise raffiniert einen Tango erklingen. In diesem Einakter (Text: Iwan Goll) steht eine verwöhnte Frau, Dejanira, im Mittelpunkt, um die drei Männer - ihr Ehemann, der Geliebte von Gestern und der Verliebte von Morgen - wetteifern und der Angebeteten Reichtum, Sinnlichkeit und Rausch zu Füßen legen. Doch Dejanira fühlt sich dennoch unverstanden - und geht ins Wasser.

Die beiden Weill-Werke wurden im Bregenzer Festspielhaus recht unterschiedlich realisiert: Herrschte im "Protagonist" noch handfest deftiges, von witziger Spielfreude geprägtes, in den Pantomimen primitive Erotik nicht auslassendes Theater vor, so hielt sich Regisseur Nicolas Brieger in "Royal Palace" bis hin zur vollkommenen Statik zurück und ließ die Bildersprache der Videoartisten von fettFilm (Torge Moeller und Momme Hinrichs) dominieren. Im kühlen Design des Bühnenbildes von Raimund Bauer entstanden auf diese Weise atmosphärische Bilder, die den surrealen Charakter des Werkes aufgriffen. Beließ man es bei "Royal Palace" beim Werk an sich, so brach man dagegen die Struktur des "Protagonisten" auf und unterbrach mehrmals ohne Notwendigkeit den musikalischen Lauf durch zwar witzig gemeinte, ihre Wirkung aber nicht immer erreichende Dialogsequenzen.

Witzig bis surreal

In beiden Stücken war das selbe Sängerensemble am Werk: Mit kraftvollem Sopran und eingeschränkter Textverständlichkeit gab Catherine Naglestad zuerst die Schwester des Protagonisten, dann die verwöhnte Dejanira, der sie aber kaum die Aura einer besonderen Persönlichkeit verleihen konnte - so eindringlich sie auch singen mochte. Größte musikalische Einsatzfreunde zeichnete den Protagonisten von Gerhard Siegel aus, mehr mit Expressivität führte er seinen Charaktertenor durch die fordernde Rolle, ließ im zweiten Teil als Verliebter von morgen aber Schönheit des Tons vermissen. Tadellos, stimmlich aber auch ein wenig im Bereich des Allgemeinen blieben Peter Bording (Junger Herr und Geliebter von Gestern), Otto Katzameier (Wirt und Ehemann), Erik Arman (Haushofmeister und junger Fischer), Roland Bracht (Erster Schauspieler und alter Fischer), Martin Busen (zweiter Schauspieler) und Bernard Landauer (dritter Schauspieler). Während der temperamentvolle Yakov Kreizberg am Pult der bestens disponierten Wiener Symphoniker bei "Royal Palace" aussagekräftige Klangflächen farbenreich zum Tönen brachte und Details bewusst auskostete, hätte er beim "Protagonisten" durchaus mehr die musikalische Schärfe der Komposition unterstreichen können.

Stringente West Side Story

Neu bei den Bregenzer Festspielen ist nicht nur die Konzentration auf einen Programmschwerpunkt, sondern auch die Terminisierung einzelner Veranstaltungen als Matineen: Der besonders eilige Kulturreisende hat so die Möglichkeit, an einem Tag gleich zwei Programme erleben zu können, beispielsweise die beiden Weill-Einakter im Festspielhaus zu Mittag und am Abend die in Details geänderte Wiederaufnahme von Bernsteins "West Side Story" auf der Seebühne, die noch rasanter, unmittelbarer und stringenter erscheint als im Vorjahr - die es vor allem aber wieder schafft, trotz der monumentalen Ausmaße des Dekors von George Tsypin ganz intim berührende, menschlich zu Herzen gehende Momente zu schaffen - nicht zuletzt dank des typengerecht besetzten, mit jugendlichem Elan agierenden Ensembles: Da wären eine wunderbare Maria von Katja Reichert, der smart liebenswerte Tony von Jesper Tydén, der Riff von Jochen Schmidtke, der Bernardo von Rey Rodriguez und die Anita von Kinga Dobay. Einen nicht geringen Anteil am Gelingen hatten auch die Wiener Symphoniker, die unter der swingenden Leitung von Wayne Marshall Bernsteins Musik mit größter Selbstverständlichkeit musizierten und dieses Mal - auch dies eine Neuerung - in ihrem verdeckten Graben für das Publikum auf zwei Monitoren sichtbar waren.

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