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Totentanz am Bodensee

1945 1960 1980 2000 2020

Brisante Inhalte und spektakuläre Regie-Ideen bei den Bregenzer Festspielen: Martinus "Griechische Passion" im Haus und Verdis "Maskenball" am See.

1945 1960 1980 2000 2020

Brisante Inhalte und spektakuläre Regie-Ideen bei den Bregenzer Festspielen: Martinus "Griechische Passion" im Haus und Verdis "Maskenball" am See.

Von den Bregenzer Festspielen ist heuer Gegensätzliches von zwei Opernschauplätzen zu vermelden. Während im großen Haus die Urfassung von Bohuslav Martinus "Griechische Passion" als sensationelle Entdeckung für das Opernrepertoire gefeiert wird, bugsiert auf der Seebühne in der Schlußphase von Verdis "Maskenball" ein überdimensionales Skelett mit der Linken den sterbenden König Gustav sanft zum just vorbeischwimmenden Sarg. Auferweckung und Grablegung.

Der tschechische Komponist Bohuslav Martinu (1890 bis 1959) hat zwei Jahre vor seinem Tod die Partitur der Originalfassung seiner letzten Oper "Griechische Passion" seitenweise als Souvenirs an Freunde verschenkt - aus Enttäuschung darüber, daß sein Werk vom Londoner "Covent Garden" abgelehnt wurde. Der tschechische Musikwissenschaftler Ales Brezina sammelte im Auftrag der Bregenzer Festspiele die Teile in aller Welt wieder ein und hat daraus jene Urfassung des Werkes rekonstruiert, das als Eröffnungspremiere in Bregenz zur umjubelten Quasi-Uraufführung kam.

Rund 70 Prozent der Oper sind anders, origineller, aufregender und dramatischer als die von Martinu selbst unter dem Zwang der Ereignisse geglättete zweite Fassung, die 1961 posthum unter Paul Sacher in Zürich zur Uraufführung kam. Die Zeit, so scheint es, ist also endlich reif geworden für ein faszinierend vielschichtiges Stück Musiktheater, bei dem der Begriff Oper nur zum Teil zutrifft: Melodramatisches, Schauspieldialoge, ein Kommentator halfen dem (auch) Librettisten Martinu, die komplexe Handlung der Romanvorlage von Nikos Kazantzakis ("Alexis Sorbas") in zwei komprimierte Opernstunden zu verpacken.

Der englische Regisseur David Poutney - nach bahnbrechenden Bregenzer Arbeiten am See wie "Der Fliegende Holländer", "Nabucco" und "Fidelio" erstmals im Haus - entgeht geschickt der Gefahr der Überfrachtung. Mit Hilfe seines Bühnenbildners Stefanos Lazaridis geht die personenreiche Handlung in der verschachtelt collagierten Drehbühne auf mehreren Simultanschauplätzen filmschnittartig und flexibel vonstatten, wird auch die "bestürzend aktuelle Thematik" dieser Oper deutlich (Staatssekretär Peter Wittmann bei der Festspieleröffnung). Es geht um Flüchtlingsproblematik und damit um das ureigenste Schicksal Martinus, der selber neun Monate durch halb Europa in die USA emigrierte.

Passionsspiel in einem kleinen griechischen Dorf. Die Rollen sind verteilt. Doch als Flüchtlinge um Aufnahme bitten, wird das Spiel zur bitteren Realität. Krasse äußere Konflikte führen bald zu tiefgreifenden Verwandlungen der handelnden Personen. Die Doppelbödigkeit der Moral kommt zum Vorschein: Der Darsteller Christi wird von den Dorfbewohnern getötet, die Flüchtlinge müssen weiterziehen. Und die bange Frage bleibt: Hat die Menschheit aus der Passionsgeschichte nichts gelernt?

Martinus Vermächtnis ist also ein politisches Stück, fast ein Oratorium, jedenfalls eine religiöse Oper, zu der er eine faszinierend natürliche, manchmal kühn ausbrechende, doch stets tonal gebundene und sehr persönliche Tonsprache gefunden hat. Er vereint den liturgischen Tonfall des gregorianischen Chorals mit griechisch-orthodoxen Elementen, hält sich konsequent an die Leitmotiv-Technik, bringt die Tradition tschechischer Volksmusik ins Spiel und instrumentiert geschickt in der Weiterentwicklung eines Debussy.

Die Bregenzer Besetzung in diesem Stück lebt nicht von großen Namen, sondern von guten Sänger-Darstellern, die im englischen Original singen. Christopher Ventris als Zentralfigur des Manolios (Christus), Esa Ruutunen als Priester Grigoris, Egils Silins (vor zwei Jahren hier der großartige "Dämon") als dessen Gegenspieler Fotis, John Daszak als Yannakos, Nina Stemme als Katerina (Maria Magdalena) und viele andere bilden einen Glücksfall von einem Ensemble. In großen Aufgaben vermittelt der Kammerchor Moskau Klangschönheit und innigen Ausdruck. Leuchtende, leidenschaftliche Klänge kommen von den wunderbaren Wiener Symphonikern, Ulf Schirmer am Pult malt ein farbenreiches Aquarell von großer Eindringlichkeit.

Bregenz mit seinem risikofreudigen Intendanten Alfred Wopmann hat damit die längst fällige Renaissance des Bohuslav Martinu als Klassiker des 20. Jahrhunderts und als Operndramatiker eingeleitet. Und es ist nur eine späte Genugtuung, daß sein genialer Wurf nun 40 Jahre später doch noch am koproduzierenden "Covent Garden" aufgeführt wird, das die Oper damals abgelehnt hat.

Parallele in der Werkgeschichte: Auch am See gibt es die Urfassung von Giuseppe Verdis "Ein Maskenball". Sie wurde Mitte des vorigen Jahrhunderts von der (österreichischen) Zensur verboten, da ein Königsmord auf offener Bühne damals zu gewagt schien. Ein verärgerter Verdi verlegte die Handlung notgedrungen nach Boston. In Bregenz spielt "Ein Maskenball" jedoch am Originalschauplatz Schweden, wo sich die intrigante Dreiecksgeschichte 1792 tatsächlich abgespielt hat. Riccardo ist hier Gustav III., Freund und Meuchelmörder Renato wird zu Jean Jacques Rene, Graf von Ankarström.

Die Bregenzer Seebühne ist heuer ein gewaltiges "Buch des Lebens" von enormer Symbolkraft, in dessen Seiten Liebe, Leidenschaft und Tod der Akteure festgeschrieben stehen. Unentrinnbar bestimmt das Schicksal somit den Lauf der Handlung, das bevorstehende Unheil ist durch ein überdimensionales Skelett allgegenwärtig, das bis zur Hüfte im Wasser steht und im Buch zu blättern scheint. Totentanz am Bodensee.

Und auch hier sind britische Regiespezialisten am Werk, das Team Richard Jones und Anthony McDonald, die beide in Bregenz bereits erfolgreich im Haus gearbeitet haben. Am See sind sie Debütanten, und das merkt man. Denn die Beherrschung der gewaltigen Dimensionen verlangt eine Erfahrung und Konsequenz, die man nicht überall vorfindet. Ihr Konzept wirkt als Idee zwar schlüssig, könnte aber eigentlich auch in jedem Theater stattfinden und ist also zu wenig See-spezifisch. Mit Ausnahme natürlich des schwimmenden Sarges, aus dem die Prophezeiungen Ulrikas kommen und der bei der stürmisch bewegten Premiere ganz schön ins Schlingern geriet.

Dennoch ist es wohltuend, nach den gigantomanischen Hightech-Spektakeln oder dem unübersichtlichen "Porgy und Bess" der letzten Jahre heuer in Bregenz eine klar strukturierte, exakt gemachte Inszenierung von hohem ästhetischen Anspruch vorzufinden. Die Choreographie der Chor- und Tanzszenen etwa (Phillipe Giraudeau), das fantastische Light Design (Wolfgang Göbbel), die zeitlich nicht einzuordnenden fantasievollen Kostüme zaubern Bilder von starker Wirkung auf die weiße Buch-Spielfläche. Mit Effekten wird sparsam, aber gezielt umgegangen. Nur der intime zweite Akt bleibt ungelöst, konventionell und bringt gewisse Längen.

Solchen Freuden für das Auge stehen auch welche für das Ohr gegenüber. Durch Beiziehung eines amerikanischen Spezialisten ist es in Bregenz endlich gelungen, über die vorhandene Anlage auch das Klangbild für die 7000 Besucher auf der Seebühne entscheidend zu verbessern. Zur Freude der Opernfreunde. Denn der italienisch-stämmige Dirigent Marcello Viotti hängt hörbar mit dem Herzblut an seinem Verdi, sieht im "Maskenball" vorwiegend ein Liebesdrama a la "Tristan und Isolde" und trumpft entsprechend opulent und voller Italianita mit den diesmal völlig unsichtbar im Bühnenbild eingebauten Wiener Symphonikern auf. Seine perfekte Leistung im Zusammenspiel mit dem Ensemble ist umso höher einzuschätzen, als der Kontakt ausschließlich über Monitore stattfindet.

Die Premierenbesetzung der für die insgesamt 26 Vorstellungen mehrfach vergebenen Hauptpartien bietet unter erschwerten Wetterbedingungen Respektables: Steven O'Mara als Gustav, Pavlo Hunka als Rene, Elizabeth Whitehouse als Amelia, Elena de la Merced als Page Oscar und Elisabetta Fiorillo als Ulrika. Nach einem ausgezeichneten Vorverkauf werden, gutes Wetter vorausgesetzt, heuer über 150.000 Besucher Verdis Opernklassiker am Bodensee erleben, bei der Wiederaufnahme im nächsten Jahr sollten es nochmals so viele sein.

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