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Intrigen, Wahnsinn und Turbulenzen

Ist Carl Maria von Weber, um eines der sarkastischen Bonmots des Komponisten Hans Pfitzner in Erinnerung zu rufen, nur auf die Welt gekommen, um den "Freischütz" zu schreiben? Beschränkt sich darauf seine kompositorische Kompetenz? Am Theater an der Wien will man es genau wissen. Deswegen hat sich Intendant Roland Geyer in den ihm verbleibenden vier Spielzeiten einen Weber-Schwerpunkt vorgenommen. Begonnen hat er ihn mit dessen "Euryanthe"."Große romantische Oper" nennt sie der Komponist. Nicht für Regisseur Christof Loy: Er reduziert dieses Sujet, das auf einem sprachlich ziemlich unbeeindruckenden Libretto von Helmina von Chézy basiert, auf ein Kammerspiel, führt die verworrene Handlung aus dem Milieu der Ritterromantik in die Gegenwart.

Aber wirklich retten lässt sich dieser Dreiakter auch mit einer solchen, intellektuell gesteuerten, das Geheimnisvolle des Sujets gegen eine nüchterne Betrachtung getauschten Sicht, die im Wesentlichen die Personen in gute und schlechte teilt, nicht. Zwar schafft Loy mit seiner Lesart durchaus eindringliche Bilder, nicht zuletzt unterstützt von Johannes Leiackers nobler Bühnenbildlösung -ein eleganter weißer, sich nach hinten verjüngender Raum. Trotzdem gelingt es nicht immer, die einzelnen Situationen der Handlung unmissverständlich darzustellen.

Dennoch beeindruckt dieses ästhetische Konzept, wie immer man im Detail zu ihm stehen mag, weitaus mehr als die musikalische Realisierung. Vornehmlich straff führte der mit dem melodischen Reiz der Partitur nur selten zu Rande kommende Constantin Trinks das ORF Radio-Symphonieorchester Wien und die Damen und Herren des sich gewohnt souverän ins Geschehen einbindenden Arnold Schoenberg Chors. Die Solisten demonstrierten mehr die Schwierigkeiten, die Weber für ihre Partien vorgesehen hat, als diese mit der erforderlichen Brillanz und Bravour zu meistern. Ausgenommen die Darstellerin der Titelfigur, die bei den kommenden Salzburger Osterfestspielen als Eva in den "Meistersingern" auftretende, stimmgewaltige Theater-an-der-Wien-Debütantin Jacquelyn Wagner, sowie -mit einigem Abstand - Theresa Kronthaler als ihre im Wahnsinn endende, von krankhaftem Ehrgeiz getriebene, intrigante Nebenbuhlerin Eglantine. Die Herren hatten dem kaum Gleichwertiges entgegenzusetzen. Wie das beim nächsten Weber sein wird? Der steht im Mai auf dem Programm: "Oberon" in einer Koproduktion mit der Bayerischen Staatsoper, wo diese Nikolaus-Habjan-Inszenierung bereits zu sehen war.

Im Tanz durch die Großstadt

Wien feiert den 100. Geburtstag von Leonard Bernstein zwar nicht mit einem Mahler-Zyklus, um so daran zu erinnern, was er für die Mahler-Rezeption hierzulande getan hat. Dafür gibt es noch bis 28. April im Jüdischen Museum in Wien eine Ausstellung unter dem an Gershwins "An American in Paris" angelehnten Titel "Leonard Bernstein. Ein New Yorker in Wien" zu sehen. Und als Bernstein-Hommage war auch die jüngste Premiere an der Volksoper Wien gedacht: "Wonderful Town". Nicht sein populärstes Musical, aber eines, zu dem Wien eine bes ndere Beziehung hat. Denn im Haus am Währinger Gürtel fand 1956 seine europäische Erstaufführung statt. Eingefädelt vom damaligen Chefdramaturgen des Hauses, Marcel Prawy, der alles daran setzte, den Komponisten selbst als Dirigenten nach Wien zu bringen, was schließlich doch nicht glückte. Diesmal ist es keine Eigen-,sondern eine Koproduktion, womit man auf das "ius primae noctis" verzichtet. Dieses hatte die Staatsoperette Dresden, an der diese Produktion bereits gezeigt wurde. Sie hat dafür die beiden Protagonistinnen für dieses in Greenwich Village spielende Stück nach Wien geschickt: Sarah Schütz und Olivia Delauré für die Rollen der aus Ohio kommenden Schwestern Ruth und Eileen. Sie müssen in der für sie neuen Großstadt eine Reihe von Turbulenzen überstehen, ehe sie am Ziel ihrer Wünsche sind und New York für sie tatsächlich zur ersehnten "wundervollen Stadt" wird, wie es der Titel von Bernsteins Musical signalisiert, das man in der Volksoper in einer für Wien neuen Fassung von Roman Hinze spielt.

Die dabei auch mit zündendem tänzerischen Schwung aufwartenden Hauptdarstellerinnen drücken mit dem ebenso souveränen Drew Sarich als Robert Baker dieser schwungvoll-pointierten Aufführung jedenfalls ihren Stempel auf. Untadelig unauffällig die übrigen Comprimarii. Mathias Davids Regie betont unprätentiös, dafür umso glaubwürdiger den boulevardesken Charme dieses Werks und macht damit die spezielle Atmosphäre dieses Künstlerviertels, wie es Bernstein und seine Librettisten Joseph Fields und Jerome Chodorov erlebt haben, deutlich. Mathias Fischer-Dieskaus Bühnenbilder bestechen mehr durch Praktikabilität als Fantasie. Elanvoll tönt Bernsteins Musik aus dem Orchestergraben, wenngleich Volksoperndebütant James Holmes zuweilen etwas lautstark aufspielen lässt. Aber für ihn ist dieser Bernstein ein "wildes Kaleidoskop aller möglichen Musikstile" - und aus dieser Perspektive legitimiert sich eine solche Herangehensweise.

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