Grandios düster - Grandios düster: "Simon Boccanegra" ist vermutlich Verdis pessimistischste Oper. René Pape übernimmt zum ersten Mal die Rolle des Fiesco. - © SF / Ruth Walz
Feuilleton

Geboxt, verteufelt, getwittert

1945 1960 1980 2000 2020

Enescus "Oedipe", Offenbachs "Orphée aux enfers" und Verdis "Simon Boccanegra" als abwechslungsreiche Vexierbilder für Salzburgs diskursives Musiktheater.

1945 1960 1980 2000 2020

Enescus "Oedipe", Offenbachs "Orphée aux enfers" und Verdis "Simon Boccanegra" als abwechslungsreiche Vexierbilder für Salzburgs diskursives Musiktheater.

Noch haben die Salzburger Festspiele ihre Pforten nicht geschlossen, und schon wird über mögliche Musiktheaterproduktionen im nächsten Sommer, in dem das Festival sein hundertjähriges Bestehen feiert, diskutiert. Kolportiert werden "Don Giovanni" unter Teodor Currentzis, inszeniert von Romeo Castellucci, als Beginn eines in den kommenden Jahren mit "Le nozze di Figaro" und "Cosi fan tutte" weitergeführten neuen Mozart-Da-Ponte-Zyklus, Mussorgskis "Boris Godunow" unter Mariss Jansons in der Regie von Christof Loy, die Wiederaufnahme der im Vorjahr gezeigten "Zauberflöte","Elektra" unter Welser-Möst in einer Inszenierung von Krzysztof Warlikowksi sowie eine Nono-Produktion unter Ingo Metzmacher.

Ob es sich hier um mehr handelt als gezielt gestreute Gerüchte, wird man im Herbst wissen, wenn die Festspielverantwortlichen ihr neues Programm vorstellen. Überraschungen sind dabei nicht ausgeschlossen, sie sind nun einmal das Salz in jeder Suppe. Auch bei Festspielen, wie dieser Salzburger Sommer bewies. Wer hätte gedacht, dass George Enescus "Oedipe" die am meisten gefeierte Musiktheaterproduktion sein würde? Bereits Ende der 1990er Jahre war dieses Werk in einer Koproduktion der Deutschen Oper Berlin und der Wiener Staatsoper zu sehen und wurde als veritable Wiederentdeckung gefeiert. Dass die nun erstmals in voller Länge präsentierte Tragédie lyrique in dieser Dimension einschlagen würde, war kaum vorhersehbar.

Skurrilität, verspielter Märchenzauber und üppige Figuren kennzeichnen Freyers mit vielen Anspielungen geschmückte Inszenierung, die gleichwohl die Botschaft dieser Oper in den Vordergrund rückt: Jeder muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und gleich einem Boxer im Ring den Kampf mit den Widrigkeiten des Lebens mit aller Konsequenz aufnehmen. Deshalb zeichnet Freyer die Titelfigur als Boxer, der von Beginn an im Zentrum des Geschehens steht. Auch musikalisch prägt Christopher Maltman mit seiner grandiosen Gestaltung der Titelpartie diese Produktion, die einmal mehr dokumentiert, dass bunte Bildersprache eindringliche Tiefe der Erzählung nicht ausschließen muss. Ähnlich eindrucksvoll der auf Stelzen über die Bühne der Felsenreitschule schreitende John Tomlinson als Tirésias. Packend lotet Ingo Metzmacher mit den virtuos aufspielenden Philharmonikern und dem ebenso prägnant agierenden Staatsopernchor den spezifischen Glanz der in so unterschiedlichen Farben schillernden Partitur aus. Wie wär's mit einer Wiederaufnahme in einem der kommenden Festspielsommer?

Styx als Spielmacher

Das würden sich einige von der noch schriller ausgefallenen Jacques-Offenbach-Produktion wünschen. Wohlgemerkt: einige. Nicht alle zeigten sich mit Barrie Koskys überpointierter Interpretation von " Orphée aux enfers" als grelle, stark erotisch gewürzte, schwungvolle Revue einverstanden. Er blendet jede Gesellschaftskritik aus, nimmt aber dafür den aller Moral entkleideten Umgang mit der Ehe polemisch aufs Korn. Sichtlich zur Freude des auf einem Feuerrad sitzenden Teufels. Bedauerlich, dass die vokalen mit den schauspielerischen Leistungen nur bedingt mithalten konnten. Das ließ Offenbachs Musik zuweilen zur Nebensache werden, so subtil Enrique Mazzola die Wiener Philharmoniker durch diese kostbare Partitur führte.