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Reprisen mit Schönheitsfehlern

War die Salzburger Aufführung der „Carmen“ schon im Vorjahr das große gesellschaftliche Ereignis der Festspiele, so darf ihr auch heuer wieder ein solcher Rang zugesprochen werden. Dies um so mehr, als die Karajan-Inszenierung in ihrem Repräsentationsstil erst bei der Reprise ihre gültige Gestalt gewonnen zu haben scheint. Im Detail differenzierter, dennoch einheitlicher im Ganzen, ist sie konziser, dramatischer und spannungsreicher geworden. Die Wiederaufnahme in das Programm ist also nicht allein durch den großen Aufwand für Bühnenbild und Kostüme gerechtfertigt.

Uber Karajan als musikalischen Leiter läßt sich nur sagen, was wir

schon vergangenes Jahr festgestellt hatten. Unter den Dirigenten der Gegenwart gehört er gewiß zu den subtilsten Klangkünstlern; mit den wunderbar musizierenden Wiener Philharmonikern befand er sich diesmal im glücklichsten Einverständnis. Der Chor der Wiener Staatsoper, durch den Kammerchor der Salziburger Festspiele ergänzt und von Walter Hagen-Groll exakt einstudiert, sang mit erlesener Klangqualität. Hell und erfrischend der Kinderchor der Salzburger Festspiele.

Grace Bumbrys Carmen enthüllte, anders als im Vorjahr, gleich bei ihrem ersten Auftritt ihre provokante Natur. Trotzdem wirkte sie eher bewußt als triebhaft. Erst zum Schluß machte sie in der Darstellung jene Leidenschaft glaubhaft, die zur Selbstzerstörung führt. Jon Vickers war stimmlich und im Spiel dem Othello näher als dem Don Jose. Die überragende Leistung des Abends bot Mirella Freni als Micaela. Das kostbare Material dieses Soprans, im Vorjahr noch an manchen Stellen mit dem Gewicht dramatischen Timbres belastet, hat sich zu durchsichtiger Klarheit geläutert. Der Escamillo des Südamerikaners Justino Diaz war noch genauso farblos wie bei der Premiere. Dem sympathischen Bariton fehlt die musikalische Lebensfülle, es gibt rhythmische Verschleppungen und Unsicherheiten. Die Partien von Mercedes, Frasquita und Dan-cairo sind mit Julia Hamari, Olivera Miljakovic und John van Kesteren neu und besser besetzt. Das Publikum applaudierte enthusiastisch.

Wenn man aber dann nach solch eindrucksvoller Demonstration der Großen Oper das anmutige Wunder der „Entführung“ erlebt, weiß man mit einem Male, daß das Herz der

Festspiele nur die Kunst Mozarts sein kann. Wiewohl die kostbare Inszenierung Giorgio Strehlers im dritten Jahr schon einiges von ihrem Schmelz eingebüßt hat, kann man sich ihrem märchenhaften Zauber nicht entziehen. In den irrealen zartfarbenen Schattenbildern ist alle Erdenschwere aufgehoben, in kindhafter Heiterkeit erlöst sich die Welt.

Die notwendige Umbesetzung zweier Hauptpartien hat Probleme aufgegeben, die nur Strehler selbst ganz zu lösen vermocht hätte. Leider hat er sich nicht damit befaßt. Er überließ die Arbeit dem Regieassistenten Klaus Michael Grüber, der sein Bestes gab. Da Anneliese Rothenberger die Constanze in München singt, wurde Ingeborg Hallstein für die Partie verpflichtet. Ein kultivierter Sopran mit perlender Koloratur. Daß der Ausdruck von Gemütstiefe noch nicht vollkommen gelang, mag auf Befangenheit vor der großen Aufgabe zurückzuführen sein. Luigi Alva als Bel-monte konnte uns Fritz Wunderlich nicht vergessen machen. Italienische Belkantobravour, selbstverliebt und bestechend, aber ohne Ergriffenheit. Und gerade die macht das Wesen des Belmonte aus.

Reri Grist (Blondchen), Gerhard Unger (Pedrillo) und Fernando Corena (Osmin) hinreißend wie am ersten Tag. Zubin Mehta hielt Bühne und Orchester mit leichter Hand zusammen.

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