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Die Hoch-Zeit der Opern

Bregenz: "Tosca" hat gewonnen, Ernst Kreneks "Karl V." ist auf die Entstehungszeit reduziert. Und in Salzburg wird "Don Giovanni" als Angsttraum interpretiert.

War es Zufall oder Absicht? Nach der morgendlichen Eröffnung der 63. Bregenzer Festspiele - beim Festakt unterstrich Bundespräsident Heinz Fischer den Wert der Demokratie und betonte Kulturministerin Claudia Schmied die immense Wichtigkeit der EU, nicht ohne sich besorgt über die Europaskepsis in Österreich zu äußern - ging am Abend nicht, wie in den Vorjahren üblich, die "Hauspremiere" über die Bühne, sondern die Wiederaufnahme der spektakulären Produktion von Giacomo Puccinis "Tosca" auf der Seebühne. Für die angereiste Prominenz, darunter die Spitzen der Regierung, wurde zum Auftakt die "kulinarischere" Oper geboten, während Ernst Kreneks "Karl V.", eine musikalisch komplexe Rarität, die sich kritisch mit dem Thema Macht und Machtmissbrauch auseinandersetzt, erst am Folgetag zur Premiere kam (und auch nur noch zweimal, am 31. Juli und 3. August, auf dem Spielplan steht).

Tosca-Wiederaufnahme …

Während Philipp Himmelmanns "Tosca"-Inszenierung - Johannes Leiacker hat die imposante Szenerie entworfen - im Vorjahr in vielen Aspekten allzu effekthascherisch daherkam, fiel die Wirkung in diesem Jahr geschlossener aus, da weniger plakativ agiert wurde. In Sachen Tontechnik ist das Bregenzer "Akustik Design" allen dem Autor bekannten Freiluft-Verstärkungen um Klassen voraus, Richtungshören und die Auffächerung des Orchesterklangs gelingen hervorragend - nur manchmal verwehte ein kühler Wind am Premierenabend das ausgewogene Spiel der Wiener Symphoniker.

An der optimierten Gesamtwirkung hatte aber auch Ulf Schirmer am Pult seinen Anteil: Der Ablauf geriet fließender, wenngleich sein Dirigat nicht gerade als leidenschaftlich bezeichnet werden kann. Dafür erwies er sich als guter Sängerbegleiter für die impulsive, in der Mittellage dunkel tönende, aber auch höhenstarke Tosca von Catherine Nagelstad, den sicheren, schmelzreichen Cavaradossi von Andrew Richards und den etwas frei mit den Noten umgehenden Scarpia von Claudio Otelli.

Bis 23. August ist diese "Tosca" zu sehen, danach wird nicht nur das Bühnenbild demontiert, sondern auch der Betonkern unter der Seebühne umgebaut: Da das Orchester aus dem Festspielhaus übertragen wird, kann der Orchesterraum der Seebühne abgetragen werden, künftige Aufbauten, etwa bei "Aida" 2009, können flacher zum Publikum gestaltet werden.

Abseits der "Tosca"-Wiederaufnahme ist das Bregenzer Festspielprogramm unter dem Motto "Macht und Musik" heuer vor allem dem Komponisten Ernst Krenek gewidmet: Neben Orchesterwerken in den Konzerten wird im Kornmarkttheater seine Satire "Kehraus um St. Stephan" zur Aufführung gebracht - und im Festspielhaus "Karl V.", die erste große, in Zwölftontechnik geschriebene Oper aus den frühen 1930er Jahren. Genauer gesagt, handelt es sich um ein "Bühnenwerk mit Musik" (einige Partien sind Sprechrollen), in dem Kaiser Karl, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, zu Ende seines Lebens einem Mönch Rechenschaft ablegt und sich an zentrale Stationen seiner Herrschaft erinnert.

Lehrstückhaft mutet das Libretto an, das der Komponist selbst verfasst hat - deshalb aber die Handlung in eine Schulklasse zu verlegen (Bühne: Gisbert Jäkel) und dort vor "Professor Karl" von den Schülern die "Erinnerungen" quasi nachstellen zu lassen, erwies sich in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg nur anfänglich als interessante Idee - zu sehr wurde im Verlauf der Aufführung das Verständnis des kaum gespielten Werkes erschwert, von der eigentlichen Geschichte mit banalen Zutaten wie den unablässig Papierflieger werfenden Schülern oder der Vergewaltigung der Kaiserschwester Eleonore abgelenkt.

… und Krenek in Bregenz

Und ein Werk, in dem thematisch derart viele Aspekte von Macht und Machtmissbrauch, von Kirche und Staat stecken, allein auf die 1930er Jahre, die Entstehungszeit, zu reduzieren, verkleinert viel mehr, als es vergrößert. In Projektionen sieht man marschierende NS-Soldaten und zerstörerische Kriegsaktionen jener Zeit - dies mag aus Kreneks Biographie begründbar sein, führt aber von der zentralen Figur des Kaisers einerseits weg und abstrahiert andererseits viel zu wenig.

Hervorragend auf ihre schwierige Aufgabe vorbereitet waren die Wiener Symphoniker, zuweilen hätte man sich aber die Musik schärfer konturiert gewünscht als in der etwas weichzeichnenden Interpretation von Lothar Koenigs am Pult. Die fordernde Titelrolle war mit Dietrich Henschel sprachlich artikulatorisch fabelhaft besetzt. Trotz aller feinen Nuancen, die er bot, wurden aber auch Grenzen in den dramatischen Ausbrüchen hörbar.

Als hervorragende Darstellerin erwies sich die wortdeutliche Nicola Beller Carbone als Eleonore, sehr präsent war Moritz Führmann als Beichtvater Juan de Regla, nicht durchgehend auf "Festspielniveau" das übrige, aber immerhin sehr bemühte Ensemble und etwas merkwürdig das Engagement eines Chorensembles mit hörbar nicht deutscher Muttersprache für ein Werk, bei dem Text und Musik gleichermaßen von Bedeutung sind.

"Don Giovanni" in Salzburg

Nur wenige Tage nach den Bregenzer Premieren ging auch die erste Opern-Neuproduktion der Salzburger Festspiele in Szene: Wolfgang Amadeus Mozarts "Don Giovanni". Nach seinem vieldiskutierten "Figaro" 2006 hatte man die Inszenierung erneut Claus Guth übertragen, der gleich zu Beginn mit einer interessanten Idee überraschte: Don Giovanni, weniger Verführer, als vielmehr Objekt der Begierde, wird im Duell vom Komtur durch einen Schuss verwundet.

Die Oper zeigt somit die letzten Lebensstunden des Titelhelden in Echtzeit: Giovanni irrt seinem Ende entgegen - und landet in dem vom Komtur geschaufelten Grab. So weit so gut. Allerdings findet dies alles in einem Einheitsdekor (auf der Drehbühne) statt, in einem schäbigen Waldstück: Dort vegetiert Giovanni mit seinem "leicht gestörten" Diener Leporello dahin, "über Wasser" gehalten von Drogen und unglaubliche Dinge erlebend.

Als Darstellung eines letal endenden Angsttraums hätte man eventuell diese Regiearbeit akzeptieren können, in derart realer Weise dargestellt wurden aber schnell die überzeugenden Detailideen der Regie von Absurditäten und Widersprüchlichkeiten überdeckt - von den Konflikten mit dem Text einmal ganz abgesehen.

Schauspielerisch ist das Ensemble in seinen Kletterpartien durch das Waldstück stark gefordert, zusätzlich musikalisch überzeugen konnten aber dennoch Dorothea Röschmann als äußerst dramatische Donna Elvira und Christopher Maltman als intensiver, gesanglich differenzierter, ein wenig schmelzlos tönender Giovanni. Annette Daschs Donna Anna litt unter technischen Problemen, die wiederum hatte der stilistisch tadellose Matthew Polenzani als Don Ottavio nicht, seinem Tenor fehlte es an lyrischer Wärme. Als guter Masetto bleibt Alex Esposito in Erinnerung, Ekaterina Siurinas dünne Zerlina dagegen eher nicht.

Erwin Schrott wirkte als Leporello stimmlich grobschlächtig; einige ungenaue Einsätze seien ihm angesichts des von ihm abverlangten Überaktionismus verziehen. Merkwürdige Brüche gab es zwischen den zerdehnt, häufig geflüsterten Rezitativen und den flott genommenen Musiknummern, die von den Wiener Philharmonikern unter Bertrand de Billy zuweilen äußerst pauschal zum Klingen gebracht wurden: hurtig zwar, aber ohne innere Spannkraft und Intensität.

Ob die Reprisen bis 29. August in diesem Aspekt eine Verbesserung bringen - hoffentlich!

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