Digital In Arbeit

Außergewöhnliche Konstellationen

1945 1960 1980 2000 2020

Betont diskursiv: Dmitri Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk", Giuseppe Verdis "Aida" und Alban Bergs "Wozzeck" bei den diesjährigen Salzburger Festspielen. Die Musiktheaterproduktionen boten auch einige spektakuläre Debüts.

1945 1960 1980 2000 2020

Betont diskursiv: Dmitri Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk", Giuseppe Verdis "Aida" und Alban Bergs "Wozzeck" bei den diesjährigen Salzburger Festspielen. Die Musiktheaterproduktionen boten auch einige spektakuläre Debüts.

Muss man für die Oper immer ausgewiesene Regisseure engagieren oder darf man Inszenierungen zuweilen auch bildenden Künstlern überantworten? Mit beidem konfrontieren die jüngsten Salzburger Musiktheaterproduktionen, begleitet von spektakulären Debüts wie jenem von Mariss Jansons.

Jahrelang hatten die Festspiele vergeblich versucht, Jansons für eine Oper zu gewinnen. Jetzt ist es bei einem seiner erklärten Lieblingsstücke gelungen: Dimitri Schostakowitschs blutrünstiger "Lady Macbeth von Mzensk".

Mit seiner hochdifferenzierten Lesart erfüllte Jansons selbst höchste Erwartungen. Unglaublich, wie viele Facetten er aus diesem Vierakter herausholte, zu welcher Intensität und Qualität er Philharmoniker, Staatsopernchoristen und Sänger führte. Voran die bis an die Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten gehende, mitreißende Nina Stemme als sich erfolglos nach Geborgenheit sehnende, dabei zur Mörderin werdende Katerina. Ebenso beeindruckend Brandon Jovanovich als ihr leichtlebiger Liebhaber und späterer Ehemann Sergej, Dmitry Ulyanov als herrschsüchtig-brutaler Schwiegervater Boris oder Maxim Paster als ihr zum Schwächling verdammter erster Gatte Sinowi.

Drei Akte lang bietet die von Harald B. Thor für das Große Festspielhaus erdachte Bühnenlösung die passende Szenerie, um das thrillerartige Geschehen drastisch und texttreu zu schildern: ein von Stiegen bestimmter Hinterhof eines schmuddeligen Plattenbaus, aus dem zwei Zimmer herausfahren, die intime Einblicke in das Leben einzelner Protagonisten gewähren. Das passt aber nicht für das Finale, denn nach dem Libretto gehen Katerina und ihre Nebenbuhlerin Sonjetka in einem sibirischen Fluss unter. Weil das in Thors Bühnenarchitektur nicht realisierbar ist, lässt Regisseur Andreas Kriegenburg beide am Strang enden, was er durch zwei vom Stiegenhaus herunter hängende, strangulierte Puppen überraschend läppisch bebildert.

Mit spannenden Debüts konfrontierte auch die neue "Aida", ebenfalls im Großen Festspielhaus. Anna Netrebko wagte sich erstmals an die Titelrolle, begeisterte mit strahlender Höhe und packender Emphase. Nicht zuletzt ein Verdienst von Riccardo Muti, der diese Partie mit ihr minuziös erarbeitet hatte und mit seinem zwischen feinsinniger Subtilität und aufwühlender Dramatik souverän ausbalancierten Dirigat an der Spitze von Philharmonikern und Staatsopernchor das Fundament für diesen besonderen Premierenabend legte. Francesco Melis höhensicherer Radamès, Luca Salsis profunder Amonasro und die mit ihrer Rachsucht und Intrige schmerzlich scheiternde, ausdruckstiefe Amneris von Ekaterina Semenchuk führten die übrige hochkarätige Sängerriege an.

Kampf gegen jegliche Tyrannei

Ein von Christian Schmidt kreierter, an die Kaaba erinnernder, geteilter weißer Kubus, der sich schließlich zu einem Würfel fügt, bildet das Bühnenbild für Shirin Neshats Inszenierung, zugleich deren erste Opernregie. Die Äthiopier interpretiert die renommierte, selbst im Exil lebende Filmemacherin als Flüchtlinge von heute, die Ägypter, unterstützt durch entsprechende Kostüme (Tatyana van Walsum), als bunte Mischung verschiedener Kulturen. Religionskritik schwingt in den Auftritten der Priester mit. Nicht um Triumph, sondern um ein Plädoyer für engagierten Kampf gegen jegliche Tyrannei geht es bei dieser von Videos unterstützten, sich üblichen "Aida"-Klischees verweigernden ungewöhnlichen Inszenierung.

In eine assoziative Bilderwelt führt auch die jüngste Salzburger Opernproproduktion. Für Regie und Bühnenbild bei Alban Bergs "Wozzeck" zeichnet mit William Kentridge ebenfalls ein prominenter, aber bereits operninszenatorisch erfahrener bildender Künstler verantwortlich. Er verlegt das Geschehen in die Zeit des Ersten Weltkriegs, wie sich aus den die Bühne des "Hauses von Mozart" geradezu überquellenden, zuweilen torsohaften Requisiten und den gezielt eingeblendeten Videos ablesen lässt. Weil Theater für ihn gleichbedeutend mit Illusion ist, bringt Kentridge Wozzecks und Maries Kind als Handpuppe auf die Bühne. Packend, wie perfekt Matthias Goerne der gequälten Kreatur des Wozzeck die entsprechende Kontur verlieh. Ebenso rollendeckend Asmik Grigorians expressive Marie, Mauro Peters kantabler Andres, Gerhard Siegels sich in Arroganz aalender Hauptmann, Jens Larsens mit Gelehrtenwissen bluffender Doktor oder Jan Daszaks durchtriebener Tambourmajor. Vladimir Jurowski am Pult der untadelig aufspielenden Wiener Philharmoniker legte ihnen und den exakt agierenden Chorgruppen mit seiner auf kammermusikalische Dezenz, Detailverliebtheit und Transparenz zielenden Interpretation einen idealen Teppich.

Lady Macbeth von Mzensk

Großes Festspielhaus - 10., 15., 21. August

Wozzeck

Haus für Mozart - 14., 17., 24., 27. August

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau