"Fidelio" als Debüt Simon Rattles bei den Salzburger Osterfestspielen.

Sie ist eine der größten, schwierigsten und rätselhaftesten Opern aller Zeiten. Was für eine Herausforderung, damit in Salzburg zu beginnen", meinte Simon Rattle kürzlich in einem Interview. Trotzdem wagte der neue künstlerische Leiter die Herausforderung und gewann: Mit Ludwig van Beethovens "Fidelio" debütierte er bei den Salzburger Osterfestspielen triumphal als Operndirigent.

Im ersten Jahr nach Claudio Abbado erlebt das Festspielpublikum eine ungemein brillante, transparente, kammermusikalisch sensible, aber auch grell erregte, spannende Interpretation (leider ohne die 3. LeonorenOuvertüre). Mit einer schier unerschöpflichen Palette an dynamischen Nuancen begeistern die Berliner Philharmoniker mit ihrem Luxusklang unter den stets befeuernden Gesten ihres neuen Chefdirigenten.

Spannende Interpretation

Auch sängerisch ist beinahe alles eitel Wonne: Als echter Heldentenor erweist sich der voluminös singende Jon Villars als in eine Zwangsjacke gesteckter Florestan. Ein Prüfstein für alle dramatischen Soprane ist die Rolle der Leonore, Angela Denoke bewältigt alle hohen Anforderungen dieser diffizilen Partie, auch wenn sie manchmal an ihre Grenzen stößt. Thomas Quasthoff singt bei seinem Bühnendebüt die kleine Rolle des Don Fernando mit seiner herrlichen Liedstimme. Warm und weich erklingt der Bariton des Lászlo Polgár als Rocco. Alan Held ist darstellerisch und sängerisch ein idealer bösartiger Don Pizarro. Nur manchmal zu wenig durchschlagskräftig erklingen der wunderbar lyrische Sopran der innig singenden Juliane Banse als Marzelline und der geschmeidige Tenor des Rainer Trost als Jaquino. Makellos, stimmgewaltig und homogen singt der Arnold Schönberg Chor (Einstudierung: Erwin Ortner).

Die große Revolutions- und Freiheitsoper hat seit beinahe 200 Jahren nichts von ihrer politischen Aktualität verloren, weswegen sie wohl auch vom Leading Team in der Gegenwart angesiedelt wird. Grau, metallisch, bedrohlich und düster-kalt ist der Einheitsraum von Raimund Bauer. Er zeigt die Trostlosigkeit eines heutigen Hochsicherheitsgefängnisses mit schrägen hinteren Wänden und wuchtigen Seitenelementen, die die Bühne vorne öffnen und schließen. In einem offenen Lift erscheint und verschwindet Don Pizarro im eleganten dunkelgrauen Anzug (Kostüme: Anna Eiermann). Eine versenkbare, große Treppe wird von oben mit faszinierenden Lichteffekten beleuchtet, ebenso wie die Gefangenen, wenn sie ihren berühmten Chor singen. Gefangene, deren Gesichter mit durchsichtigen Strümpfen überzogen sind, die sie erst nach der Befreiung abnehmen und die dann nicht mehr wie zuvor vom Bösewicht zurückweichen.

Eigenartige Eingriffe

Solche Ideen von Regisseur Nikolaus Lehnhoff, der sich bei seiner Inszenierung außer bei den szenischen Übergängen überwiegend auf statische Arrangements beschränkt, sind nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar sind die vielen kaum erklärbaren Schuharrangements zu Beginn und die Gründe, sämtliche Dialoge radikal zu streichen und durch kurze Pausen und so manche Pantomime zu ersetzen. Da das gesprochene Wort jedoch ein unverzichtbarer erklärender Bestandteil des Handlungsflusses ist, trägt dies nicht zur Verständlichkeit dieser Geschichte über die Befreiung von Unterdrückung und den Triumph der Menschlichkeit bei.

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