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Surreales Spiel und übertriebene Opulenz

1945 1960 1980 2000 2020

Eine neue "Così fan tutte"-Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf, die "Liebe der Danae" von Richard Strauss und zwei Uraufführungen von Thomas Adès und Peter Eötvös prägten die Eröffnungstage der Salzburger Festspiele. Es hätte aufregender sein können.

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Eine neue "Così fan tutte"-Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf, die "Liebe der Danae" von Richard Strauss und zwei Uraufführungen von Thomas Adès und Peter Eötvös prägten die Eröffnungstage der Salzburger Festspiele. Es hätte aufregender sein können.

Wie reagiert man in einer unlösbaren Situation? Mit einer sentimentalen Berceuse, innigen Duetten, einem letzten Liebesabenteuer, um sich anschließend gemeinsam in den Freitod zu stürzen? Darf angesichts solcher Aussichtslosigkeit ein Arzt einem Sterbenden seine Hilfe verweigern? Soll man sich mit Nebensächlichkeiten betäuben, etwa darüber alterieren, dass zum Umrühren des Kaffees nur ein Teelöffel zur Verfügung ist?

Szenen, mit denen die Eröffnungspremiere, Thomas Adès' "The Exterminating Angel", konfrontierte. Eine dreiaktige Oper, besser: ein Konversationsstück mit Musik, inspiriert von Luis Buñuels surrealem Kultfilm "El ángel exterminador". Die Geschichte einer vornehmen Dinnergesellschaft, die bald erkennen muss, in einem Raum eingeschlossen zu sein, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ein vorprogrammierter Tanz in den Tod.

So legt auch der britische Erfolgskomponist seine mit außergewöhnlichen Herausforderungen an die Sänger - sie sind bis zu Kreischlauten in der Höhe gefordert - gespickte, erst nach der Pause entsprechende Kontur annehmende Partitur an. Mit pointierten Anklängen an die hintergründige Walzerseligkeit eines Johann Strauß und Richard Strauss, die rhythmischen Schärfen eines Strawinsky, die dramatische Wucht eines Schostakowitsch, aber auch Brittens moderaterer Tonsprache. Letzteres lässt der zuweilen ausufernden Musik Momente von Behaglichkeit zuwachsen. Die Botschaft, dass Menschen in ihrer Verzweiflung rasch Gefahr laufen können, alle Moral - mehr noch: alles Humane - hinter sich zu lassen, wird dadurch etwas verwässert.

Lässt sie sich so besser an das Publikum bringen? Dieses zeigte sich begeistert. Es jubelte dem das RSO Wien dirigierenden Komponisten, den von Prominenz wie Anne Sofie von Otter, Thomas Allen oder John Tomlinson angeführten zahlreichen Solisten, dem Salzburger Bachchor und dem (auch als Librettisten agierenden) Regisseur Tom Cairns, bereits nach dem ersten, etwas langsam Fahrt aufnehmenden ersten Akt zu.

Verhalten die Publikumsreaktion bei der von Festspielintendant Sven-Eric Bechtolf neu inszenierten Mozart'schen "Così". Er lässt sie nicht wie 2013 im Haus für Mozart in einem Wintergarten, sondern in der Felsenreitschule ablaufen, sparsamst von ihm selbst möbliert: einige Sessel, ein dreiteiliger, eine süditalienische Landschaft zeigender Paravent, ein Pferdewagen. Eine bagschierliche Despina (Martina Janková), ein mehr bodenständiger als philosophischer, vokal glänzender Don Alfonso (Michael Volle) sind die Atouts dieser außerdem mit Julia Kleiter, Angela Brower, Mauro Peter und Alessio Arduini nur durchschnittlich besetzten Produktion. Ottavio Dantone, Exponent historisch informierter Aufführungspraxis, am Pult des Mozarteumorchesters präsentierte sich als Vertreter spannungsloser Langsam- und Langatmigkeit.

"Danae" - ein orientalisches Märchen

Und die Inszenierung? Bechtolf liebt Klamauk, lässt tanzen und springen, postiert Personen mit Masken auf den Arkaden der Felsenreitschule, macht am Ende deutlich, dass solcherart frivoles Spiel mit der Liebe nur in einer Katastrophe enden kann. Oder laufen die Protagonisten danach bereits ins nächstes Liebesabenteuer, weil für sie Liebe nur beiläufige Illusion ist?"Così" ist mehr als eine oberflächliche Tändelei. Laut Bechtolf ist dies ein anarchisches Stück. Warum hat er das nicht einmal ansatzweise gezeigt?

Zitate aus Halleluja-Kompositionen vom Barock bis Bartók verknüpft mit Bezügen zu historischen Ereignissen, wie 1914, 9/11, Flüchtlingsproblematik, bilden die Basis für Péter Eötvös' Oratorium "Halleluja" nach einem hintergründig-witzigen Libretto seines kürzlich verstorbenen Landsmanns Péter Esterházy - gleich der Adès-Oper ein Auftrag der Salzburger Festspiele. Ein mehr durch die Zitatenauswahl und -zusammenführung als durch musikalische Originalität beeindruckendes Werk mit der Fragwürdigung aller Prophetien als Kernaussage, das in den Wiener Philharmonikern unter Daniel Harding, Peter Simonischek als Sprecher, den Solisten Iris Vermillion und Topi Lehtipuu und dem Ungarischen Rundfunkchor engagierte Anwälte fand.

So wie Eötvös kein Oratorium schreiben wollte, sondern sich für eine skurrile Weltuntergangsparaphrase entschied, misstraute Regisseur Alvis Hermanis den Strauss' "Die Liebe der Danae" zugrunde liegenden Mythen. Er deutet das Opernlibretto in ein orientalisches Märchen um, das er in einer von ihm entworfenen, von bunten Ornamenten und Kostümen (Juozas Statkevic ius) überwucherten Bühnenlandschaft erzählt. Was er damit wirklich will, bleibt in diesem opulent eingepackten Frontaltheater offen. Dafür spielten die Wiener Philharmoniker unter der souveränen Leitung von Franz Welser-Möst prächtig, manchmal auch lautstark auf. Krassimira Stoyanova brillierte in der schwierigen Titelpartie, Gerhard Siegels kraftvoll-strahlender Midas und Tomasz Koniecnys artikulationsklarer Jupiter dominierten das übrige, glänzend ausgewählte und gestimmte Ensemble.

The Exterminating Angel

Haus für Mozart, 5., 8. August

Così fan tutte

Felsenreitschule, 6., 10., 12. August

Liebe der Danae

Großes Festspielhaus, 5., 8., 12., 15. August

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