Meistersinger - © Foto: OFS / Monika Rittershaus
Musik

Mit einem Schuss Selbstironie

1945 1960 1980 2000 2020

Buntes Osterbukett: Wagners „Meistersinger“ in Salzburg, Händels „Orlando“  am Theater an der Wien, Adès-Kammeroper im Kasino am Schwarzenbergplatz.

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Buntes Osterbukett: Wagners „Meistersinger“ in Salzburg, Händels „Orlando“  am Theater an der Wien, Adès-Kammeroper im Kasino am Schwarzenbergplatz.

Noch hatten die Salzburger Osterfestspiele nicht begonnen, waren sie schon in den Schlagzeilen. Er akzeptiere Nikolaus Bachler nicht, der Peter Ruzicka im Herbst 2020 als Intendant nachfolgen soll, ließ Christian Thielemann, der künstlerische Chef des Festivals, unmissverständlich wissen. Wenig später zeigte er sich zahmer. Gut möglich, dass er sich doch umstimmen lassen könnte, meinte er im Hinblick auf die diesjährige Opernproduktion. Schließlich künden „Die Meistersinger von Nürnberg“ von der Schwierigkeit, von außen in eine geschlossene Gesellschaft zu kommen.

Die Inszenierung des Nürnberger Intendanten Jens-Werner Herzog versucht diesen Aspekt von Wagners Oper am Beispiel der an einem Theater arbeitenden Menschen und deren Konflikten festzumachen. Seine Idee, diesen Wagner als „Theater im Theater“ darzustellen, funktioniert allerdings nur bedingt. Das zeigt sich nicht zuletzt an der Figur des Hans Sachs, der hier gleichermaßen als Intellektueller, Schus ter, Regisseur, gar Theaterdirektor auftritt. Am überzeugendsten agiert er am Schluss. Da macht er mit seiner Gestik unmissverständlich die Notwendigkeit von Selbstironie deutlich. Eine brillante Finalpointe.

Gut möglich, dass Herzogs Grundkonzept, das die unterschiedlichen Personenkonstellationen durchaus plausibel aufzeigt, mehr überzeugt hätte, wenn Mathis Neidhardt in seinem die Drehbühne des Großen Festspielhauses gekonnt nutzenden Bühnenbild nicht in so biedere Bebilderungen abgeglitten wäre. Oder setzte man bewusst auf diese zuweilen naiv anmutende Plakativität, weil es sich um eine Tourneeproduktion handelt, die demnächst in Dresden und Tokio gezeigt wird, um damit verschiedenen Vorstellungen zu entsprechen?

Herzogs szenische Darstellung verliert sich in keine gesellschaftskritische Umdeutung. Georg Zeppenfelds ungewohnt zurückhaltender, gesanglich bis zuletzt untadeliger Sachs, Klaus Florian Vogt als mit Höhenglanz nie geizender Walther von Stolzing, Adrian Eröds beinahe schon überdreht-komödiantischer, vokal gewohnt souveräner Beckmesser, Sebastian Kohlhepps selbstbewusster David, vor allem Christian Thielemann, der mit seiner schließlich zu großer Form auflaufenden Sächsischen Staatskapelle mitreißende Klangbilder schuf, dominierten die übrigen, nur bedingt Festspielansprüchen genügenden Protagonisten. Die auch als Bühnenarbeiter und Tänzer agierenden Choristen aus Dresden und Salzburg beeindruckten durch Präzision wie mächtigem Klang.

Orlando im Amerika

der Gegenwart Dass in „Orlando“ auch ein Rittermilieu angesprochen wird, erfährt man in Claus Guths szenischer Version von Händels nicht allzu oft aufgeführtem Dreiakter am Theater an der Wien erst gar nicht. Mit seinem Bühnenbildner Christian Schmidt verlegt er die im Original im Spanien des ausgehenden 8. Jahrhunderts spielende Handlung in das Amerika der Gegenwart. Die Schäferin Dorinda wird zu einer Verkäuferin in einem Getränkewagen, der afrikanische Prinz Medoro zu einem Automechaniker. Den ursprünglich als Magier gedachten Zoroastro bringt Guth als Mischung von Bürokrat und Penner auf die Bühne. Schließlich konfrontiert die Inszenierung noch mit einer weiteren Figur.

Jens-Werner Herzogs Idee, Wagners ,Meistersinger von Nürnberg‘ als ,Theater im Theater‘ darzustellen, funktioniert allerdings nur bedingt.

Zurück zum Militär, weg von der Liebe: Darauf zielt Guths Auseinandersetzung mit diesem Händel. Er schwört vorweg allem ursprünglichen Zauber dieses Sujets ab. Umso mehr setzt er auf einen kantigen Kontrast von Rationalität und Emotionalität. Vornehmlich, um den meist ziemlich langatmigen, wenig abwechslungsreichen Musiknummern neues Leben einzuhauchen und damit dieses vom Geschehen her seichte, deswegen nur wenig gespielte Werk zu retten. Das gelingt, wie dieser Abend zeigte, aber weder mit einer derart avancierten Lesart noch mit so exzellenten Singdarstellern wie Anna Prohaska (als Angelica), Florian Boesch (als Zoroastro) oder Christophe Dumaux (als traumatisierte Titelfigur). Giovanni Antonini an der Spitze seines eintönig musizierenden Il Giardino Armonico verstrahlte bald kaum mehr als kultivierte Langeweile, was den Premierenabend nicht spannender machte. An der Wiener Staatsoper war Thomas Adès mit „The Tempest“ präsent, bei den Salzburger Festspielen mit „The Extermination Angel“ erfolgreich. Für die Zukunft haben ihn die Wiener Philharmoniker als dirigierenden Komponisten eingeladen. Jetzt ist der prominente englische Komponist auch an der Wiener Volksoper gelandet. Sie konfrontiert im Rahmen ihrer zeitgenössischen Reihe im Kasino am Schwarzenbergplatz mit seinem ersten Bühnenwerk: der Kammeroper „Powder Her Face“. Thematisiert wird in diesem Zweiakter in acht Szenen das sexuell ausschweifende Leben der Millionenerbin Margaret Whigham, Duchess of Argyll.

Eben dort setzt auch Martin G. Bergers Inszenierung an, die sich im ersten Teil bald in mehr unbeholfen als erotisch wirkenden Darstellungen sexueller Techniken erschöpft. Nach der Pause wird der Abstieg der Herzogin ziemlich beiläufig dargestellt, begleitet von beliebig deutbaren Videoeinblendungen (Anna Hirschmann). Die gesellschaftskritische Dimension des Sujets wird bestenfalls anskizziert. Die Gerichtsszene mit dem zum Hampelmann gestempelten Richter wirkt unfreiwillig komisch. Ein Glück, dass die Intensität der Darsteller, voran die auch akrobatisch überaus geforderte Ursula Pfitzner als Herzogin und der sich in dieser Produktion nicht nur als Herzog, sondern auch als Richter und im Finale als Hotelmanager präsentierende Bart Driessen, so manches Manko der Szene übertünchten.

Aus Thomas Adès’ mit Anklängen an Strawinsky, die Wiener Schule und Britten aufwartender Musik hätte sich mehr an Effekt und beredter Rhythmik herausholen lassen, als es Wolfram-Maria Märtig an der Spitze eines aus Musikern der Volks oper Wien zusammengesetzten Kammerensembles vorzeigte. Selbst wenn sie akus tisch – hinter der laufstegartigen Bühne – alles andere als vorteilhaft platziert waren.

Meistersinger Probe - © Osterfestspiele Salzburg
© Osterfestspiele Salzburg
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