Zauberflöte - © Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Verquere Mozart-Spiegelungen

1945 1960 1980 2000 2020

Eine aus Stuttgart importierte „Entführung“ an der Staatsoper, eine neue „Zauberflöte“ an der Volksoper: Wiens neueste Mozart-Facetten.

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Eine aus Stuttgart importierte „Entführung“ an der Staatsoper, eine neue „Zauberflöte“ an der Volksoper: Wiens neueste Mozart-Facetten.

Mozart bildet seit jeher einen wichtigen Pfeiler im Repertoire der Wiener Staatsoper. Auch die eben erst mit ihrer Arbeit begonnen habende neue Direktion hat sich ausdrücklich vorgenommen, mit modellhaften Mozart-Produktionen aufzuwarten. Wohl wissend, dass es zu diesem Thema längst nicht eine, sondern eine Vielfalt von Vorstellungen gibt. Noch gilt es, auf ihre erste szenisch-musikalische Antwort zu dieser Herausforderung zu warten.

Erst einmal hat sie einen über zwei Jahrzehnte alten Mozart-Klassiker aus Stuttgart ins Haus am Ring transferiert: Hans Neuenfels’ schon seinerzeit für unterschiedliche Reaktionen sorgende, unkonventionelle Inszenierung der „Entführung aus dem Serail“. Musik und Wort haben in diesem deutschen Singspiel gleichermaßen viel zu sagen. Sänger müssen nicht gleich gute Sprecher sein. Warum nicht Figuren doppeln, gleichzeitig aus einer solchen Spiegelung von Sängern und Schauspielern neue Facetten gewinnen? Vom Ansatz her ein kluges Konzept. Das allerdings nur trägt, wenn für die jeweiligen Partien gleichwertige Sänger und Sprecher zur Verfügung stehen. Zudem sollte man sich mit einem Zuviel an Assoziationen zurückhalten: Weil dadurch das Sujet überfrachtet wird, auch rasch in Vergessenheit geraten kann, dass es hier vorrangig um ein Stück Musiktheater geht, nicht um ein mit zahlreichen neuen Pointen angereichertes Schauspiel, bei dem einiges vom ursprünglichen Text gestrichen ist.

Herbe Buh-Rufe

Ganz ist Regie-Altmeister Neuenfels, selbst wenn er seine zweiundzwanzig Jahre alte Stuttgarter Produktion für Wien nun überarbeitet hat, diesen Gefahren nicht entgangen. Mit seiner avancierten, mittlerweile etwas verstaubt wirkenden, sehr personenbezogenen Sichtweise, die er in einer Szenerie ablaufen lässt, welche die ewige Idee von „Theater im Theater“ (Bühne: Christian Schmidt) gekonnt paraphrasiert, bürdet er dem Betrachter weiterhin zahlreiche Rätsel auf, die erst das Programmheft entschlüsseln muss. Das führt die Musik nicht selten ins Hintertreffen. Deshalb verwunderte es nicht, dass so mancher Besucher diese Überbeleuchtung des szenischen Geschehens, das im Finale mit dem unnötigen Zitieren eines Mörike-Textes noch gesteigert wird, mit herben Buh-Rufen bedachte.

Musikalisch dominierten vor allem zwei Damen: die virtuose Konstanze der für Wien neuen Lisette Oropesa und die ihr nur wenig nachstehende Blonde von Regula Mühlemann. Qualitätsvoll, wenn auch nur mäßig kantabel Daniel Behles Belmonte, überfordert Goran Jurić als Osmin. Antonello Manacorda am Pult benötigte einige Zeit, um Orchester und den wenig artikulationsklaren Chor auf seine rhythmisch geschärfte, auf viel Tempo setzende Lesart von Mozarts Partitur einzuschwören. Eine in einem Reich der Kälte brutal agierende Königin der Nacht und ein sich in großzügiger Gestik aalender, als autokratischer Wüstenherrscher gezeichneter Sarastro als Protagonisten einer Generation, die es der Jugend schwer macht, deren Traum von einem Leben in einem neuen Klima zu verwirklichen.

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