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Wenn aus Spielen Wirklichkeit wird

1945 1960 1980 2000 2020

Eine durchwachsene "Così fan tutte" hatte an der Wiener Volksoper Premiere, inszeniert von Bruno Klimek. Im MuseumsQuartier gab es mit Sciarrinos "Luci mie traditrici" unter der Leitung von Achim Freyer einen poetisch-hinreißenden Auftakt der Wiener Festwochen.

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Eine durchwachsene "Così fan tutte" hatte an der Wiener Volksoper Premiere, inszeniert von Bruno Klimek. Im MuseumsQuartier gab es mit Sciarrinos "Luci mie traditrici" unter der Leitung von Achim Freyer einen poetisch-hinreißenden Auftakt der Wiener Festwochen.

An Mozart, heißt es zuweilen, könne man nur scheitern. Beispiele dafür gibt es zur Genüge: So setzte die Wiener Staatsoper ihren zu Beginn der Direktion Dominique Meyer gezeigten, mit "Le nozze di Figaro" und "Don Giovanni" begonnenen Mozart-Da Ponte-Zyklus nach der mäßigen Resonanz gar nicht mehr fort. Eine neue "Così" im Haus am Ring ist weiterhin nicht in Sicht. Auch bei den Salzburger Festwochen hatte man mit dieser Trilogie - für sie hatte man nach der Absage von Franz Welser-Möst Christoph Eschenbach als Dirigenten engagiert - bisher wenig Fortune. Ob sich nach den heftig zerzausten Lesarten von "Così" und "Don Giovanni" mit dem heurigen "Figaro" mit Dan Ettinger als neuem Dirigenten das Blatt wenden wird?

Die Wiener Volksoper zeigt sich von solchen Misserfolgen unbeeindruckt. Im November 2012 hatte Marco Arturo Marelli seinen zweiten Volksopern-"Figaro" erfolgreich zur Diskussion gestellt. Kommende Saison wird Achim Freyer "Don Giovanni" neu inszenieren. Vergangenes Wochenende hatte eine neue "Così fan tutte" Premiere im Haus am Währinger Gürtel, jenes so gut wie alle Aspekte der Liebe aufgreifende Stück, das sich in Wiener Neustädter Offizierskreisen abgespielt haben soll.

Weder hier noch in Neapel - wohin Lorenzo da Ponte dieses Sujet ansiedelte lässt Volksoperndebütant Bruno Klimek seine "Così" spielen. Er hat sich von Hermann Feuchter einen neutralen, weiß und schwarz ausgelegten, meist ohne Requisiten auskommenden Einheitsbühnenraum bauen lassen, um die Zeitlosigkeit dieser Parabel um die Geheimnisse der Liebe zu zeigen. Unterstützt wird dies dadurch, dass die Protagonisten erst in Alltagskleidung auftreten, sich später in Gewändern der Entstehungszeit dieser Oper kleiden. Warum der Regisseur die Geschichte partout aus einer Probensituation entwickelt, aus der die Darsteller nach und nach ins reale Leben kippen, bleibt offen. Weder wird das Geschehen damit plausibler, noch erwachsen durch diesen Kunstkniff neue Facetten.

Blasse Besetzung

Durchwachsen ist die musikalische Seite. Mit wenig Rücksicht auf die Eigenheiten der Sänger schlug Julia Jones den Takt, ließ selten Atmosphäre oder Charme aufkommen, die Musik hob nicht ab. Mathias Hausmann war ein nicht nur für einen Spielführer blasser Don Alfonso, Rebecca Nelsen eine outriert-schrille Despina. Jörg Schneiders Ferrando mangelte es an Glanz, Josef Wagners Guglielmo an rhythmischer Ausgeglichenheit und Profundheit. Für Fiordiligi und Dorabella hätte man sich rollendeckendere Besetzungen gewünscht als die bis an ihre Grenzen geführten Caroline Wenborne und Dshamilja Kaiser.

Liebe, Eifersucht, zuletzt Mord ist das Thema von Salvatore Sciarrinos erstmals 1998 bei den Wiener Festwochen gezeigtem Zweiakter "Luci mie traditrici". Damals zu sehen in der gemeinsam mit den Schwetzinger Festspielen -d ie diese Oper beauftragt hatten - erarbeiteten Uraufführungsversion in der Inszenierung Peter Oskarsons. Nun hat sich Achim Freyer dieser Oper angenommen. Darin wird - auf einen Tag zusammengefasst und aufgeteilt auf acht Szenen - geschildert, wie der adelige Komponist Don Carlo Gesualdo seine Frau und deren Liebhaber ermorden lässt. Illustriert durch eine Musik, die sich filigraner, sensibler, im besten Sinne artifizieller nicht denken lässt. Sie baut auf dem Spannungsverhältnis meist kleiner Intervalle. Die als Kontrast angelegten, mindestens ebenso stimmungsvollen Intermezzi sind vom Prolog einer homophonen Elegie von Claude Le Jeune, einem franko-flämischen Komponisten der späten Renaissance, inspiriert.

Freyer hat sich von dem Libretto, das ein italienisches Drama des 17. Jahrhunderts zur Grundlage hat, wie von Sciarrinos flirrender Musik zu einer Art moderner Commedia dell' Arte verführen lassen. Auf verschiedenen Ebenen platziert, auch mit auf dem Kopf gestelltem Körper, lässt er die Protagonisten gleich gefesselten Marionetten agieren und packend ihre Gefühle zeigen.

Poetisch und suggestiv

Darauf bereitet er in einem von ihm erdachten, mit ähnlichen symbolischen Metaphern ausgestatteten, grotesk-theatralischen Vorspiel vor. In Anspielung an den Stücktitel "Die tödliche Blume" nennt er es "Tag aus Nacht". Eine poetischen Reiz ausstrahlende, von suggestiven Lichteffekten begleitete szenische Realisierung, die das Primat der Musik nicht nur unangetastet lässt, sondern die musikalische Intensität noch verstärkt.

Auch die musikalische Seite bestach durch eine kaum zu toppende Perfektion. Angefangen bei dem mit exzellenten solistischen Leistungen aufwartenden Klangforum Wien und dem sie zu einer differenzierten Darstellung der Partitur animierenden Emilio Pomàrico bis zu den sich mit virtuoser Selbstverständlichkeit, artistischer Brillanz und beispielhafter Artikulation präsentierenden Protagonisten. Angeführt von Anna Radziejewska als La Malaspina, Otto Katzameier als ihrem Gatten, Kai Wessel als Liebhaber und Simon Jaunin als Diener.

Così fan tutte

Volksoper, 21., 27. Mai

www.volksoper.at

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