Carmen - © Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Wiener Staatsoper live: Moussierender „Figaro“, gewaltbereite „Carmen“

1945 1960 1980 2000 2020

Opernübertragungen im Fernsehen können auch aufregend sein. Vor leeren Rängen fanden an der Wiener Staatsoper in den vergangenen Wochen die Premiere von „Carmen“ und die Wiederaufnahme von „Le Nozze di Figaro“ statt.

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Opernübertragungen im Fernsehen können auch aufregend sein. Vor leeren Rängen fanden an der Wiener Staatsoper in den vergangenen Wochen die Premiere von „Carmen“ und die Wiederaufnahme von „Le Nozze di Figaro“ statt.

Auf 29 Bühnen war Calixto Bieitos 1999 kreierte, weltweit gefeierte „Carmen“-­Inszenierung bisher zu sehen. Jetzt hat sie Wiens neuer Staatsoperndirektor an sein Haus gebracht. Weil immer noch Corona­-Maßnahmen herrschen, konnte man diese Produktion, von ein paar Berichterstattern abgesehen, nur via Fernsehen miterleben. Wo sie weit weniger Eindruck hinterließ als live, was vor allem der wenig fantasievollen Kameraführung geschuldet war.

Dass Oper im Fernsehen aufregend sein kann, weiß man spätestens seit Dezember 1978. Auch damals ging es um eine neue „Carmen“ an der Staatsoper, szenisch verantwortet von Franco Zefirelli, die nun durch Bieitos sehr andere Lesart abgelöst wird, vor allem aber dirigiert von einem entfesselten Carlos Kleiber. Eine Sternstunde. Der neue Mann am Pult, Wiens neuer Symphoniker­Chef Andrés Orozco ­Estrada, kann mit diesem übermächtigen Vorbild nicht einmal in Maßen mithalten. Mit auf äußeren Effekt zielender Klangmacht, wenig Sensibilität für differenzierten Orchesterklang und Sängerbegleitung ist diesem so auf Farben­ und Atmosphärevielfalt ausgerichteten Bizet nicht beizukommen.

Piotr Beczałas sich durch makellose Diktion, profunde Phrasierung und souveräne Gestik auszeichnender Don José war der Star dieser Premiere. Überraschend prägnant Erwin Schrotts Escamillo. Sehr ausgewogen die übrige Besetzung, auch wenn Vera­Lotte Boecker (Micaëla) am Ende ziemlich übersteuerte. Und die Titelfigur dieser Inszenierung, die mit wenigen Requisiten wie Telefonhäuschen, Fahnenstange, herumkurvenden alten Mercedes, ungeschönt gezeigter Brutalität und einer bewussten Milieuüberzeichnung die menschlichen Grenzsituationen noch deutlicher hervorzukehren versucht, Anita Rachvelishvili? Sie prunkte mit vokaler Opulenz, weniger mit Verführungskunst.

Auch die „Figaro“-Wiederaufnahme musste vor leeren Staatsoper-­Rängen stattfinden. In der meisterhaften Inszenierung von Jean­-Pierre Ponnelle, die demnächst einer von Barrie Kosky weichen wird, der auch die übrigen Mozart­-Da­-Ponte-Opern im Haus am Ring inszenieren wird. Hier galt der Fokus weniger dem Bühnen­geschehen als der Besetzung. Vor allem der Frage, wie ernst die neue Staatsoperndirektion ihr Versprechen, sich wieder besonders um Mozart zu bemühen, nimmt. Sehr ernst, wie diese von Musikdirektor Philippe Jordan, der auch virtuos das Cembalo schlug, mit Esprit, Schwung und Spannung geleitete Aufführung zeigte, in der sich mit Federica Lombardi eine glänzende Gräfin, mit Louise Alder eine bagschierliche Susanna und mit Philippe Sly ein spiel­freudiger Figaro nebst weiteren meist untadeligen Primarii präsentierten, enttäuschend allerdings Andrè Schuens konturloser Graf.

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