#Wie teuer seid Ihr mir!#

Zuletzt war 1893 Donizettis #Lucrezia Borgia# in der Wiener Staatsoper zu sehen. Damit hat die neue Staatsoperndirektion jetzt ihren Premierenreigen eröffnet.

Ob #Lucrezia Borgia# jenes Meisterwerk ist, das auch ohne Szenerie die angestrebte Wirkung entfaltet? Das jedenfalls wurde in der Pause dieser ersten Neuproduktion der Ära Dominique Meyer heftig diskutiert. Aber Edita Gruberová # und ihretwegen wurde diese Aufführungsserie angesetzt # hat sich schon vor Jahren dafür entschieden, lieber in einer konzertanten Produktion aufzutreten, als in Inszenierungen, mit deren Tendenz sie nicht einverstanden ist.

Der Grund ist einfach: Sie zählt zu jenen rar gewordenen Persönlichkeiten, die mit der Vielfalt ihrer Stimme alle Atmosphären und Situationen auszudrücken wissen, benötigt daher die helfende Hand einer Regie nicht. Oder, um es mit ihren eigenen Worten zu sagen, sie vermag mit ihrer Stimme #das darzustellen, was ich sonst auf der Bühne mit Gesten, Kostüm, Bewegungen zu produzieren habe#.

Sie weiß, wovon sie spricht: Seit über vierzig Jahren steht die gebürtige Pressburgerin auf der Bühne. Unter anderem als #Traviata#-Violetta unter Carlos Kleiber, als Donna Anna an der Mailänder Scala unter Muti, als Manon, Maria in Donizettis #Maria Stuarda#, Gunia in #Lucio Silla#, Gilda in #Rigoletto#, aber auch als Adele in zahlreichen #Fledermaus#-Vorstellungen und in Partien, die man längst nicht mehr mit ihr in Verbindung bringt, wie Ills Tochter in von Einems #Besuch der alten Dame#, die italienische Sängerin in #Capriccio#, das erste Blumenmädchen in #Parsifal#.

Demnächst wird man diese Stationen genauer verfolgen können, denn ab 13. Oktober ist im Österreichischen Theatermuseum am Wiener Lobkowitzplatz die Ausstellung #Edita Gruberová. 40 Jahre Wiener Staatsoper# zu sehen. Dort hat ihre Weltkarriere auch begonnen. Wenngleich mit Umwegen. Denn fast wäre es nicht zu ihrer sensationellen Zerbinetta im November 1976 in Sanjusts Neuinszenierung der #Ariadne auf Naxos# unter Karl Böhm gekommen. Operndirektor Egon Seefehlner wünschte sich dafür nämlich Constance Cuccaro. Schließlich setzte sich der Leiter des Opernstudios Josef Witt durch und ermöglichte der jungen Koloratursopranistin mit dieser ihrer späteren Paraderolle den Weg in eine internationale Karriere.

Karriere mit Umwegen #

Dennoch, der Wiener Staatsoper ist Gruberová bis heute treu geblieben. So war es geradezu selbstverständlich, dass man ihr zu Ehren diese #Lucrezia Borgia#-Serie angesetzt hat. Denn Belcanto ist längst das Vokalreich, in dem sie sich nun schon seit Jahrzehnten am wohlsten fühlt. Was sich auch bei dieser Premiere zeigte. Scheinbar mühelos trotzte sie den vielfachen technischen Schwierigkeiten ihrer Rolle, zeigte, über welch glänzende Technik sie verfügt, welcher Nuancenreichtum ihr zu eigen ist, wie sehr sie in jedem Moment ihrer Stimme die unterschiedlichsten Farben entlocken kann.

Selbst wenn sich # auf höchstem Niveau versteht sich # die eine oder andere kleine Einschränkung machen ließe: Niemand kann heute der Gruberová in diesem Fach Paroli bieten. Wie singt es doch in diesem Donzetti Lucrezias Sohn und Liebhaber Gennaro: #Wie teuer seid Ihr mir!# Entsprechend begeistert war das Publikum, das die Gruberová von Beginn weg mit Bravorufen überhäufte, zuletzt mit Blumen beschenkte.

Schade, dass die übrigen Protagonisten nicht mit diesem Niveau wetteiferten. Denn Michele Pertusi (Don Alfonso I.) beeindruckte mehr durch seine Bühnenpersönlichkeit, José Bros mehr durch sein machtvolles Volumen als durch differenzierte vokale Gestaltung. Staatsoperndebütantin Laura Polverelli (Maffio Orsini) versuchte durch Ausdruck wettzumachen, was ihr an technischer Fertigkeit noch fehlt. Auch die übrigen Protagonisten # darunter Benedikt Kobel, Hans Peter Kammerer, Peter Jelosits, Marcus Pelz # schöpften die Möglichkeiten von Gaetano Donizettis heikler wie kostbarer Partitur bei Weitem nicht aus.

Was auch mit dem zu pauschalen, Spannung nur in Maßen erzeugenden Dirigat von Friedrich Haider zusammenhing, der Chor (Einstudierung: Martin Schebesta) noch Orchester der Staatsoper so zu fordern wusste, um eine glanzvolle Aufführung zu sichern.

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