"Erinnern, nicht jubilieren"

Staatsoperndirektor Ioan Holender im Gespräch über das Jubiläum "50 Jahre Wiener Staatsoper" und die Eröffnung des Staatsopern-Museums, über das Besondere seines Hauses und seine Wünsche ans Publikum.

Die Furche: Am 5. November 1955 wurde die Wiener Staatsoper wiedereröffnet; das Haus galt damals als Symbol für das freie Österreich. Hat die Wiener Staatsoper auch heute noch Symbolwert?

Ioan Holender: Der 5. November 1955 bedeutete die Wahrnehmung der Wiederexistenz Österreichs durch die Welt, nachdem das Land im März 1938 von der Landkarte verschwunden war. Die Wiedereröffnung der Staatsoper war ein wichtiger zeitgeschichtlicher und politischer Akt - ein Weltereignis, ohne jede Übertreibung; nicht unbedingt aus künstlerischen Gründen, aber als Symbol des wiedererstandenen Österreichs. Als "kultureller Leuchtturm" Österreichs hat die Staatsoper auch heute noch die Funktion eines Aushängeschilds des Landes.

Die Furche: Runde Jubiläen sind zur Zeit geradezu inflationär. Sollte man den 50. Jahrestag der Wiedereröffnung eines Opernhauses überhaupt feiern?

Holender: Ich bin nicht der Meinung, dass wir zu jubilieren oder zu feiern haben - wir sollten uns erinnern. Der Spuk des Dritten Reiches hat nicht sehr lange gedauert, die Auswirkungen waren aber enorm: In der ganzen Geschichte der Menschheit hat es nie etwas derartiges gegeben, das so kurze Zeit gedauert und solche Nachwirkungen gehabt hat. Natürlich auch für dieses Haus, für die vielen Menschen - Regisseure, Solisten, Dirigenten, Orchestermusiker bis hin zum Konzertmeister Arnold Rosé -, die dieses Haus nach dem 13. März 1938 verlassen mussten. Wir erinnern auch daran, was zwischen 1945 und 1955 geschehen ist bzw. was nicht geschehen ist: Große Dirigenten wie Otto Klemperer oder Erich Kleiber und viele andere wichtige Persönlichkeiten wurden damals übergangen und für wichtige Positionen im österreichischen Musikleben nicht eingeladen. Wir erinnern uns - und wir danken jenen, die dazu beigetragen haben, dass dieses Haus heute so dasteht wie es dasteht.

Die Furche: Die Staatsoperngeschichte seit 1955 haben Sie zwar nicht ganz, aber zum großen Teil persönlich miterlebt - als Besucher des Hauses, als Sängeragent, als Direktor. Erinnern Sie sich noch an ihre erste Vorstellung, die Sie in der Staatsoper erlebt haben?

Holender: Ich habe die Wiener Staatsoper über den Stehplatz kennen gelernt. Am 14. Januar 1959 bin ich nach Österreich gekommen, und noch im gleichen Monat war ich hier in einer Vorstellung: "Hoffmanns Erzählungen", auf Deutsch gesungen, mit Anton Dermota. Ich habe die Jahre 1959 bis 1964, bis zu meinem Engagement als Sänger am Stadttheater Klagenfurt, sehr intensiv wahrgenommen, auch den Übergang vom Ensemble- zum Gastierbetrieb, und damit verbunden die Kämpfe zwischen den Teilen des Publikums, die für die "alten" Ensemblemitglieder Position ergriffen und den anderen, die Gastsänger bevorzugten. In der Karajan-Zeit (1956-1964; Anm.) ist die Wiener Oper zu einem zentralen Ort der Opernwelt geworden. Herbert von Karajan war die Persönlichkeit, die aus der Wiener Oper ein aller erstes Haus weltweit gemacht hat.

Die Furche: Die Wiener Staatsoper zählt auch heute noch zu den führenden Opernhäusern der Welt, unterscheidet sich aber in ihrem Spielbetrieb wesentlich von anderen großen Opernbühnen.

Holender: Die Wiener Staatsoper ist ein Repertoiretheater, das ist der gravierendste Unterschied - alle anderen großen Häuser in Amerika, Italien und Frankreich sind Stagione-Theater; das bedeutet weniger Opern im Spielplan und weniger Spieltage. Kein anderes Opernhaus der Welt hat so viele Werke im Repertoire - 45 bis 50 -, und kein Opernhaus der Welt spielt so viele Vorstellungen wie die Wiener Staatsoper. Kein anderes Opernhaus der Welt hat ein qualitativ hochrangigeres Orchester, und in keinem anderen Haus dirigieren auch nur annährend so viele wichtige Dirigenten Oper wie an der Wiener Staatsoper.

Die Furche: In Ihrem Vertrag ist festgeschrieben, dass Sie die Staatsoper als Repertoiretheater zu führen haben. Wenn Sie wählen könnten, würden Sie das Stagione-Prinzip vorziehen?

Holender: Ich bin sehr froh, dass Sie das erwähnen; manche Journalisten tun, als ob ich das System erfunden hätte. Natürlich haben beide Systeme Vor- und Nachteile. Ich finde aber, wenn die Menschen dieses Landes so viel Geld für dieses Haus zahlen, haben wir auch eine Verpflichtung, einen Bildungsauftrag - nicht in dem Sinn, dass man die Menschen erzieht, sondern dass eine Generation die Möglichkeit erhält, die Werke der Weltliteratur kennen zu lernen. Genau das geht beim Stagionetheater nicht; da kann es fünf bis zehn Jahre dauern, bis ein Werk wie die "Zauberflöte" wieder auf dem Spielplan erscheint.

Die Furche: Jeder Direktor dieses Hauses war und ist mit der Frage der Ensemblepflege konfrontiert. Wie sieht für Sie ein modernes Ensemble aus?

Holender: Die Identität eines Hauses machen jene Sänger aus, die dort wirklich zu Hause sind. Ein Engagement dauert heute vielleicht nicht mehr zehn Monate wie früher, sondern manchmal nur vier oder fünf Monate; ich finde es aber wichtig, dass eine Angelika Kirchschlager, eine Elina Garanca, eine Krassimira Stoyanova, eine Ricarda Merbeth und viele andere, die international tätig sind, hier eine künstlerische Heimat haben.

Die Furche: Während Ihrer Direktion hat es sehr viele Neuerungen gegeben: die Untertitelanlage wurde installiert, das Kinderopernzelt auf der Dachterrasse errichtet, ein Kaffeehaus wird jetzt gerade eröffnet ebenso wie ein Staatsopern-Museum im Hanuschhof...

Holender: Das Museum der Wiener Staatsoper ist zwar nicht ganz geworden, was ich mir als "Archiv der Oper" gewünscht hatte, aber durch die Großzügigkeit von Siemens Österreich kann man im Staatsopern-Museum die Besetzungen jeder Aufführung seit 1955 abrufen, und man kann die Bühnenbilder von allen Produktionen der letzten 50 Jahre sehen. Erstmals werden Exponate aus dem Archiv der Staatsoper zugänglich.

Die Furche: Was wünschen Sie sich vom Publikum?

Holender: Ich wünsche mir vom Publikum, dass es weiter seine Neugierde und sein Interesse behält. Ich wünsche mir ein bisschen mehr Offenheit für Dinge, die vielleicht ungewohnt oder ein bisschen anders sind, als man sie sich vorgestellt hat. Sture Eingefahrenheit, vor allem was das Optische betrifft, ist nicht zielführend.

Das Gespräch führte Michael Blees.

"Die Staatsoper aus der Tagespolitik geführt"

"Großmeister der internationalen Opernwelt und heimlicher Regent Österreichs" - so nannte Dirigent Franz Welser-Möst Staatsoperndirektor Ioan Holender anlässlich seines 70. Geburtstags im vergangenen Juli. Geboren im faschistischen Rumänien, lässt man ihn wegen seiner bürgerlichen Herkunft zuerst nicht studieren und exmatrikuliert ihn später aus politischen Gründen von allen Hochschulen des Landes; Ioan Holender schlägt sich als Tennislehrer durch, bis er 1959 emigriert. Als Statist, Regieassistent, Regisseur und Opernsänger arbeitet er in seinen ersten Jahren in Österreich, ab 1966 ist er - äußerst erfolgreich - als Künstlermanager tätig. 1991 wird er gemeinsam mit Eberhard Waechter Direktor der Wiener Staatsoper, seit dessen Tod 1992 ist er alleiniger Direktor des Hauses. "Es bleibt Holenders Verdienst", so Wiener Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg, "die Staatsoper aus der Tagespolitik geführt und ihr einen hohen Stellenwert im Bewusstsein der Öffentlichkeit verschafft zu haben."

Samstag, 5. November 2005, 19 Uhr

Festkonzert anlässlich des 50jährigen Jubiläums der Eröffnung der Wiener Staatsoper nach dem Krieg (Ausschnitte aus "Fidelio", "Don Giovanni", "Rosenkavalier", "Aida", "Meistersinger" und "Frau ohne Schatten"; unter Seiji Ozawa, Christian Thielemann, Daniele Gatti und Franz Welser-Möst; mit Edita Gruberova, Soile Isokoski, Violeta Urmana, Agnes Baltsa, Deborah Polaski, Ricarda Merbeth, Johan Botha, Placido Domingo, Michael Schade, Thomas Hampson, Falk Struckmann, Franz Grundheber, Ferruccio Furlanetto u. a.). Live-Übertragung auf den Herbert von Karajan-Platz und in Ö1; zeitversetzte Übertragung in ORF2.

Das Staatsopernmuseum im Hanuschhof (1010, Goethegasse 1) wird am 5. November mit einem Festakt eröffnet; Öffnungszeiten ab 6. November: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr.

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