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"Es ist immer Liebe und Tod"

Volksoperndirektor Robert Meyer über Auslastung, Premierenvorhaben, Wiener Hauspolitik und die Schwierigkeit, einen Chefdirigenten zu finden. Das Gespräch führte Walter Dobner

Er ist Direktor, Schauspieler und Regisseur an der Wiener Volksoper: Robert Meyer. In der FURCHE spricht er über den Erfolg "seines" Hauses, die Beziehung zu seinen Kollegen in der Staatsoper und dem Theater an der Wien sowie über englischsprachige Operetten .

DIE FURCHE: Herr Direktor, wichtiger als Zahlen sind Eindrücke und schöne Erlebnisse, schreiben Sie im Vorwort zur kommenden Saison. Aber ganz ohne Zahlen geht es nicht. Wie haben Sie die Volksoper übernommen, wo steht sie heute, am Ende ihrer zweiten Spielzeit?

Robert Meyer: Wir haben in meiner ersten Spielzeit, 2007/2008, die Auslastung enorm gesteigert. Sie lag unter 80 Prozent. Ich wollte immer einen Achter davor haben, derzeit stehen wir bei 84,38 Prozent.

DIE FURCHE: Worauf führen Sie das zurück?

Meyer: Ich glaube, wir haben für alle ein interessantes Programm gemacht. Dazu kommt, dass sich Presse, Marketing und der Direktor ungeheuer in das Vermarkten gestürzt haben. Wenn ein Direktor auch Regie führt und auf der Bühne steht - manche sagen oft, manche sagen zu oft, ich sage, es ist gerade richtig -, ist das für das Haus auch positiv. Vorausgesetzt, der Direktor ist ein Schauspieler.

DIE FURCHE: Dass ein Direktor in der Volksoper auftritt, ist nichts Neues, ich denke an Carl Dönch.

Meyer: Es ist nichts Außergewöhnliches. Denn der Direktor ist, bevor er Direktor war, auch mit diesen Kollegen auf der Bühne gestanden. Wenn ich auf der Bühne stehe, vergesse ich, dass ich auch der Direktor bin. Beim Schlussapplaus und wenn ich das Haus sehe, wie schön besucht es ist, freue ich mich wieder - nicht nur als Darsteller, sondern auch als Direktor.

DIE FURCHE: Jahrzehntelang war Wiens Operngeschehen mehr oder weniger auf Staats- und die Volksoper konzentriert. Jetzt ist das Theater an der Wien als drittes großes Opernhaus mit dabei. Wie sehr beeinflusst das Ihre Programmpolitik?

Meyer: Wir sind ein Repertoirebetrieb und haben uns auf die Fahne geheftet, dass wir alle Neuproduktionen - ich spreche in erster Linie von den Opern - in deutscher Sprache herausbringen. Geyer hat einen Stagionebetrieb, er bringt die Opern in Originalsprache und außerdem Werke, die wir nie machen werden, zum Beispiel Barockopern. Davon abgesehen sprechen wir miteinander. Es macht auch nichts, wenn wir jetzt "Ariadne" haben, er macht sie dann zu einem Zeitpunkt, wo wir sie nicht auf dem Programm haben.

DIE FURCHE: Wie sieht es mit dem Kontakt der Direktoren untereinander aus? Mit der Staatsoper müssen Sie durch das Ballett jedenfalls zusammenarbeiten …

Meyer: Das Ballett hat einen eigenen Ballettdirektor, es ist nicht ganz ausgegliedert, aber zusammengefasst worden, es hat 50 Abende in der Staatsoper und 30 in der Volksoper, darunter zwei Premieren. Das funktioniert sehr gut, ich hoffe, dass das auch unter dem neuen Ballettdirektor so sein wird. Die Staatsoper hat einen viel größeren Vorlauf, die wissen schon vier Jahre vorher, was sie spielen, wir haben jetzt die Planung 2011/12 angefangen.

DIE FURCHE: Kommen wir zum Künstlerischen. Zuletzt, bei "Fra Diavolo", ist das Konzept wohl nicht aufgegangen, die Kritiken waren ziemlich einhellig. Wie sehen Sie das?

Meyer: Beim Publikum kommt die Produktion sehr gut an, bei der Kritik gar nicht, das kann man ruhig laut sagen. Der Schlussapplaus bei der Premiere war neun Minuten. Es hat viele Leute gegeben, denen es sehr gut gefallen hat. Beim einen oder anderen hat Unbehagen hervorgerufen, dass so viel Waffen auf der Bühne waren - aber es ist eine Raubersg'schicht.

DIE FURCHE: Diese Saison gibt es nur mehr eine Premiere, "Ariadne", die nächste Spielzeit eröffnen Sie mit Operette, Zellers "Vogelhändler" mit englischen Untertiteln. Warum?

Meyer: Wir haben bei allen Operetten Übertitel und erklären das in englischer Sprache. Wir haben auch fremdsprachige Besucher und mit welcher Sprache sonst sollte man übertiteln? Wir übersetzen nicht alles, zum Beispiel keine Dialoge. Hier übersetzen wir nur einen Satz, was geschieht, ich sehe das als große Hilfe für das Verständnis.

DIE FURCHE: Am Operettensektor ein sonst an den Schauspielhäusern gezeigter Offenbach und Paul Abrahams "Die Blume von Hawai", in der Oper ein neuer "Rigoletto", eine neue "Entführung", Prokofjews "Liebe zu den drei Orangen" und eine Uraufführung von Christian Kolonovits - wie passen diese neuen Premierenvorhaben zusammen?

Meyer: Ich finde es immer ganz lustig, wenn ein Festspiel oder eine Spielzeit unter ein Motto gestellt wird, zum Beispiel Liebe und Tod. Es ist immer Liebe und Tod. Man muss an der Volksoper für alle etwas bringen: Oper, Operette, Musical, Ballettabende und alles, was wir unter Volksoper spezial verstehen. Zum ersten Mal nach langer Zeit haben wir zehn Premieren, darüber bin ich sehr glücklich, damit haben wir jedes Monat eine Premiere und ist die Volksoper jeden Monat im Fokus des Interesses.

DIE FURCHE: Die Musicalpremiere ist allerdings nur konzertant.

Meyer: Wir hatten diese Saison mit "Guys and Dolls" einen riesigen Musicalerfolg. Wir werden es auch in der nächsten Saison spielen. Musical kostet viel Geld. "South Pazific" ist eines der wichtigsten Musicals überhaupt, mit Ferruccio Furlanetto und Marjana Lipovsek haben wir eine besondere Besetzung, daher können wir diese drei Aufführungen als konzertantes Musical-Highlight machen.

DIE FURCHE: Haben Sie Untersuchungen, woher ihr Publikum kommt?

Meyer: Bei der Operette und beim Musical haben wir inzwischen sehr viele Gäste aus Fernost, aber in erster Linie setzt sich unser Publikum aus Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, Burgenland, Steiermark zusammen.

DIE FURCHE: Übernächste Saison löst Dominique Meyer Ioan Holender in der Staatsoper ab. Wie wird sich das auf das Verhältnis von Volks- und Staatsoper auswirken?

Meyer: Wir wissen ungefähr, was er in seinem ersten Jahr macht, aber das weiß die Presse auch, denn was weiß sie nicht? Ich verstehe mich sehr gut mit ihm, wir haben uns schon des Öfteren getroffen. Ich hoffe sehr, dass wir auch einen regen Sängeraustausch machen.

DIE FURCHE: Ein leidiges Thema ist die Frage des Chefdirigenten. Wie ist hier der aktuelle Stand? Leicht ist es sicher nicht, jemanden zu finden, der alle Genres abdeckt und auch noch einen Gutteil des Jahres am Haus ist?

Meyer: Was erwartet man sich von einem Chefdirigenten? Man erwartet sich, dass er sechs Monate im Haus ist, er müsste sich um das Orchester kümmern, der Direktion mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ich hätte nichts gegen einen tollen Berater, der Chefdirigent oder Chefdirigentin wäre. Wir haben ihn noch nicht gefunden, aber in der vergangenen Saison und auch in der jetzigen viele neue Dirigenten hergeholt. Mich freut aber wahnsinnig, dass unser Orchester jetzt wieder einen sehr guten Stand in der Kritik hat. Deswegen lehne ich mich nicht zurück, aber es muss jemand sein, mit dem auch das Orchester kann.

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