Ehrt eure deutschen Meister

Am 26. September haben an der Grazer Oper Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ Premiere – der Einstand für die neue Intendantin Elisabeth Sobotka. Im FURCHE-Gespräch erklärt sie, warum dieses Werk, nimmt Stellung zum Regietheater, bricht eine Lanze für die Operette und schwärmt von Daniel Barenboim.

Finden manche Männer es immer noch empörend, wenn Frauen Macht übernehmen? Ist das nur ein Nachjustieren? In Graz bekommt die Frauenriege im Kulturmanagement – Anna Badora leitet das Grazer Schauspielhaus, Veronica Kaup-Hasler den steirischen herbst, Barbara Pichler die DIAGONALE – ab sofort Verstärkung durch die neue Opernintendantin Elisabeth Sobotka, 44, die aus Wien stammt und zuletzt sieben Jahre lang unter Daniel Barenboim die Geschicke der Staatsoper Unter den Linden in Berlin lenkte.

Die Furche: Beseelt Sie Machtgefühl in Ihrer neuen Position?

Elisabeth Sobotka: Woher kann jemand, der vom Zusammenwirken hunderter Gleichgesinnter und einer kompetenten Kulturpolitik abhängig ist, Machtgefühle generieren? Prinzipalismus und Diktatorenwahn sind doch längst démodé. Manche Fachleute haben sich mir gegenüber gewundert, dass ich zu meinem Amtsantritt an der Grazer Oper nicht die halbe Belegschaft gekündigt habe, was international ja eher üblich ist. Dazu kann ich nur sagen: Es war ein Glücksfall für mich, wie mein Vorgänger Jörg Koßdorff das Haus zur Übergabe bereitet hat und mir ein freundschaftlicher Förderer war. Das Haus funktionierte in den letzten Jahren wunderbar, der Chefdirigent und das Orchester sind exzellent. Im Ensemble sind viele ausgezeichnete Persönlichkeiten.

Die Furche: Sie hatten mit Udo Zimmermann in Leipzig und mit Ioan Holender in der Wiener Staatsoper, wo Sie acht Jahre lang Chefdisponentin waren, sehr verschiedene Lehrmeister …

Sobotka: In Leipzig hatten wir zu einem Jubiläum der Oper acht Premieren in einem Monat zu disponieren, das war schon eine Feuertaufe. Holender lenkte mich mit Charme und Sturheit als Nachfolgerin von Rudolf Berger, der Direktor der Volksoper wurde. Aber noch lehrreicher war naturgemäß Daniel Barenboim, der zu den raren Menschen gehört, die alles können und unbeirrbar so gut wie nie aufgeben, wenn ein Projekt an Grenzen stößt. Und auch das scheinbar völlig unverrückbare Nein noch in ein Ja umdrehen. Ich verehre ihn.

Die Furche: Was drängte Sie dazu, ausgerechnet in Graz, einst „Stadt der Volkserhebung“ genannt, mit Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ Ihre Intendanz zu starten?

Sobotka: Ich hatte zwei Optionen: Alle Kräfte für einen repräsentativen Brocken mobilisieren oder mit einer Rarität „reinschleichen“. Da habe ich auf einer Tafel auf der Rückseite der Grazer Oper Wagners Sachs-Text gelesen und wage jetzt, nach über dreißig Jahren, in denen es in Graz dieses Werk nicht gab, einen neuen Anlauf. Immerhin feiert die Grazer Oper heuer auch ihren 110. Geburtstag. Opernchef Johannes Fritzsch war von Anfang an begeistert, wir haben die Besetzung dafür – und darum also los mit „Ehrt eure deutschen Meister“. Mit dem Wagner-Missbrauch durch das Dritte Reich haben wir nichts zu schaffen. Das wird auch die Inszenierung von Alexander Schulin beweisen.

Die Furche: Damit kommen wir zum Aufregerthema Regietheater. Sie haben in einem Interview mit dem ORF gesagt, Sie hätten vor, in Graz die Tradition weiterzuführen und auszubauen. Welche Tradition?

Sobotka: Erstens jene des ausgewogenen Spielplans. Zweitens jene der stilistischen Vielfalt. Ich glaube, dass Oper immer funktionieren kann ohne strenge zeitliche Bindung. Nicht alles, was als Regietheater firmiert, ist ein solches, sondern mitunter einfach handwerklich und gedanklich inferior. Aber egal, ob Peter Konwitschny seine Dresdener „Skandal-‚Csárdásfürstin‘“ in Graz in dieser Spielzeit präsentieren wird oder Stephen Lawless eine elegante Hochglanzversion der „Fledermaus“, Stefan Herheim seine „Rusalka“-Interpretation oder Johannes Erath Bergs „Lulu“ – ich glaube, dass eine Regiearbeit dann gut ist, wenn sie dem heutigen Publikum noch etwas zu sagen hat.

Die Furche: Sie setzen einen kräftigen Akzent auch für das Grazer Tanztheater?

Sobotka: Ja, das muss ich, weil Darrel Toulon und seine Truppe viel auf dem Kasten haben. Sein Bach-Abend „Nomaden“ (Premiere im Februar 2010) wird alle Kräfte schonungslos fordern. Bei der Wahl, entweder „Nußknacker“ klassisch oder Tanz heutig kann ich bei einer Kompagnie mit nur 18 Tänzern keine klassische Bolschoi-Optik herstellen, da muss ich wissen, wie meine Kräfte ausschauen.

Die Furche: Unerwartet entdeckt man in Ihnen eine Verfechterin der Operette: Sie bieten programmatisch zwei Operetten und ein Musical in dieser Spielzeit.

Sobotka: Ach, ich würde für die Operette gerne zur Schatzgräberin werden, denken Sie an alles, was von Offenbach, Suppé oder gar Sullivan bei uns im Spielplan fehlt.

Die Furche: Welche Musik hören Sie privat?

Sobotka: Meistens höre ich mich ein in Dinge, die ich vorbereite. Zu Hause lieber gar nicht, da höre ich lieber auf meinen fünf Jahre alten Sohn Felix. Meine Eltern, die nichts Musikalisches in ihrem Berufsleben zu pflegen hatten, waren privat immer höchst aktiv. Mein Vater kann so gut wie jedes Instrument spielen, meine Mutter ist eine echte Opern-Afficionada. Dass mein Traum, Sängerin zu werden, nicht in Erfüllung ging, ist den physischen Gegebenheiten geschuldet. Aber Operndirektorin zu sein, ist ja fast die Erfüllung für jemanden wie mich, eine passionierte Stehplatzbesucherin.

Die Furche: Wäre es nicht eine schöne Huldigung an den Genius Loci gewesen, wenn Sie zum 2010 anstehenden Hugo-Wolf-Jahr (150. Geburtstag) des Steirers vergessene Oper „Der Corregidor“ zum Auftakt Ihrer Direktion genommen hätten?

Sobotka: Das wäre ein Reinschleichen mit einer Rarität gewesen, die noch dazu nicht wirklich Musiktheater bietet.

Die Furche: Wäre es nicht geradezu avantgardistisch, Opern heute wieder nach den Vorgaben ihrer Schöpfer und den in den Libretti intendierten gesellschaftlichen Bedingungen vorzustellen?

Sobotka: Manchmal funktioniert dies ja, siehe die wunderbaren Operninszenierungen von Peter Stein oder Jean-Pierre Ponnelle. Aber die „Meistersinger“ im Wagner-Kostüm – das kann ich mir einfach nicht mehr vorstellen.

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